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alles im Stiche lassen, was ich gefunden habe.

Schwärmst du noch? sprach ich in unwilligem Tone. Komm, komm, wir wollen suchen uns im Finstern heraus zu finden, und ich will mich unterwegens besinnen, was ich so einem grossen, klug sein wollenden Mädchen für eine Strafe auflegen muss, dass sie durch ihren kindischen Vorwitz, sich und ihre Mutter hätte ums Leben bringen können. Julchen sagte nichts zu ihrer Verteidigung, und bat mich nur, sie voraus gehen zu lassen, weil sie den Weg besser wisse als ich.

Es währte nicht lange, so kamen wir wieder an die Stufen, welche aufwärts in unsern Weinkeller führten, und von da ward es uns sehr leicht den Weg in die Oberwelt wieder zu finden.

Wir waren nicht so bald in meinem Zimmer, als sich Julchen mir zu Füssen warf und mich mit tausend Tränen um Verzeihung bat. Ach ich zittere, schrie sie, wenn ich bedenke, was noch weiter hätte erfolgen können; nicht weit von dem Orte wo sie mich fanden, gehen noch etliche Stufen abwärts, und wenn sie nun diese verfehlt hätten, und hinab gestürzt wären!

Nachdem unser Friede wieder gemacht, und ich gänzlich ausser Sorgen war, dass sie keinen Schaden genommen hatte, nahm ich sie ernstlich vor, und fragte sie, was ihr geträumet hätte, sich, wie ich vermuten müsste, in der Nacht, ohne alle ursache in den Keller zu begeben. – Ja wohl geträumt, sagte sie, mir träumte die ganze Nacht nichts als vom Ritter Reutlingen, und Sankt Peters Stelle, endlich war es als wenn ich an diesem Orte wär, und für meinen Vater betete, und auf einmal stand er ganz frei und so freundlich an meiner Seite, als ich ihn lange nicht gesehen habe. Ich wachte auf, und es war ein Traum. Ich weinte sehr, und schlief von neuem ein; da sah ich meinen armen Vater, ganz im Blute schwimmend vor mir liegen, und Frau Perchta, die bei mir stand, sagte, ich hätte ihn retten können, wenn ich für ihn an Sankt Peters Stelle gebetet hätte.

Mit Schrecken fuhr ich aus dem Schlafe auf, und Erwachen, Aufstehen, das Licht nehmen, und das Zimmer verlassen, war eins. Ich wundere mich, wie es möglich ist, dass sie nicht erwacht sind, denn ich war so ausser mir, dass ich nichts schonte, und alles mit grossem Geräusch tat. –

O Julchen, Julchen, sagte ich, mir ist bange um dich; was wird in der Zukunft aus so einer Träumerinn werden? ein schwacher Verstand und eine feurige Einbildungskraft sind ein paar fürchterliche Gesellschafter; wer nicht bei zeiten den ersten zu stärken und die andere zu bändigen sucht, für den ist ein Platz in jenen Häusern aufgehoben, – du verstehst mich, – doch fahre fort.

Ich befand mich, erzehlte sie weiter, in dem unterirdischen Gange, ohne selbst zu wissen, wie es zuging. Ich fragte mich, was ich hier wollte, mein Traum fiel mir wieder ein, und ich setzte meinen Weg weiter fort. Ich wollte und musste den Ausgang bei St. Peters Stelle finden, und o wie herzlich würde ich daselbst für meinen Vater gebetet haben! Ich war nach meiner Rechnung an dem Orte, wo der Ausgang sein musste.

O wie schlecht kannst du die Weite des Weges berechnen, sagte ich, wenn du den Ausgang an dem Orte hast finden wollen, da du lagst, daselbst kann kaum die Helfte des unterirdischen Ganges zu Ende sein, von dem die Sage etwas meldet.

Wohl möglich, fuhr Julchen fort, aber weiterhin waren solche tiefe düstre Nebenhölen, vor welchen mir, so viel Mut ich auch gefasst hatte, die Haut schauerte; überdieses sah ich etwas in der Mauer, das einer tür glich, und ich glaubte nun auf dem rechten Wege zu sein, und nichts weiter nötig zu haben, als sie zu eröfnen. Ich schlug mit dem grossen Kellerschlüssel an dieselbige, sie war von morschem Holze, und sprang sogleich auf.

Anstatt des gehoften Ausgangs aufs freie Feld, fand ich ein Behältniss mit Fächern, welches bis auf einen kleinen irdenen Krug, der auf dem untersten Regale stand, ganz leer zu sein schien; ich konnte mich nicht entalten hinein zu sehen, und wollte eben einen Freudenschrei über einige glänzende Medaillen, die ich darinnen erblickte, ausstossen, als eine Bewegung, die ich etwa machte, eins von den obern Regalen, auf welche hinauf zu sehen, ich zu klein war, erschütterte, so dass alles, was es entielt, zu mir herabkam. Ich bekam einige nachdrückliche Stösse; ich sah mich nach dem um, was mich verletzt hatte, und der Anblick eines scheuslichen Todtenkopfs, stürzte mich in den Zustand, in welchem sie mich gefunden haben. – – Hier schloss Julchen ihre nächtliche geschichte.

Ich schüttelte den Kopf zu der seltsamen Erzehlung, und die Erzehlerinn, welche wohl merkte, dass ich noch glaubte einen Traum zu hören, bat mich ich möchte nur noch einmal mit ihr hinabkommen, um mich selbst von der Wahrheit dessen, was sie sagte, zu überzeugen. Ich hielt es nicht für gut, dieses zu tun, oder sie eher von mir zu lassen, bis ich ihr meine Gedanken über diesen Vorgang nochmals gesagt hatte. Der guten Lehren waren viel, die ich ihr bei dieser gelegenheit gab, und ich bemühte mich, sie mit