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solchem Ernst vorzubringen, dass ich hoffen konnte, sie würden einigen Eindruck machen. Für mich selbst aber zog ich in der Stille auch eine Lehre von Wichtigkeit aus diesem Abenteuer; nämlich, wie behutsam die Märchenerzehlerinnen zu verfahren ursache haben; alle junge Personen haben einen Wohlgefallen an abenteuerlichen Geschichten, aber wie verschieden ist der Eindruck, den dergleichen Dinge auf diese Art von Zuhörern haben! Ich erzehlte mein Märchen zwo jungen Mädchen von ganz verschiedenem Alter und Gemütsart, aber ich hatte nicht Ursache mich bei einer von beiden, der Würkungen desselben sehr zu erfreuen.

Zwölftes Kapitel

Wiederkehrendes Ehestandglück

Ich würde vielleicht Julchens Bitten, mit ihr nochmals in den Keller zu kommen, nachgegeben haben, wenn nicht ein Auftritt von ganz anderer Art, sich mir eröfnet und alle meine Gedanken auf wichtigere Gegenstände geleitet hätte.

Die tür ward aufgerissen; mein Mann stürzte herein. Er warf sich mir um den Hals, und schrie: o Weib, derengleichen es auf der Welt nicht geben kann! ich bin frei, frei durch dich, und das fürchterlichste Unglück befalle mich, wenn ich je deine Güte misbrauche! – Noch war mir es unmöglich, seine Liebkosungen zu erwiedern, ich fasste seine hände, und sah ihn mit einem steifen forschenden Blicke an, den er wohl zu verstehen schien. Ich weis was du sagen willst, sprach er, aber wenn ich dir jemals das vergesse, was du in diesen Tagen an mir getan hast, so soll – – Halt ein, unterbrach ich ihn, wozu brauchst du Beteurungen bei derjenigen, welche so geneigt ist, dir auf dein blosses Wort zu glauben? – Julchen, umarme deinen Vater, du siehst er ist nun frei, und deine frommen Wünsche sind erhört. Julchen umfasste seine Kniee und badete seine hände mit ihren Tränen, er beugte sich zu ihr herab, und begegnete ihr so liebreich, dass mein ganzes Herz dadurch bewegt ward.

O Albert! rief ich, und drückte seine Hand, wärs möglich, dass wir noch einmal mit einander die alten glücklichen Tag sehen könnten?

Der Rechtsgelehrte trat in diesem Augenblick ein, und endigte diese Scene der Zärtlichkeit und Versöhnung. Er blieb diesen Tag bei uns. Wir sprachen den ganzen Abend von der Art, wie die verdrüssliche Sache beigelegt worden war; Dinge welche zu sehr mit der Hohenweilerschen Amtsverfassung zusammen hiengen, und mir selbst in vielen Stücken zu unverständlich waren, als dass sie sich gut wiederholen liessen.

Wir dankten und lohnten unserm Freunde wie es sich gebührte, und er verliess uns. –

Nun war ich mit meinem mann wieder allein; unser Ehestand fing sich gleichsam von neuem an, und eine ganz neue Epoche meines Lebens begann. Freude und Dank füllten unsere gespräche in den ersten Tagen aus, nach und nach, als wir auf unsere verlornen Kinder zu reden kamen, wurden unsere Unterhaltungen weniger angenehm. Ich fragte nach Amalien und Jucunden; ich wollte umständlichere Auskunft über ihr Schicksal haben, und ob ich mich gleich bemühte, allen Ton des Vorwurfs zu vermeiden, so war doch schon die blosse Nachfrage ein Vorwurf für ihn. Er bat mich, ihn nicht an vergangene Dinge zu erinnern, und ein paar ungeratene Töchter ihrem Schicksal zu überlassen. Viel lieber, möchte ich dich fragen. fuhr er fort, wie wir um Hannchen gekommen sind; es gehen wunderliche Gerüchte von ihrem tod.

Ich fühlte wohl, dass dieses Erwiederung meines vermeinten Vorwurfs sein sollte, aber ich hielt nicht für gut es zu ahnden. Ich erzehlte ihm die Sache ganz plan und ohne Bemäntelung, und belegte sie mit dem Briefe der Verstorbenen. Ich stellte ihm Ludwigen als seinen Enkel vor; er machte ihm einige Liebkosungen, nannte ihn einen schönen Jungen, und sagte, er würde ihn lieben, wenn er nicht in die Wilteckische Familie gehörte. Die verdammten Wiltecke! fuhr er fort, sie kamen nach Berlin, wie sie sagten, mich abzuholen, aber sie legten die letzte Hand an mich, mich so ganz auszuziehen, wie ich hier angekommen bin. Sie sind mit meinem Raube davon geschlichen, und werden sich wohl nie wieder in dieser Gegend blicken lassen, sonst wollte, sonst müsste ich eine in die Augen fallende Rache an ihnen nehmen.

Vergiss das Vergangene, mein Albert, sagte ich, und frage mich lieber nach deinen andern Kindern, vielleicht dass ich dir etwas Angenehmes von ihnen sagen kann. – Gewiss von Peninnen? fragte er mit einem blick, den ich ihm nicht verzeihen konnte. Peninna ist wohl, wie ich hoffe, sagte ich, aber weist du, dass Samuel lebt? dass das Gerücht von seinem tod falsch war? Samuel? sprach er mit gleichgültiger Miene; wenn ich lieber von meinem Albert etwas hören sollte. Das war ein verzweifelter Junge! Da hatte er in Berlin eine Ehrensache, die schlimmer hätte ablaufen können, wenn der Kerl, den er verwundete, tot geblieben und er nicht entflohen wär.

Es war viel in den Reden meines Herrn Gemahls, das mir misfiel, aber ich überging es mit Stillschweigen, und gab ihm die Nachricht, die er verlangte. Alberts Rettung erfreute ihn so sehr, als ihn sein Entschluss, nach Amerika zu gehen betrübte. Der dumme Junge, sagte er, hätte hier bleiben und mein Amtsverweser werden können.

Von Samuelen sagte er sehr spöttisch, er hätte wohl getan in die neue Welt zu gehen, er möchte nun dort Heiden bekehren, oder Reichtümer sammeln wollen; im ersten Falle, sagte