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, so war es Walters und Charlottens Gesellschaft; wir sahen uns fast täglich, und ob gleich Herr Haller wenig Geschmack an ihnen zu finden schien, so gab es doch Stunden, in welchen er selten zum Vorschein kam, und wir sicher sein konnten, dass wir von seinen finstern Blicken nicht in unserer Ruhe gestört wurden.

In einer von diesen süssen seligen Stunden war es, dass sich eine Begebenheit zutrug, welche mich eine person kennen lehrte, die in der Folge einen wichtigen Einfluss auf mein Glück hatte, und die auch jetzt schon mehr in die Schicksale der Meinigen verflochten war, als ich denken konnte.

Ein fräulein von Vöhlen liess sich bei mir ansagen. Von Vöhlen? wiederholte ich, nie habe ich diesen Namen gehört. Mir klingt er sehr bekannt, sprach Walter, ich dächte Charlotte, fuhr er fort, indem er sich zu seiner gattin wandte, die gegenwärtige Besitzerinn des Guts, das dir einmal bestimmt war, wär uns fräulein von Vöhlen genannt worden. Sie müssen wissen, Madam Haller, setzte er hinzu, dass uns vor einiger Zeit die Akten von der Endigung dieses Prozesses vorgelegt wurden, und dass wir eine nochmalige feierliche Entsagung von allen Rechten, auf das streitige Gut von uns geben mussten. Wir gaben sie von Herzen gern, unser alter Freund Samuel, hatte uns längst die Augen über die Unrechtmässigkeit unserer Ansprüche geöfnet, und so sehr man sich auch von verschiedenen Seiten bemühte, uns zu bewegen, die Sache noch mehr zu verwirren, indem wir uns in den Rechtshandel mischten, so hielten wir doch für gut, ganz still dabei zu sitzen, und ich denke, wir taten recht, nicht wahr Charlotte, diess ist auch deine Meinung? O ja, sagte Madam Walter, in einem Tone, der mir mehr aufgefallen sein würde, wenn sich nicht in dem Augenblick die tür geöfnet hätte, und die gemeldete Dame eingetreten war.

Ich ging ihr entgegen. Ein jugendliches geschöpf in simpler Reisekleidung, nahte sich mir, und fragte mich in schüchternem Tone, ob sie die Ehre hätte, mit Madam Haller zu sprechen? Ich bejahte die Frage, wir nahmen Platz, und es erfolgte eine lange Pause, welche ich endlich durch die Frage unterbrach, welche Angelegenheit mir das Glück verschafte, das fräulein von Vöhlen kennen zu lernen. – In der Tat, Madam, stotterte sie, eine der wichtigsten Angelegenheiten meines Lebens. Sie sah vor sich nieder und ein paar Tränen tröpfelten aus ihren Augen.

Ich schwieg, weil ich hoffte, sie würde sich deutlicher erklären. Fassen sie Mut, mein fräulein, sagte ich endlich, entdecken sie mir alles, die gegenwärtigen Personen können ihnen keinen Zwang anlegen. Dieser Herr hier, tut mir die Ehre mich Mutter zu nennen, und dieses junge FrauenzimmerIst also ihre Tochter? unterbrach sie mich mit einem etwas munterern Tone, o Jukunde oder Amalie Haller, oder wie sie heissen mögen, erlauben sie, dass ich sie umarme und sie Schwester nenne! Sie war auf Charlotten zugegangen, und schloss sie so fest in ihre arme, als ob sie ihre älteste Busenfreundinn vor sich hätte. – Auch sie, auch sie muss ich an meine Brust drücken, fuhr sie fort, indem sie sich zu mir wandte, und sie Mutter nennen.

Ich erwiderte ihre Liebkosungen mit vielem Feuer. Ohne schön zu sein, hatte sie so etwas unwiderstehlich einschmeichelndes in ihrem Wesen, so viel Unschuld und Redlichkeit in ihrem blick, und selbst in ihrer Furchtsamkeit war so etwas hinreissendes, dass man von ihr eingenommen ward, ohne selbst zu wissen, durch welchen Zauber dieses zuging.

Wie? rief ich, sie kennen meine ganze Familie, sie nennen mich Mutter, sie schliessen mich mit solcher Wärme in ihre arme, und ich hörte heute ihren Namen zum erstenmal? – Aber nicht zum letzten, wie ich hoffen will, sprach sie. Wenn ich nur erst alle ihre Kinder beisammen sehen werde, denn denke ich, wird sich schon einer finden, der mich Ihnen vorstellt, und mir Ihre Gewogenheit, ihren Umgang, ach einen langen ungetrennten Umgang von ihnen erbittet.

Ich sah Waltern und Charlotten, mit Verwunderung an, ich wusste nicht, was ich aus der sondenbaren Art, mit welcher das Mädchen sprach, machen sollte.

Madam Haller, fing sie nach einem kleinen Stillschweigen in einem Tone an, als wenn sie sich scheute, alles zu sagen, was sie auf dem Herzen hatte; Sie haben Söhneich will sagen, sie haben einen Sohn. – Darf ich fragen, wo Herr Samuel Haller ist? – Ich bitte, legen sie mir diese Frage nicht übel aus, sie wissen nicht, in welcher Verbindung ich mit ihrem Sohne stehe.

Mein Sohn? sprach ich; er stand in einer Verbindung mit ihnen, und es war ihm möglich, Sie zu verlassen? Dass er sein Vaterland, seine Mutter, seine Familie verliess, und nach Amerika ging war schon genug, aber ein Mädchen, wie sie, vielleicht eine Geliebte, eine Braut zu verlassen? – Das ist unerklärlich! –

Nach Amerika? wiederholte die Fremde, nun so bin ich in der Tat elend! Ach ich werde ihn nie wiedersehen, und sie, werden mich von sich stossen, mich für eine Abenteurerinn, für eine Landläuferinn halten, weil ich niemand habe, der ihnen die Wahrheit meiner Worte beweisst.

Dieser Auftritt hatte in der Tat genug abenteuerliches an sich, um die