Brief gebracht hat? Wissen sie denn – – –
Lass mich! erwiderte ich und ich bemühte mich sie mit der Hand von mir abzuwehren, ich weis nichts, als dass ich die unglücklichste Mutter von der Weit bin; weis nichts, als dass ich fürchten muss, auch vielleicht in dir eine Boshafte zu erziehen, die dereinst meines grauen Alters spottet.
Mit gefaltenen Händen, und fest auf mich gerichteten Blicken stand Julchen vor mir; Tränen tröpfelten aus ihren Augen, und ihre bekümmerte Miene fragte mich: Was hab ich getan, diesen Vorwurf zu verdienen?
Ich zog sie zu mir, und drückte sie an meine Brust. Ich konnte nicht sprechen, aber meine Tränen sagten ihr, dass mich meine Uebereilung reute, dass mein Herz nichts wider sie hätte.
Julchen unterbrach endlich diese stumme Scene. Darf ich nun, sprach sie, indem sie von der Stelle aufsprang, wo sie vor mir gekniet hatte, darf ich nun meine Schwestern herein rufen?
Deine Schwestern?
Ja, ja Amalien und Jucunden; ich bringe sie sogleich, aber – liebe Mutter, keinen zornigen blick für die Armen, keinen Vorwurf; ach sie sind so traurig, sie bedürfen keine weitere Kränkung. – Ich rufte ihr nach, um sie noch einmal zu fragen, ob es möglich sei? ob ich recht gehört habe? aber fort war sie, und ich befand mich in einem neuen Erstaunen, das so gross als das erste, nur von angenehmerer Art war.
Achtzehntes Kapitel
Jucunde und Amalie
Julchen blieb lange aussen. Ich ergriff in dieser Zwischenzeit Peninnens Brief noch einmal, ich sties auf die Stelle, in welcher sie der Ueberbringerinnen desselben gedachte, ich hatte dieselbe ganz übersehen, der übrige Inhalt war zu sonderbar, zu wichtig, um mir Gedanken für etwas anders übrig zu lassen. Jetzt erst begriff ich, was Peninna sagen wollte, und die lebhafteste Freude bemeisterte sich meiner Seele. Mit offenen Armen würde ich meinen Verlornen entgegen geeilt sein, wenn ich meinem Herzen hätte folgen wollen, aber ich hielt es für gut, den mütterlichen Wohlstand ein wenig in acht zu nehmen, und sie, Julchens Vorbitte ungeachtet, mit etwas strenger und ernster Miene zu empfangen.
kommt, kommt ihr Lieben, hörte ich Julchens liebkosende stimme von aussen keine Furcht! keine Einwendungen! Habt ihr denn so ganz vergessen, wie gütig unsere Mutter ist? – Ach sie hat sich nach euch gesehnt, hat so oft um euch geweint, wie sollte sie sich nicht freuen euch wieder zu sehen? –
Das fehlte noch, dachte ich bei mir selbst, dass die kleine Zauberinn mir das Herz vollends weich machte.
Die drei Schwestern traten ein. Ich war an ein Fenster getreten um meine Bewegung zu verbergen. Endlich musste ich mich doch umkehren. Julchen sah aus wie ein tröstender Engel, der ein paar reuige Sünder vor ihren Richter führt, und ihre Gefährtinnen, wie ein paar busfertige Magdalenen.
Vermutlich Madam Feldner, und die berühmte Schauspielerinn Jucunde? – fragte ich, indem ich mich bemühte, einen festen Ton anzunehmen. –
Julchen wandte sich weg, und schlug die hände zusammen, als wollte sie sagen: so waren denn also meine Vorbitten ganz vergebens? Die beiden andern warfen sich zu meinen Füssen. Gebrochne Worte: Reue, Vergebung, Verführung, waren alles, was ich verstehen konnte. Das letztere durchbohrte mir das Herz. Ich wusste, dass sie verführt waren. So jung, und in solchen Händen, wer hatte da nicht verführt werden sollen!
Stehet auf, rief ich und bemühte mich immer noch meinen ernsten Ton beizubehalten, stehet auf! Diess sind Teaterstreiche! – Sie blieben liegen und netzten meine Knie mit ihren Tränen. Stehet doch auf, wiederholte ich, ihr wisset, dass ich das Knieen nie vertragen konnte! – Sie blickten auf, der weichere Ton meiner stimme machte ihnen Mut mich anzusehen, sie sahen mein mit Tränen überströmtes Gesicht, sie sprangen auf, und warfen sich in meine arme.
Was soll ich mehr sagen? ich behauptete meine vorgenommene Rolle schlecht; ich war nicht mehr die strenge Richterinn, war ganz Mutter, und ob ich gleich nicht im stand war, ein Wort zu sagen, so fühlten doch die armen Büssenden, ihre Verzeihung in der Wärme, mit welcher ich sie an meinen Busen drückte. Auch sie waren stumm. Aber Julchen machte die Freude desto lauter, sie wusste nicht, auf was für Art sie sie äussern sollte, sie war ausser sich, und das Verlangen, das ihr eigen war, auch andere an dem was sie glücklich machte, teil nehmen zu lassen, würde sie vielleicht bewogen haben, das ganze Haus herbei zu rufen, um sich mit ihr über die Scene zu erfreuen, die sie entzückte, wenn ich nicht ihre Absicht gemerkt, und sie zurückgehalten hätte.
Was willst du machen? fragte ich. O lassen sie mich, rief sie, ich muss, ich muss mehr Teilnehmer zu unserer Freude holen; erlauben sie mir wenigstens Klaren – – Um Gotteswillen, sprach Jucunde, stellen sie uns niemand fremden zur Schau! ich wollte lieber, dass ich mich hier vor jedermann verbergen könnte. – Sei ohne Sorgen, erwiderte ich, deine Schwester überlegt nicht was sie sagt. Geh Julchen, lass mich mit deinen Schwestern allein, und wenn du etwas nützliches tun willst, so gehe zu deinem Vater, und bereite ihn auf den Anblick deiner Schwestern vor, und sei bei