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Furcht des guten Mädchens wahr machen zu können, aber sie hatte etwas in ihrem Ansehen, das allen Verdacht widerlegte. Ich musste mehr von ihr wissen. Sie kannte meinen Sohn, sie stand, wie sie sagte, in Verbindung mit ihm, die Nachricht von seiner Entfernung, gab ihrem unschuldigen Gesicht einen Ausdruck von so tiefem ungeheucheltem Schmerz, Ursachen genug für mich, mich für sie zu interessiren. – Ich gab Waltern und Charlotten einen Wink uns allein zu lassen, ich besorgte, die Gegenwart mehrerer Zeugen, möchte ihr eine deutlichere Erklärung erschweren, und glaubte, wenn wir allein wären, glücklicher in meinen Nachforschungen zu sein.

Sie müssen offenherzig mit mir sprechen, liebes fräulein, sagte ich, und rückte meinen Stuhl näher zu dem ihrigen. Wie lernten Sie Samuelen kennen? welche Verbindung fand zwischen ihnen statt? und was haben Sie durch ihn verloren?

Ach alles! schrie sie mit Tränen; ihm hatte ich mein Glück zu danken; mit ihm wollte ich es teilen. Wenn ich meinem Herzen trauen darf, so war er nicht gleichgültig gegen mich, und nun flieht er vor mir, flieht ohne dabei an mich zu denken, ohne mir zu sagen, warum oder wohin! – – – –

Ha! dachte ich, wieder eine neue probe von deinen Grillenfängereien, Samuel! – Aber fräulein, sprach ich zu der Fremden, darf ich nicht um eine umständlichere Erklärung aller dieser Dinge bitten?

Und, fuhr sie fort, ohne auf mich zu hören, er sagte mir noch, beim letzten Abschied; ich gehe zu meiner Mutter, ihr unser verhältnis selbst vorzulegen, und sie darüber urteilen zu lassen, bei ihr, meine Klare, kannst du meinen Entschluss erfahren, wenn das Schicksal – – – Ach Madam Haller, unterbrach sie sich, sie wissen seinen Entschluss, sie wissen ob er meine Hand angenommen oder verworfen hat!

liebes Kind, sagte ich, alles was sie mir da vortragen, sind mir dunkle Rätsel; ich habe meinen Sohn vor seiner Abreise nicht gesehen, nur einen Brief erhielt ich von ihm, in welchem er mir entdeckte, dass er nach Amerika gehe, weil unter dem europäischen Himmel kein Glück für ihn vorhanden sei.

Kein Glück! schrie Klara mit gerungenen Händen; Himmel kein Glück, und er hatte doch mich! – Zeigen sie mir den Brief, Madam, er kann, er kann nicht so geschrieben haben.

Samuels Brief war nicht so beschaffen, dass ich ihn vor fremde Augen konnte kommen lassen; ich versicherte Klaren, dass er nur Familienangelegenheiten entalte, und ihrer mit keinem Worte gedenke.

Sie geriet in ein finsteres Stillschweigen. Walter trat herein, und entschuldigte seine gattin, die sich wegen einer kleinen Unpässlichkeit hätte nach haus begeben müssen. Die Dame war also nicht ihre Tochter? sprach Klare, indem sie wie aus einem Traume auffuhr. Madam Charlotte Walter, erwiderte ich, die gattin dieses Herrn. Charlotte? sagte sie, drum wohl erwiderte sie meine Liebkosungen so kalt; wer kann es ihr verdenken? wer wüsste, ob ich so freundlich gegen sie gewesen wär, wenn ich gewusst hätte, dass ich meine Nebenbuhlerinn umarmte.

Charlotte, sagte ich, ist die gemahlin dieses Herrn, und denkt längst nicht mehr an vergangene Dinge. Ich sagte dieses, weil ich einen kleinen Verdruss in Walters Gesicht über Klarens Worte zu sehen glaubte. Sie zuckte die Achseln, und meinte, sie müsste Charlotten glücklich preisen, wenn dieses wahr wär, sie hielt es nicht für so leicht, einen Mann, wie Samuel Haller, zu vergessen.

Nach Walters Abschied glaubte ich glücklicher in meinen Nachforschungen bei der Fremden zu sein, aber vergebens; sie blieb nachdenkend und sehr einsylbig in ihren Worten. Es ward spät; ich fragte sie, ob sie bei mir übernachten wollte, sie sprach, sie könnte nicht leugnen, sie habe auf diese Einladung gerechnet, und nehme sie sehr gern an. – Ich gab ihr das kleine Haus ein, das mein Vater ehemals bewohnte, und überlies ihr, auf ihre Bitte, Julchen zur Gefärtinn, die indessen hereingekommen und von ihr, als Samuels Schwester, sehr liebreich bewillkommet worden war.

Fünfzehntes Kapitel

Liebesgeschichte eines Klostermädchens

So war also meine Familie auf einmal mit einer person vermehrt, die ich nicht kannte, aus welcher ich nicht wusste, was ich machen oder in wiefern ich ihren Worten trauen sollte. – Julchen sagte mir, sie habe diese Nacht wenig geschlaffen, und Samuels Namen unzählich oft genannt, auch habe sie bei ihr ein Porträt ihres Bruders gesehen.

Es vergingen unterschiedliche Tage, ehe ich eine zusammenhängende Erzehlung der Dinge die ich wissen wollte, von ihr erhalten konnte. Ihr stilles verschlossenes Wesen riss mich aus der Verlegenheit, unter was für einem Schein ich sie meinem mann vorstellen sollte, eine verlassene Geliebte von Samuelen würde schlechte Aufnahme bei ihm gefunden haben. Zum Glück verriet sie sich gegen ihn mit keinem Worte. Er nahm es mit seinem gewöhnlichen mürrischen Wesen auf, als ich ihm sagte, sie sei eine Fremde, die eine kurze Zeit bei uns zu wohnen wünschte, und sie war viel zu sehr in sich selbst gekehrt, als dass sie seine finstern Blicke hätte bemerken sollen.

Endlich kam doch die gewünschte Stunde, die meine Neugierde befriedigen sollte. Ich fühle es, sagte sie eines Tages, dass ich ihnen Rechenschaft von gewissen Dingen schuldig bin, die Sie so nahe angehen als mich, und die ich Ihnen nur gar