zu lange vorentalten habe. Wenn sie ihren Sohn, so wie sie mich versichern, seit der Zeit, dass ich ihn kennen lernte, nicht gesehen haben, so werden sie ohne Zweifel manches von mir erfahren, das ihnen ganz neu sein muss, und das über verschiedene ihnen dunkle Stellen seines bisherigen Schicksals ein Licht verbreiten wird.
Von meiner eigenen person und meinen Schicksalen kann ich ihnen wenig sagen. Ich bin noch sehr jung, ich brachte die grösste Zeit meines Lebens in einem Kloster zu, in welchem ich erzogen ward, und der erste merkwürdige Zeitpunkt meines Lebens, war der, da ich ihren Sohn kennen lernte.
Meine Eltern hatte ich in meiner frühsten Kindheit verlohren, sie waren arm, und das was von ihrem Vermögen, nach der Teilung zwischen mir und einem Bruder auf mich kam, war eben hinlänglich mir den Aufentalt in einem Kloster zu verschaffen, in welchem man auch jungen Frauenzimmern, die der katolischen Religion nicht zugetan waren, den Zutritt verstattete, wenn sie von gutem stand waren, und angesehene Vorsprecher hatten; unser Haus war mit der Familie von Wilteck etwas verwandt, Wiltecks, ungeachtet sie sich nicht des alten Adels rühmen können, wie das Haus von Vöhlen, hatten einigen Einfluss in dieser Gegend, und durch sie gelang es mir, an dem einigen Orte unterzukommen, wo ich von dem wenigen, das ich besass, mit einigem Anstand leben konnte.
Mein Bruder war in Kriegsdiensten, er konnte
wenig zu meiner Unsterstützung tun, allein seine Zärtlichkeit gegen mich, die der elterlichen nahe kam, die ich so kurze Zeit genossen hatte, und seine Besuche, die er mir so oft gönnte, als es der Dienst verstattete, machten mich mit meinem stand zufrieden, und liessen mich kaum vermuten, dass es ein höheres Glück auf der Welt gäbe. – Ich war zu jung, um Plane für die Zukunft zu machen, und zu unverständig, um einzusehen, was ich ohne eine sonderbare Wendung des Glücks dereinst für eine elende Rolle in der Welt spielen würde. Mein Bruder war nicht so unbesorgt in diesem Stück, mein künftiges Schicksal machte ihm Kummer, und er beklagte oft gegen mich den gesunkenen Zustand unsers Hauses, welches vor zeiten eins von den grössten in Schwaben war, aber nach und nach in Verfall geriet, und zu zeiten meines Urgrosvaters, endlich durch gottlose Ränke um das letzte kam, was es von seinen Herrlichkeiten übrig hatte.
Mein Bruder kannte die Lage der Sachen, er wusste,
dass Geld und ein geschickter Sachwalter vielleicht im stand sein würden, uns wieder in den Besitz unserer Gerechtsamen zu bringen, aber wo sollten wir diese beiden Erfordernisse finden? Zudem hatte mein Bruder zu wenig Einsicht in die Rechte, um entscheiden zu können, ob nicht vielleicht, wie ihn andere versichern wollten, die Sache zu verjährt wär, um mit Glück geführt werden zu können.
Zu dieser Zeit war es, dass mein Bruder einmal zu mir kam, und ein Zeitungsblatt mit sich brachte, um mir einen Artikel in demselben vorzulesen, in welchem gebeten wurde, wenn noch einige Nachkommen der alten schwäbischen Familie von Vöhlen vorhanden wären, so möchten sie sich zu R... bei einem gewissen Samuel Haller melden, welcher ihnen Dinge von Wichtigkeit zu entdecken hätte.
Mein Bruder nahm Abschied von mir, und sagte, dass er gesonnen wär, dieser Sache nachzuforschen. Die Einladung, setzte er hinzu, ist zwar ziemlich unbestimmt und rätselhaft; aber ich weis nicht, was mir für eine idee vorschwebt, es könne etwas gutes für uns dahinter verborgen sein, und Leute wie wir, die vom Glück so ganz verlassen zu sein scheinen, dürfen nichts versäumen, was einem Ausgang aus ihrem dunkeln Zustande ähnlich sieht. –
Meines Bruders Versprechen bald wieder zu kommen, und mir fleissig zu schreiben, tröstete mich ein wenig über den Abschied, und die Vorstellung, was wohl der Grund der rätselhaften Einladung sein möchte, die ihn von mir gelockt hatte, war mir eine angenehme Beschäftigung in der Einsamkeit. Tausenderlei Luftschlösser, so bunt und seltsam wie sie nur in dem Gehirn einer jungen unerfahrnen person Platz haben können, wurden in dieser Zeit von mir erbaut, und ich sah mit Verlangen dem ersten Briefe meines Bruders entgegen, um bei genauerer Nachricht auch meine Vorstellungen erweitern und besser ausschmükken zu können.
Es dauerte sehr lang ehe ich etwas von den Dingen erfuhr, die meine Einbildungskraft so sehr beschäftigten. Ein Brief von ihm gab mir nur sehr dunkele unvollständige Nachricht von dem, was ich zu wissen verlangte, er sagte wenig von dem, was Herr Samuel Haller an ihn zu bestellen gehabt habe, aber desto weitläuftiger breitete er sich über die person und den Charakter dieses edlen Mannes aus. Alles was er von ihm sagte, wär schon hinlänglich gewesen, die Einbildungskraft eines Klostermädchens in Feuer zu setzen, wenn er auch seinen Brief nicht mit den Worten beschlossen hätte: O Klare, dir so einen Gemahl, und mir so einen Bruder! O dass ihn das Schicksal nicht adelich geboren werden lies! Doch welcher Stand ist meinem Haller unerreichbar und was ist Adel gegen Tugend?
Das Bild, das ich mir von dem neuen Freunde meiner Bruders schuf, schwebte mir unablässig vor Augen, und immer tönten mir die Worte des briefes in den Ohren: Dir so einen Gemahl, und mir so einen Bruder, und was ist Adel gegen Tugend.
Die folgenden Briefe fuhren fort, rätselhaft zu sein, sie sprachen von einem unerwarteten Glück