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, sie können glauben, dass ich sehr gute Ordnung halte. Wenn du nun aber nicht da wärest, fuhr ich fort, und jedermann sagte, du wärest entflohen, würde ich denn nicht glauben, du hättest meinen Wein getrunken, und ihn mutwillig verderben lassen? du fürchtetest dich für der Untersuchung und wärest geflohen, weil du dich nicht getrautest deine Unschuld zu behaupten? – Nein, mein Kind, ein Unschuldiger flieht nicht. Man hat einen bösen Verdacht auf deinen Vater, und du, als ein gutes Kind, wirst nicht zweifeln, dass er sich rechtfertigen kann; wenn wir ihn nun aber diese Nacht durch Reutlingens unterirdischen gang davon führen, so steht sein Name morgen in allen Zeitungen als der Name eines Verbrechers, und seine Ehre ist auf ewig dahin.

Julchen ward sehr nachdenkend über das, was ich ihr sagte. Als Perchta, fing sie endlich wieder an, ihren Gemahl nicht heimlich davon führen konnte, so wünschte sie wenigstens an Sankt Peters Stelle für ihn zu beten; ach Gott, ich betete gern für meinen Vater an diesem Orte, wenn ich wüsste, dass es hülfe, denn mir ist sehr angst für ihn, und ich fürchte, dass man ihn tödten wird; sie rang bei den letzten Worten ihre kleinen hände und fing so heftig an zu weinen, dass ich mich vergebens bemühte, sie zu trösten.

Lege dich zu Bette, mein Kind, sagte ich, nachdem sie ein wenig ruhiger ward. Bete du für deinen Vater auf deinem Zimmer, das übrige sind Schwärmereien. Ich werde dir nie wieder ein Märchen erzehlen, wenn du dir die seltsamen Dinge, die darinnen vorkommen, so fest in den Sinn setzen willst, als wenn sie wahr wären.

Ich hängte meinen Worten noch einigen Trost wegen ihres Vaters an; ich versicherte sie, dass man ihn nicht tödten, und dass er bald wieder frei sein würde.

Sie legte sich schluchzend nieder, warf sich noch lange unruhig hin und her, und wiederholte, als sie endlich einschlief, im Traume oft Reutlingens und ihres Vaters Namen. Endlich bemächtigte sich der Schlaf auch meiner. Die Arzenei, die ich des vorigen Abends genommen hatte, und die, wie mir der Arzt sagte, ein Beruhigungsmittel war, musste etwas einschläferndes entalten haben, denn ich schlief so sanft und fest, als bei meiner damaligen Verfassung sonst nicht möglich gewesen wär.

Erst der hohe Tag erweckte mich. Man sagte mir, die Herren von der Deputation wären schon vorhanden, und forderten etliche Bouteillen Wein zum Frühstück. Ich befahl Julchen zu rufen, und vermutete, als man sie nicht fand, sie würde schon hinab gegangen sein, das verlangte zu holen. – Ich schickte ihr nach; man kam zurück, und sagte, man habe den Keller offen gefunden, aber nichts von Julchen gesehen.

Ich erschrack, doch suchte ich mein Schrecken zu verbergen, versorgte eilig meine durstigen Gäste, entfernte jedermann von mir, und schickte mich denn an, eine Untersuchung anzufangen, vor welcher mir bange war. Ich dachte an Julchens gespräche von gestern Abend, ich kannte ihren Vorwitz, und ihren Hang zu dem, was man Schwärmerei nennt, ein Ding, das ihr zwar noch nicht dem Namen nach bekannt war, wozu sie aber schon frühzeitig solche Anlagen zeigte, die einer F... und A... Ehre gemacht haben würden. Das Gebet an Sankt Peters Stelle, und die Angst des armen Mädchens, für ihres Vaters Leben, fiel mir ein. Der Keller war offen gefunden worden, Julchen hatte den Schlüssel; gewiss war sie hinab gegangen, und was musste ich fürchten, da sie noch nicht wieder zurück war!

Ich eilte hinunter. Ich suchte sie in allen Gewölbern ohne sie zu finden, ein Handschuh von ihr, den ich auf der Erde fand, zeigte mir, dass sie wirklich da gewesen war. Meine Angst vermehrte sich. Ich suchte weiter, und fand endlich die tür, von welcher sie mir gesagt hatte, und welche ganz offen stand. Ich stieg zehn Stufen tiefer hinab, und befand mich nunmehr in einem hohen gewölbten Gange, wie Julchen mir ihn beschrieben hatte, welcher den Schall meiner Tritte fürchterlich aus allen seinen Vertiefungen zurück gab. Ich ging eine lange Weile; ich rief Julchens Namen; nichts antwortete mir, als der Wiederschall. Ich ward immer ängstlicher, ich achtete nicht mehr auf den Weg, und ehe ich mich es versah, stolperte ich über etwas, das mir vor den Füssen lag, und sank zu Boden. Mein Licht war verloschen, ich griff nach dem worüber ich gefallen war, und bald überzeugte mich mein Gefühl, dass es Julchen war, die ausgestreckt auf dem Boden lag, und ganz steif zu sein schien. Ich erhob ein fürchterliches Geschrei ich schüttelte sie, ich richtete mich auf, und bemühte mich, auch sie in die Höhe zu bringen. Meine Bemühungen, sie zu sich selbst zu bringen, waren nicht vergebens; sie erholte sich, und warf sich als sie mich an der stimme erkannte, um meinen Hals.

Ach, rief sie mit ängstlichem Ton, sind wir denn noch in dem fürchterlichen Keller? Ach und es ist so finster! O Mutter, wie übel ist mir mein Vorwitz bekommen! Hast du Schaden genommen? fragte ich. Ach nein Mutter, sagte sie, bloss der Schrecken hat mich so betäubt. Wir wollen doch gleich fortgehen, ich will gern