Morgens die Botschaft brachten, die Freischöppen seien diese Nacht zum drittenmahl da gewesen, aber mein Bruder habe ihre Ladung so gleich von der Pforte abreissen, und vernichten lassen. Niemand dürfe davon sprechen was geschehen sei.
Auch erwähnte Konrad in der Tat der Sache gegen mich mit keinem Worte, doch sah ich ihn oft unruhig und nachdenkend; eine Erscheinung die mir so ungewohnt war, dass auch ich von neuem aufmerksam wurde und wieder in meine ehemaligen Besorgnisse zurückfiel. Sie wurden nur gar zu sehr durch den Erfolg bestätigt; Konrad war nur durch Verschweigung seines Unglücks bisher in seinem gewöhnlichen stand geblieben, jetzt, da es durch die heimliche Flucht eines unserer Bedienten ruchtbar ward, dass er sich unter der heimlichen Acht befinde, jetzt gewann alles ein anderes Ansehen. Schon bei der ersten Ladung hatten, wie ich jetzt erst erfuhr, die mehrsten von Konrads Leuten, welche nicht leibeigen waren, ihm den Dienst aufgekündigt, und nichts als Versprechungen und Geschenke hatten sie zurückhalten können. Nichts war jetzt mehr im stand sie zu fesseln, selbst meine Mädchen verliessen mich bis auf eine einige. Die Fräuleins aus der Nachbarschaft flohen meinen Umgang, und Beate von Meerveld, auf deren Treue Konrad wie auf Felsen gebaut hätte, kündigte ihm den Bund der Liebe auf.
Es ist um mich getan, rief Konrad eines Tages, als ich auf seine Forderung zu ihm eilte. Hier ist die vierte Ladung. Die Schöppen haben sie bei hellem Sonnenlicht an die Burgpforte geheftet, und drei Steine aus der Mauer mit sich genommen. Ich bin beschimpft, bin verfehmt, wenn ich nicht erscheine; und erscheinen werde ich nun und in Ewigkeit nicht. Ich muss fort, Schwester! habe Mitleid mit mir! verlass mich nicht auch, wie alles mich verlässt! Befördere meine Flucht, verheimliche sie so lange du kannst, und dann fliehe auch du, nur jetzt, nur in diesem schrecklichen Augenblicke nicht! bleib, bleib, Alize! oder ich muss dich und mich ermorden!
Fliehen? dich verlassen? schrie ich mit Tränen. Sieh ich folge dir, wenn du willst, nehme teil an deinem Elend, ob ich – ob ich gleich nicht gesündigt habe.
O! schrie er, nicht diese Vorwürfe! Nein du hast nicht gesündigt, hast mich Sünder oft gewarnt, aber Alize, keine Vorwürfe, oder du bringst mich zur Verzweiflung.
Mein Bruder war fürchterlich in diesen Augenblikken! Sein Zustand erfüllte mich zugleich mit Schrekken, Mitleid und inniger schmerzhafter Liebe. Er hing ganz an mir, ich schien sein einiger Trost zu sein, er liess mich nicht aus den Augen, und begleitete mich überall, wohin mich die Anstalten zu seiner Abreise trieben.
Endlich war alles bereits, alles was von einiger Kostbarkeit vorhanden war, selbst das, was er mir geschenkt hatte, ward zusammengepackt, um ihm seine Flucht zu erleichtern, ich mochte nichts von den Schätzen behalten, welche vielleicht mit dem Unglück meines Bruders erkauft waren.
Konrad schloss mich beim Abschied mit heisser Zärtlichkeit in seine arme; er seufzte, dass er mich so ganz ohne Schutz zurücklassen musste. Hätte ich, sagte er, hätte ich dich nur erst in die arme eines guten Mannes liefern können! Doch deine Schönheit, deine Tugend, selbst die Treue, die du jetzt an deinen verlassenen Bruder beweisest, werden dir tausend Herzen erwerben, und du kannst noch glücklich sein.
Wie könnte ich, schluchzte ich, so lange du elend
bist, an Liebe und Heirat gedenken? siehe, ich gelobe dir, selbst dann, wenn ich den schon kennte, der einst mein Gemahl werden soll, ihm nicht eher die Hand zu geben, bis ich Nachricht von deinem Glück, von deiner Sicherheit habe.
Tue es nicht, Schwester, erwiderte er, gelobe
nichts von dieser Art, du brauchst einen Schützer, und o wollte Gott, du liebtest einen edlen Mann, und er wär sogleich hier, dass ich dich ihm anvertrauen könnte.
Ich fühlte, dass mein Gesicht glühte, und ich ver
mochte nicht zu antworten. Ich dachte an Ulrichen, der kürzlich von seinem zug nach Italien zurückgekommen war, und den ich täglich erwartete. Möchte er doch jetzt kommen, seufzte ich, möchte er ihm wenigstens begegnen!
Nur ein Versprechen, sagte Konrad, indem er mich
nochmals umarmte, nur eins fordere ich von dir. Beglücke keinen von meinen Verfolgern mit deiner Hand. Du bist zu gut, zu schön, um der Raub eines dieser Unwürdigen zu werden!
Ich schwur ihm was er verlangte, und wir rissen
uns von einander; schon hatten wir vielleicht zu lang gezögert, und in unserer Lage war jeder Augenblick kostbar.
Funfzehntes Kapitel.
Fortsetzung.
Weinend eilte ich auf mein Zimmer, und fand Trost daselbst, einen Boten von meinem geliebten Ulrich, der in meiner Abwesenheit angekommen war. Ich hatte meinen Bruder zu der hintern Schlosspforte hinausbegleitet und also dem Ueberbringer guter Botschaft nicht begegnen können.
O! rief ich, wo ist euer Herr! – O dass er nicht eine Stunde eher erschienen ist, wenn er, wie ich hoffe, sich in der Nähe befindet!
Er kommt, erwiderte er, er wird gleich hier sein, er wünschte insgeheim bei euch eingelassen zu werden; er bittet, dass ihm die Hinterpforte geöfnet werde.
Er kommt diesen Weg? rief ich voll Freude. O so wird er ihm begegnen, wird meinem Bruder begegnen! wird mit ihm von unserer Liebe sprechen können.