Benedikte Naubert
Herrmann von Unna
Eine geschichte aus den zeiten der
Vehmgerichte
Erster teil
Erstes Kapitel
Ein Gespräch am Hochzeittage.
"Am Montage nach Allerheiligen, als Kaiser Wenzel Sophien, Herzog Johannes von Bayern Tochter heimführte," so fängt die Urschrift an, welche wir uns bei dieser geschichte zum Leidfaden erwählt haben, und wir werden keine bessere probe von der Treue, mit welcher wir unserm Original zu folgen gesonnen sind, ablegen können, als wenn wir uns diesen Anfang gefallen lassen, und dich, lieber Leser, ohne weitern Umschweif mitten in das Gewühl lärmender Freude einführen, welches bei Kaiser Wenzels Hochzeitfeste herrschte, obgleich ein solcher Anfang dir von der Folge dieser Blätter vielleicht einen ganz falschen Begriff beibringen könnte. Wirst du wohl in einer geschichte ernste Scenen erwarten, welche mit der Beschreibung eines Fests beginnt, von dem man weiter nichts zu sagen braucht, als dass es ganz von dem Charakter desjenigen zeigte, der es anstellte, des Hochzeiters, Kaiser Wenzels?
Nach der Gewohnheit der damaligen Zeit waren schon drei Tage in allen möglichen Arten des Wohllebens verstrichen, und der vierte, der eigentliche Tag der ehelichen Vertrauung war angebrochen, an welchem es gemeiniglich etwas sittsamer zuzugehen pflegte als an den vorhergehenden. Daher kam es, dass der erhabene Hochzeiter nicht allein seine schöne Braut aus Priesters Hand mit nüchternem unbenebelten verstand einfing, sondern auch noch am Abend, da der Tanz bereits in den weiten Sälen des Schlosses zu Prag begann, nur erst so viele Pokale geleert hatte, als bei ihm hinlänglich waren, jenen Grad von Fröhlichkeit und Vergessenheit der Sorgen zu erkünsteln, die dem guten Herrn bei seiner bedenklichen Lage so nötig war.
Nie hatte ihm, auch selbst in seinen jungen Jahren nicht, seine gränzenlose Liebe zur Bequemlichkeit erlaubt, einen Reiz an dem Vergnügen des Tanzes zu finden; er überliess dasselbe auch diesesmal der adelichen und unadelichen Jugend, die sein wunderlicher Sinn bei diesem Feste durcheinander gemischt hatte, und spielte mit dem Herzog von Ratibor in einer Ecke des Saals, ein Bretspiel, welches wahrscheinlich mit dem tiefsinnigen Schach nicht die entfernteste Aehnlichkeit hatte, ein Zeitvertreib, der, wir müssen es selbst bekennen, seiner Hoheit und seinen Jahren angemessener war, als das üppige Tanzen.
In einer andern Ecke des Saals sass, eben so abgeneigt an der rauschenden Freude teil zu nehmen als der phlegmatische Kaiser, die Braut, ein holdes geschöpf in der ersten Blüte des Lebens, in der Einsamkeit eines Klosters erzogen, das sie gern verliess, um Kaiserin zu werden, und eben so gern wieder bezogen, es auf Lebenszeit zu ihren Aufentalt gewählt hätte, nachdem sie denjenigen nur ein einigesmal gesehen hatte, der ihr die Krone aufsetzen wollte.
Kaiser Wenzel, ein Fürst, dem in den Jahren der besten männlichen Blüte, – er war noch nicht vierzig, – Schwelgerei und Indolenz schon die Züge des herannahenden Alters eindrückten, er, auf dessen Wangen, in dessen Augen nicht die liebliche Röte, das edle Feuer der Jugend, sondern nur jene Röte, jenes Feuer glühte, welches den Trunkenbold bezeichnet, Kaiser Wenzel, dessen Seele so arm an grossen Eigenschaften als seine person an Reizen war, er, den man ohne die Zeichen seiner Hoheit unter den niedrigsten des volkes verloren haben würde, welch ein Gemahl für Sophien!
Es ist unbekannt, ob das Herz der unglücklichen Braut, je für einen andern dasjenige gefühlt hatte, was man ihr an diesem Tage vor dem Altar gebot für Wenzeln zu fühlen, aber so viel ist gewiss, dass sie in der Versammlung, in welcher sie die Hauptperson vorstellte, fast nicht einen, als etwa Wenzels Busenfreund, den alten Hanussus von Ratibor, erblicken konnte, welcher nicht mit Vorteil gegen den Bräutigam hätte vertauscht werden können, den ihr das Schicksal zugeteilt hatte. Was für eine Betrachtung für eine junge Braut mit einem zarten gefühlvollen Herzen! für sie, die mit diesem Herzen Tugend und Frömmigkeit genug verband, um jeden Gedanken von dieser Art, der etwa in ihr aufstieg, strafbar zu finden, und zu den Leiden, die sie ohnedem quälten, auch noch selbst Vorwürfe zu fügen!
Sophie war indessen so glücklich in dem Herzoge von Bayern dasjenige zu finden, was wenige Töchter an ihren Vätern haben, einen Freund, einen Vertrauten ihrer geheimsten Gedanken; ihm zu Liebe hatte sie einen Schritt getan, den sie so gern wieder zurück genommen hätte, wenn sie nicht gewusst hätte, dass es zum Glück dieses geliebten Vaters gehörte, sie kaiserin zu sehen. Sie ward Wenzels Verlobte, war nun seine gemahlin, und – musste es bleiben, wenn sie nicht die liebsten Hoffnungen desjenigen zerstören wollte, der ihr alles war, wenn sie sich nicht selbst Schande und Unglück zuziehen wollte.
Herzog Johann, war klug genug, seiner Tochter an diesem traurigen Feste nicht von der Seite zu gehen, und da es ihm unmöglich gewesen war, sie zu einer zerstreuenden Teilnahme an dem Geräusch der Hochzeitfreude zu bewegen, so teilte er ihre Einsamkeit mitten in der zahlreichsten Versammlung mit ihr, hörte ihre Klagen, hörte das Bekenntniss ihrer innersten Gedanken nachsichtsvoll an, und lenkte sie durch weise Ratschläge auf den Weg, welcher nunmehr der einzige war, den sie zu gehen hatte.
Endlich, sagte er, endlich ist es Zeit, dich dieser quälenden Vorstellungen zu begeben. Vergleichungen, die zum Nachteil deines Gemahls ausschlagen müssen, Wünsche, du möchtest nicht an der glänzenden Stelle sitzen, die dir das Schicksal bestimmt, sehnsucht nach dem Kloster, Klagen,