ich sie ihm berichten konnte. Mein Brief hatte ihn schon auf dem Wege nach Hohenweiler angetroffen, er hatte ihn gelesen, und seine Reise so beschleunigt, dass er mit anbrechendem Morgen eintraf.
Wie dankte ich diesem treuen hülfreichen Freunde für seine Eilfertigkeit! mir war es, als wären wir schon halb gerettet, da er nur da war, da ich ihm nur alle unsere Sachen von neuem empfohlen, und ihn von allem was sich seit gestern zugetragen unterrichtet hatte. Unsere Unterhaltung war kurz, die Zeit war kostbar, und er eilte zu Herrn Haller, um bei ihm bessere Auskunft über seine Angelegenheiten zu holen, als ich ihm geben konnte. Ich rief ihm nach, mir ja Nachricht von meinen verlornen Töchtern zu bringen; sie lagen mir am meisten am Herzen, das übrige, das ich ohnedem glücklich geendigt zu sehen hoffte, bekümmerte mich weit weniger. Man verweigerte Herr Waltern den Zutritt bei meinem mann nicht; sein Stand, und sein durchgängig guter Charakter, entkräfteten allen Verdacht eines geheimen Verständnisses mit dem Beschuldigten zum Nachteil der Gerechtigkeit.
Die Zeit, bis ich Waltern wieder sah, war eine Zeit der ängstlichen Erwartung. Nach einer dreistündigen Conferenz mit meinem mann erschien er, und war so aufgebracht wider ihn, dass ihm etliche Worte entwischten, die ich nie zuvor und nie nachher aus dem mund dieses edlen sanftmütigen Mannes gehört habe.
Unsre Sachen standen schlimmer als ich dachte. Zwei Dritteil von dem was mir das Glück zugewandt hatte, mussten wahrscheinlich darauf gehen, um die Kassendefekte zu ersetzen, und das Dritte war vielleicht kaum hinlänglich, die Ehre meines Mannes durch Mittel zu erhalten, die Herrn Walter nicht ganz gefallen wollten. Einmal war soviel gewiss, dass die Mitwisser des Geheimnisses nicht unbezahlt schweigen würden, was sollte man also tun? Ich bat nichts zu schonen um mich und die Meinigen vor Schimpf zu bewahren, der Rechtsgelehrte, den Walter mitgebracht hatte, demonstrirte, und er musste endlich schweigen. Ich habe meine Meinung gesagt, sprach er, ich habe bei der Sache getan was ich konnte, ich lasse ihre Angelegenheiten in den Händen eines geschickten Mannes, und ich bin also nichts mehr hier nütze, sondern ich kehre zurück. – Es gibt ohnedem heute einige Amtsgeschäfte, die ich keinem andern übertragen kann. – Er sah nach der Uhr, berechnete die Zeit, da er wieder zu haus sein könne, und sprach, er müsse sogleich abreisen.
Walter! rief ich, sie zürnen, sie zürnen mit mir, die nichts verbrochen hat! – O Madam Haller, sprach er mit seiner gewöhnlichen vielsagenden Miene, wüssten Sie, was mein Herz für Sie und ihre Kinder fühlt! wie es mich schmerzt, dass Sie so alles für einen Unwürdigen hingeben, dass sie vielleicht, ihm zu liebe, gar von den strengsten Begriffen des Rechts, die sie mit mir gemein haben, abgehen müssen, und sich damit doch wohl nichts erkaufen, als Undank, und Verneuerung der alten Scenen! – Sollte ich meinen Mann in seinem Unglück verlassen? fragte ich, sollte ich nicht alles tun ihn zu retten? Tun sie das was ihnen ihr edles Herz eingiebt, sagte er, und sie werden nicht ganz irren können.
Er drückte meine Hand, küsste Julchen, und den kleinen Ludwig, und verliess uns. Ich begleitete ihn. Um Gottes willen, sagte ich, nur noch ein Wort; was haben Sie von meinen Töchtern erfahren. Alles, was ich von Herrn Haller herausbringen konnte, antwortete er, war, dass Amalie sich mit einem Mann ohne Amt und Vermögen, mit eben dem Feldner, den sie aus Alberts geschichte kennen, eingelassen habe, und mit ihm davon gegangen sei. Jucunde ist in ihres Vaters haus geblieben, bis den letzten Tag, da unglückliches Spiel, welches ihn um alles brachte, und andere Verdrüsslichkeiten, ihn nötigten Berlin augenblicklich zu verlassen. Er kam in halber Verzweifelung nach haus, und machte sogleich Anstalten zur Abreise. Er fragte nach Jucunden, und man sagte ihm, sie sei diesen Morgen mit Mamsell Ralph ausgegangen und noch nicht zurück gekommen, gegen den Abend habe sie ihren Koffer und einige Kleinigkeiten abholen lassen, und Mamsell Ralph, die dabei gewesen, habe ein Kompliment an Herrn Haller bestellt, und Mamsell Jucunde und sie gingen voraus, er möchte bald folgen. Herr Haller, fuhr Walter fort, durfte wie er sagte, nicht auf Jucunden warten, oder sich mit ihrer Nachsuchung abgeben, er reisste ab. – Ach Gott, schrie ich, er reisste ab, und liess Jucunden, Gott weis in welchen Händen! Was wird aus der Armseligen geworden sein! – Fassen Sie Mut, ehrwürdige Frau, sprach mein Freund, die Unschuld hat einen Schützer, der sie retten kann. – Unschuld? rief ich, Unschuld und Jucunde? – Madam Haller, sagte Walter, sie müssen, sie müssen sich schlechterdings fassen. Ihre gegenwärtige Lage braucht ihre ganze Aufmerksamkeit. Verschliessen Sie jetzt ihre Augen vor allen andern Dingen. Das Schicksal ihrer Töchter können sie nicht ändern, auch ich kann es nicht, aber dass ich ganz müssig dabei sitzen werde, das trauen Sie doch wohl Ihrem Sohn, Ihrem Walter nicht zu? – Edler, edler Mann! rief ich ihm nach, als er sich von mir losriss und sich auf sein Pferd schwang, o möchte ich das Recht haben, dich Sohn zu nennen!
Eilftes Kapitel
Julchen findet einen Schatz
Dieses war ein trauriger,