meiner Stelle stösst.
Katarines? wiederholte ich, nun wohl, gleichgültig ist es mir nicht, diesen Menschen uns überall im Wege zu finden; indessen wenn er das leisten kann, wozu er sich anheischig macht, so sehe ich nicht, warum ich ihm nicht das Amt zu Hohenweiler, so gut gönnen sollte, als einem andern.
Ha der Verräter, schrie er, ich, ich selbst habe ihn in den Stand gesetzt, mich zu verdrängen. Er ist jetzt reich, und ich bin ein Bettler; ihm ward das Glück zu teil, das mir bestimmt war! rasend, rasend möchte ich werden, wenn ich mir das denke!
Ich forschte den rätselhaften Reden meines Mannes weiter nach, und erfuhr – Himmel, kaum kann ichs sagen; ich fühle wohl, meine philosophische Verachtung der Reichtümer ist noch nicht gros genug, um bei allen Streichen des Glücks gelassen zu bleiben. Ihr werdet euch noch des englischen Looses erinnern, welches mein Mann töricht genug war zu verkaufen. Unser Herr Pfarrer drang es ihm damals, weil er sah, dass er Geld brauchte, für eine Kleinigkeit ab; er hatte Kommission von seinem Vetter Herrn Katarines, ihm ein los in der nehmlichen Lotterie zu verschaffen. Es reute meinen Mann bald hernach, er suchte vergebens, sein los wieder zu bekommen, und er warf einen bittern Hass auf denjenigen, der ihn um seine Anwartschaft auf ein zweifelhaftes Glück gebracht hatte. Nun stelle man sich vor, wie ihm zu Mute sein musste, als er jetzt erfuhr, dass dieses los, das er so lüderlich verschleuderte, Herrn Katarines in den Besitz von zehn tausend englischen Pfund gesetzt hatte; ein Glück, das dieser Schleicher, der Himmel weis aus welchen Ursachen, bisher verborgen hielt.
Ich schwieg, nachdem ich diese Erzählung endlich ganz aus meines Mannes mund erpresst hatte; Herr Haller schwieg auch, aber unser Schweigen war die Hülle des tiefsten Schmerzes, der sich denken lässt. Ich war nicht geitzig, wie ich hoffe, aber ich hatte Kinder; konnte ich es gleichgültig ansehen, dass uns das, was uns die Vorsehung bestimmt zu haben schien, so recht aus den Händen gerissen wurde? – Auch mein Gewinnst war in der Luft verflogen, die Absichten meiner guten Tante waren vereitelt, und ich und die Meinen schienen dazu bestimmt zu sein, wenn das Glück vor unsern Füssen lag, viel eher die darnach ausgestreckte Hand zu verlieren, als es erreichen zu können.
Ich ziehe einen Vorhang über die Wut meines Mannes, bei diesem traurigen Vorfall; er schien wirklich in Gefahr zu sein, den Verstand zu verlieren, und ich musste für ihn zittern, wenn ich an die Zukunft dachte. Wir mussten Herrn Katarines weichen; seine würdige gemahlin hatte Mittel gewusst, sich mit ihm auszusöhnen, sie machte sich oft gelegenheit nach Hohenweiler zu kommen, um sich ihre neue wohnung zu besehen, und ich musste es also auch noch erleben, dass meine alte Feindinn, die Verführerinn meiner Tochter, über mich triumphirte, und meinen bisherigen Platz in meiner ruhigen wohnung einnahm.
Wir verliessen Hohenweiler, und Julchen vergas nicht, mich den Tag vor unserer Abreise noch in den unterirdischen gang zu locken, welches bisher durch andere Dinge war verhindert worden. Sie hatte ihren gefundenen Schatz liegen lassen, wie sie ihn fand, oder vielmehr wie er durch ihren Fall in Unordnung gebracht worden war; ein kleines zertrümmertes irdenes Gefäss mit einigen hundert umhergestreuten alten Gold- und Silberstücken, ein Todtenkopf und etliche menschliche Rippen und Schulterknochen, eine verloschene Lampe und ein Schnupftuch, das das erschrokkene Mädchen auf der Stelle hatte liegen lassen, diess war es was wir fanden. – Sehen sie, liebe Mutter, sprach die Kleine, dass ich nicht träumte! Ich schüttelte den Kopf, und konnte mich nicht entalten, das ganze Behältniss in der Mauer zu untersuchen; ich fand nichts als noch etliche wenige Goldstücke, und einige Todtenbeine. – Julchen bat um Erlaubnis, ihren Schatz ihrem Vater bringen zu dürfen. Er ist so traurig, sagte sie, vielleicht wird ihn das freuen. Er nahm es an, aber es freute ihn nicht, vielmehr stürzte ihn der Gedanke, ein Haus verlassen zu müssen, in dessen Keller ein Schatz gefunden worden war, vollends in Verzweifelung; er konnte sich die Möglichkeit nicht ausreden, es könnten hier noch mehrere Schätze verborgen sein, um die er nun gebracht würde.
Vierzehntes Kapitel
Ein irrendes fräulein
Wer kann sich die traurige Lage eines Mannes, der mit einem auf solche Art zerrütteten Gemüt, mit einem von solchen Hirngespinnsten erfüllten Kopf, in eine müssige Einsamkeit geht, wer kann sie sich schrecklich genug vorstellen! Wir bezogen unser geliebtes Traussental von neuem, aber es war mir nicht mehr der paradiesische Ort wie vormals. Die Geister meiner abgeschiedenen Freunde, der Schatten meines verstorbenen Vaters, und meiner hier gebohrnen nun verlornen Kinder, begegneten mir auf allen Schritten. Meine Gesellschaft bestand aus einem mürrischen oft halb wahnsinnigen mann, aus einem jungen Mädchen, das ich liebte, und um deren trübe, so elend zugebrachte Jugend ich trauten musste, und aus einem heranwachsenden Knaben, dessen aufblühende Schönheit, dessen himmlisches Lächeln, nicht die Kraft hatte ihn für übler Begegnung zu schützen, oder das harte Herz seines Hassers zu erweichen. Wer kann mir sagen, welcher von diesen dreien Gegenständen meines Kummers, meine Seele am tiefsten verwundete?
Gab es ja noch etwas, das mir in dieser Verfassung, Trost und Linderung sein konnte