– Kennt Ulrich meinen Bruder?
Nein, sagte der Bote mit erschrockenem Gesicht, nein, fräulein, ich denke nicht; aber was sagt ihr, der Herr von Langen zieht den Weg, den mein Herr kommen wird?
Ja! Ja! er wird ihm begegnen, wird ihn sprechen, o wenn sie sich nur kennen, nur einander nicht verfehlen!
Und euer Bruder, schrie der Bote, ist, wie man sagt, in der heimlichen Acht!
Welche Frage! erwiderte ich voll Bestürzung. Wollt ihr? – Doch wie sollte ich Verdacht auf Ulrichs Vertrautesten setzen!
Lasst mich! Lasst mich! schrie Ulrichs Diener, ich muss fort Unglück zu verhüten!
Ich sah ihm, fast leblos vor Entsetzen nach. Was will er machen? rief ich. Unglück verhüten? Konraden vielleicht vielmehr verraten? Doch er ist Ulrichs Diener! – – Nein, Ulrichs Leute können so wenig falsch und treulos sein als er selbst. Ist er nicht der einige Vertraute unserer Liebe? der einige Ueberbringer unserer geheimen Botschaften? habe ich ihn je auf einer zweifelhaften Handlung betroffen?
Mit unbegreiflicher Unruhe ging ich in meinem Zimmer auf und nieder, eilte bald ans Fenster, bald an die Hinterpforte, um zu sehen, ob Ulrich käme. – Wo er doch bleiben mag! rief ich. – Sein Bote sagte doch, er würde sogleich hier sein!
Der Abend kam heran, Ulrich war noch nicht da. Einsam und weinend sass ich im dämmernden Zimmer, da öfnete sich die Tür, ein Mann trat herein, von dem mir der Umriss seiner Gestalt, die ich noch dunkel erkennen konnte, von dem mir mein Herz, das bei seinem Eintritt gewaltiger schlug, gesagt haben würde, es sei Ulrich, wenn er nicht anstatt zu meinen Füssen zu fliegen, langsam eingetreten wär, sich einige Schritte genaht, dann wieder entfernt, und endlich sich mit von mir abgewandtem Gesicht an die Wand gelehnt hätte.
Wer bist du? rief ich mit zitternder stimme. – Keine Antwort, als ein tiefer Seufzer!
War dieses nicht dein Hauch, Ulrich? schrie ich, und eilte mit offnen Armen auf ihn zu! – Ja du bist, du bist es! Dein Seufzen verrät dich derjenigen die – –
Zurück! zurück fräulein! schrie er, ihn dürft mich nicht anrühren, meine hände sind voll Blut!
Voll Blut? wiederholte ich, armer Ulrich, du bist verwundet? O hülfe! hülfe!
Ich bin nicht verwundet, ich habe verwundet! rief er im fürchterlich holen Ton.
Und wen? fragte ich zitternd.
Euren Bruder! schrie er, das Unglück führte ihn in meine hände!
Mein Mädchen, die mich vor einem Augenblick nach hülfe rufen gehört hatte, kam und brachte Licht.
Ulrich und ich standen gegen einander, lebendige Abdrücke des Entsetzens, er mit todtenbleichem Gesicht, mit entblösstem Degen, seine hände und die Rüstung mit Blut besprützt und ich mit einem Blicke, der alles sagte, was ich empfand.
Meinen Bruder? wiederholte ich nach einer langen Pause. Meinen Bruder? das Blut, das an deinen Händen klebt, ist Konrads Blut? – Unseliger! was bewog dich?
fräulein, schrie er, ich musste! ein fürchterlicher Eid band mich!
Meinen Bruder zu ermorden? – Ungeheuer!
O dass er mir nicht begegnet wär! Warum musstet ihr ihn mir entgegen schicken? Ihr wisst, ich suchte ihn zu vermeiden. Hat mein Bote nicht – – –
Dein Bote? du musstest? Ein fürchterlicher Eid? schrie ich, ohne zu wissen, was ich sagte. – Die Gedanken vergingen mir, und ich sank leblos in meines Mädchens arme.
Als ich erwachte, war Ulrich verschwunden, und meine Dirne konnte mir nichts weiter sagen, als dass er noch viel unverständliches gestammelt, und sich endlich mit der Versicherung entfernt habe, er werde sich rechtfertigen, und ich werde ihm verzeihen müssen.
Verzeihen? schrie ich, ihm den Tod meines Bruders verzeihen?
Ich brachte diese Nacht in dem entsetzlichsten Zustande zu. Die Unmöglichkeit, mich aus diesen Labyrinten zu finden, verwirrte mir beinahe den Verstand.
Der Morgen brachte mir Vermehrung meiner Qual. Das Gerücht breitete sich aus, Ritter Konrad von Langen sei unweit seines Schlosses von den Freischöppen gefunden und nach Osnabrück lebendig ins gefängnis geliefert worden.
Ein eiskalter Schweiss überzog meine Stirne bei dieser Post, das schrecklichste geheimnis fing an mir klar zu werden, und ich erlag unter der Last dieser Entdeckung.
Ulrichs Diener, welcher wenig Stunden darauf um Zutritt bei mir bitten liess, und ihn endlich erhielt, machte meine Mutmassungen zu Gewissheiten. – Er getraute sich nicht, es gerade heraus zu gestehen, dass sein Herr einer der Beisitzer des heimlichen Gerichts sei; ihr wisst, wie geheim diese Dinge gehalten werden, aber seine Aussage bewiess nur gar zu genau, was man hievon zu denken habe.
Er gestand so viel, sein Herr habe von dem Unglück meines Bruders gehört, sei heftig erschrocken, habe geschworen, er müsse mich mit oder wider meinen Willen heimlich entführen, müsse vermeiden, Konraden zu sehen, habe eine fürchterliche Angst bezeugt ihm nicht in den Weg zu kommen, habe eben darum seinen Diener ausgeschickt diese Begegnung zu verhüten.
Leider hatte ihn das Schicksal demohngeachtet Konraden entgegen geführt. Er kannte ihn nicht, sah aber bald einen einzelnen Reuter vom schloss herab kommen, den er aus einigen Umständen für meinen Bruder hielt. Er hielt es nicht wider seine