war nicht geneigt, diese übertriebene Delikatesse, auf die Rechnung seiner Rechtschaffenheit zu schreiben; in meinen Augen war dieses noch Ueberbleibsel von Liebe zu Charlotten. Ich ward eifersüchtig – und die Wahrheit zu gestehen, ich bin es noch.
Die letzte Bitte, die ich an Herrn Haller tat, war, mich nach Wien zu meiner Cousine, der Regierungsrätinn von Berg zu begleiten, welche mich nach dem tod meines Bruders eingeladen hatte, bei ihr zu leben. Mein Geliebter willigte ein. Wir langten zu Wien an. Herr Haller, der die Regierungsrätinn noch als fräulein von Wilteck gekannt haben musste, und nicht die vorteilhafteste Meinung von ihr hegte, bezeigte wenig Lust sich von mir bei ihr einführen zu lassen, er hätte es lieber gesehen, wenn ich selbst, meinen Entschluss bei ihr zu leben geändert hätte, er riet mir, mit ihm zu seiner Mutter zu reisen, und bei ihr es abzuwarten, wie sich unser Schicksal entwikkeln würde.
Ein Umstand machte, dass er seine Meinung änderte. Er erfuhr, dass eine Mamsell Haller sich bei der Regierungsrätinn aufhielte, sie war – verzeihen Sie, Madam, dass ich es sagen muss – sie war – in einem etwas zweifelhaften Rufe, und, er wünschte durch mich zu erfahren, ob dieses Frauenzimmer eine von seinen Schwestern sei, und ob sie den Namen – in der Tat, Madam, ich weiss nicht recht, wie ich sagen soll – den Namen einer – einer vertrauten Freundinn des Herrn Regierungsrats wirklich verdiene.
Um Gotteswillen, fräulein, unterbrach ich hier Klarens Rede, halten sie mich nicht länger aufstürzen sie mich nicht in Verzweifelung! was fanden Sie!
Ich weis nicht, erwiderte Klare, mit einigem Stokken, ob mein Urteil hier gültig sein kann. Sie wissen wohl, ein Mädchen, das im Kloster erzogen ist, so lange in der Einsamkeit gelebt hat, hegt vielleicht überspannte Begriffe vom Schicklichen und Unschicklichen. – Und – überhaupt, es gefiel mir in dem haus des Regierungsrats gar nicht, es herrschte daselbst ein gewisses wüstes, unregelmässiges Leben, das ich nicht gewohnt war. – Was nun Mamsell Peninnen anbelangt, so wüsste ich nicht das geringste an ihr zu tadeln, als das Wohlgefallen, mit welchem sie an allen Lustbarkeiten des Hauses teil zu nehmen schien; der Regierungsrat bezeigte sich gegen sie ehrerbietig und seine gemahlin freundlich, aber wenn sie den rücken wandte, so sprach der erste von ihr mit dem Entzücken eines Liehabers, und die andere mit der Strenge einer eifersüchtigen Tadlerinn. Ich habe Gabrielen über sie weinen gesehen, und sie von ihr das Unglück ihres Hauses nennen hören.
Herr Haller, dem ich alles dieses sagte, legte es sehr übel aus, und als er Peninnen vollends einmal in Gesellschaft des Regierungsrats, im Glanz einer Feenköniginn im Schauspiel erscheinen sah, und unterschiedliche zweideutige Urteile über sie hörte, da gab er den Vorsatz auf, sich ihr zu entdecken. Er bat mich, ihr nichts von ihm, oder der Verbindung, in welcher ich mit ihm gestanden habe, zu sagen. Er verliess Wien, um, wie er sagte, zu seiner Mutter zu reisen, und ihr die Entscheidung unsers Schicksals aufzutragen.
Ich blieb nach seinem Abschied noch eine Zeitlang bei meiner Cousine, ich gewann Peninnen lieb, und bedauerte sie. – – Und sie hatten nicht die Menschlichkeit, unterbrach ich Klaren, die Unglückliche zu warnen? – Wie konnte ich das? antwortete sie; Peninna taumelte von einem Vergnügen zum andern, sie war fast nie zu haus oder allein. Meine Cousine, die Regierungsrätinn, riet mir überdem, mich vor ihr zu hüten, weil sie eine ganz eigene beleidigende Art habe, gutgemeinte Warnungen zu erwiedern, und wahrscheinlich alles bei ihr verlohren sei.
In wie weit Mamsell Haller diesen Vorwurf verdiente, weis ich nicht; ich habe nichts als Sanftmut und Güte von ihr gesehen, und würde vielleicht ihre eifrigste Verteidigerinn geworden sein, wenn ich nicht vorher von Vorurteilen wider sie eingenommen gewesen wär, welche Gabriele sorgfältig zu nähren suchte.
Gabriele ist falsch; einige freundliche Blicke, die ihr Gemahl auf mich geworfen, oder ein kleines Lob, das er mir erteilt haben mochte, machte sie zu meiner heimlichen Feindinn. Ich musste fürchten, mein guter Ruf möge durch ihre böse Zunge ebenfalls leiden. Ich hielt es für gut, Wien zu verlassen. Ich wusste ja Zuflucht bei der Mutter meines Geliebten, ich konnte hoffen, ihn noch daselbst zu finden, und wenn ich seine Vorurteile herzhaft angriff und ihre Schwäche erwies, vielleicht bei einer günstigen Richterinn eine vorteilhafte Entscheidung unsers Schicksals zu finden. Gewiss war mir es weniger um mein Glück als um das seinige zu tun, ich wusste mein Vermögen, und auch vielleicht meine person konnte ihn glücklich machen.
Ich kam hier an; aber meine Augen suchten meinen Samuel vergeblich; diese fehlgeschlagene Hoffnung machte mich mutlos, die Nachricht von seiner fernen Reise stürzte mich in Verzweiflung, sie war der sicherste Beweis seiner ganz erloschenen Liebe, und des Verlangens, sich von mir loszumachen. Sollte mich nun auch die Hoffnung auf die Liebe und den Schutz seiner Mutter getäuscht haben, Himmel! was würde dann aus mir werden!
Sechzehntes Kapitel
Die alte Frau eifert wider das leidige Teaterwesen
Klare geriet nach Endigung ihrer geschichte in ein tiefes Nachdenken, und ich fand in derselben, auch für mich, so viel Stoff zu traurigen Betrachtungen, dass ich mich kaum aus demselben emporreissen konnte, um ihr ihre letzten Worte mit der