einer tiefen, und wie sie meinten, wohlverdienten Verachtung verbunden war: Der Verfall unsers Glücks, das Gerücht von dem Verdacht in meines Mannes Redlichkeit, welcher die Versiegelung der Kasse verursacht hatte, und die böse Rede, welche fast von allen meinen Kindern ging, berechtigte sie nach ihren Gedanken, zu jeder schimpflichen Begegnung; sie liessen es nicht genug sein, mich für ihre person anzufeinden, sie wiegelten auch ihre Männer wider meine Freunde auf, und der Pfarrer kochte Gift und Galle in seinem Herzen wider Waltern, weil ihm seine Frau sagte, dass er ihm ins Amt gegriffen, und Hannchen mit dem Lieutenant vermählt hatte.
Woher doch die Frau alles wissen mochte, was in dem Innersten meines Hauses vorging? Sie war in der Gabe der Ausforschung, beinahe der seeligen Madam Haller zu vergleichen, nur dass es ihr an ihrem guten edlen Herzen fehlte.
Täglich bekam ich neue Proben von der Bosheit meiner Verfolgerinnen, sie vereinigten sich mit den beiden alten Herren von Wilteck, die meinem haus aus verschiedenen Ursachen feind waren, und diese liessen es an keinem Schimpf und Beleidigungen fehlen.
Ich erhielt eines Tages einen in sehr hochtrabenden Worten geschriebenen Brief von des kleinen Ludwigs hochadelichem Grosvater, in welchem mir feierlich untersagt ward, mich der Ehre zu rühmen, eine Tochter in das Wilteckische Haus verheiratet zu haben. Ich schickte ihn zurück, nachdem ich folgende Worte darunter geschrieben hatte.
"Ich bin so weit entfernt, diese Sache, deren Wahrheit ich leider nicht leugnen kann, für eine Ehre zu halten, dass ich sie vielmehr als die unglücklichste Begebenheit meines Lebens ewig verschweigen werde, wenn nicht der würdige Gemahl meiner Tochter, den ich unter allen seinen Verwandten allein hochschätze, mich eines Tages zu Aenderung meines Entschlusses bewegen sollte.
H. P. Haller, mit eigner Hand und Siegel."
Diess war wohl ein wenig hart, aber ein solcher Brief hatte eine solche Antwort verdient, und sie entielt über dieses nichts als Wahrheit. – Ich weiss nicht, wie sie aufgenommen wurde, aber die hochadelichen Wiltecke mussten mir wider ihren Willen einen wichtigen Dienst leisten, nämlich das Gerede von dem unglücklichen Schicksale meiner Tochter und der Herkunft des kleinen Ludwigs zu stillen. Ihr Stolz und mein Gefühl für die Ehre wurde auf gleiche Art durch dasselbe verletzt, und das Gebot, das an die Schwätzerinnen von Hohenweiler ausging, hinfort von dieser Sache zu schweigen, schafte mir die Ruhe, die man mir so gern verbittert hätte.
Neuntes Kapitel
Scene des Wiedersehens bei einem zärtlichen
Ehepaar
Man schafte mir Ruhe, sagte ich? was für ein unschicklicher Ausdruck! Ach die Ruhe schien auf ewig aus meinem haus geflohen zu sein! Und wenn ich mich denn ja etwa eine Stunde in Schlummer gewiegt, ja mit Mühe eine traurige Vergessenheit aller meiner Kränkungen erkünstelt hatte, so kam schnell ein Schlag, der mich gewaltsam aufschreckte, und mich alle meine Schmerzen von neuem fühlen liess.
Wir sassen an einem Abend bei unserer Arbeit und sprachen von gleichgültigen Dingen, der kleine Ludwig war schon zu Bette gebracht, und Julchen bemühte sich, alle die Munterkeit und Laune in unser Gespräch zu bringen, deren sie fähig war; sie war zu jung, um irgend einen Schmerz lange und tief zu fühlen, und dieses machte sie zu der schicklichsten Gesellschafterinn für ihre traurige Mutter. Das Geräusch eines Wagens in unserm hof machte uns aufmerksam. Mir schlug das Herz, ich vermutete die Ankunft meines Mannes, welcher ich längst entgegen gesehen hatte; ob mit Verlangen und sehnsucht, gebe ich einem jeden zu bedenken. Es konnte mir bei derselben eigentlich nichts erwünscht sein; einen solchen Mann, wie Herr Haller war, wiederkommen zu sehen, ihn zu solchen Auftritten ankommen sehen, wie sie ihn in Hohenweiler erwarteten, Vorwürfe erwarten zu müssen, dass ich ihn nicht gewarnt hatte, welches in aller Absicht unmöglich gewesen wär, wo konnte da ein Grund zu der geringsten Freude liegen, die uns sonst oft das Wiedersehen eines blossen Bekannten verursacht. Dachte ich vollends an die Begleiterinnen meines Mannes, so ward mein Schauer vermehrt. Jucunde und Amalie, so verändert, wie ich sie nach Alberts Erzehlung vermuten musste, die herrschsüchtige Robignac, und vielleicht gar auch Jucundens neue Freundinn, die lüderliche Ralph; entsetzlich war mir es nur daran zu denken, und ich dachte nicht, dass noch ein grösseres Schrecken meiner wartete.
Ich hatte nicht den Mut ans Fenster zu gehen, um die Bestättigung meiner Mutmassung zu holen. Julchen sprang auf, tat einen blick hinaus, rief ihr Vater käme, und flog zur Tür hinaus um ihn zu empfangen. Ich kam ihm an der Tür entgegen und zwang mich, ihn so freundlich zu bewillkommen, als mir möglich war; er stiess mich ungestüm zurück, warf sich in einen Stuhl, und sah mit starrem blick zur Erde. Julchen, die ihm langsam ins Zimmer nach kam, und vermutlich keine bessere Aufnahme gefunden hatte als ich, trat in einen Winkel und weinte.
Herr Haller hörte sie schluchzen. Das verdammte Geheul! schrie er, und sprang wütend auf, ist das die Art einen Vater zu empfangen, den man so lang nicht gesehen hat? Ich hiess Julchen hinausgehen, und ihre Schwestern herein führen. Ich weis nicht wo sie bleiben, sagte ich, siehe doch zu, dass ihre Sachen ordentlich hereingeschaft werden, sie werden müde sein, und können ja nicht vor alles sorgen.
Rede nicht! schrie mein Mann, indem er mich bei der Achsel ergriff