sich an das vor ihm knieende Julchen anschmiegte, und die Liebkosungen, mit welchen sie ihn überhäufte, auf seine Art erwiderte. Ach Ludwig! schrie ich, indem ich mich jähling aufrichtete, ach ja er ist es! Geschwind dass ich ihn in meine arme schliesse! Man setzte ihn auf mein Bette, und ich drückte ihn weinend an meine Brust.
Herr Walter war froh, mich weinen zu sehen, er suchte mein Herz noch mehr zu erweichen; er sagte mir tausend rührende Dinge von Hannchen, von dem Zustand ihres armen verlassenen Kindes, von meiner Pflicht ihm Mutter zu sein, und der Freude die mir seine Erziehung machen würde; es gelang ihm, ich zerschmolz in Tränen, ich konnte nicht aufhören den Kleinen zu liebkosen, der mich mit seinen grossen blauen schmachtenden Augen anblickte, dann, als er mich Tränen vergiessen sah, seinen kleinen Mund auch zum Weinen verzog, und sich mit dem Namen Mutter an meinen Hals schmiegte. Nie hat man ein holderes schmeichelhafteres Kind gesehen! Er war schön wie ein Engel, ganz das Ebenbild seiner Mutter. Er sah mich mit Hannchens Blicken an, lächelte mir mit ihrem mund, und selbst in seiner lallenden stimme glaubte ich etwas von ihrem sanften liebkosenden Tone zu entdecken. Ich konnte es nicht länger aushalten, ich liess ihn von mir hinweg nehmen, und forderte ihn eben so schnell zurück.
Ich nahm meine Kräfte zusammen, um einige Anstalten zu seiner Pflege zu machen. Ich wusste nicht, wem von meinen Leuten ich ihn anvertrauen sollte. Ich bat Herr Waltern, doch Charlotten kommen zu lassen, damit sie für ihn sorgen könne; er zuckte die Achseln: Charlotte hatte dringende Geschäfte in ihrem haus, und ich musste des andern Tages versuchen aufzustehen, um selbst zuzusehen, dass bei dem kind nichts versäumt wurde. Es wurde mir sehr sauer mein Bette zu verlassen, aber meine Kräfte vermehrten sich nach und nach, das neue Geschäft amusirte mich, Liebe und Mitleid gegen das Kind, schlossen mein Herz auch zu andern Gefühlen auf, und Walter frohlockte heimlich, dass es ihm gelungen war mich aus meiner gefährlichen Fühllosigkeit und Untätigkeit zu reissen.
Jetzt kann ich sie verlassen, sagte er nach einigen Tagen, sie fangen wieder an, einzusehen, dass ihr Leben zum Glück vieler Personen noch sehr nötig ist. Meine Charlotte soll sie bald besuchen, um sich mit Ihnen über Ihre Wiederherstellung zu freuen, sie hatte nur damals dringende Geschäfte, als es nötig war, dass sie selbst handelten, um ihre schlafenden Lebensgeister wieder zu erwecken. –
Ich drückte seine Hand und dankte ihm mit der äussersten Nührung für alles, was er für mich tat; auch das war dankenswert, dass er mir den Anblick der Katarines erspart hatte: sie hatte den kleinen Ludwig in eigener person überbracht, sie hatte mich schlechterdings selbst sprechen wollen, aber er hatte sie so abgefertiget, wie es ihm und ihr zukam, und als sie einige Winke gegeben hatte, dass sie unbezahlt von gewissen Dingen nicht schweigen würde, so hatte er ihr auf eine Art geantwortet, von welcher es sich hoffen liess, dass sie die Schwätzerinn zu unentgeldlicher Verschwiegenheit bewegen würde.
Achtes Kapitel
Die Matrone spricht aus einem hohen Tone
Niemand freute sich so sehr über den kleinen Ludwig, als Julchen. Sie war eben in dem Alter, da die Mädchen anfangen sich der Puppen zu schämen, ohne darum die Neigung zu diesem Spielwerk verloren zu haben; nichts ist ihnen zu dieser Zeit erwünschter, als eine lebendige Puppe, ein Kind, in dessen Gesellschaft sie mit Ehren spielen, für das sie auf ihre Art sorge tragen, und sich dabei ein mütterliches Ansehen geben können. Julchen spielte die gewöhnliche Rolle ihrer Mitschwestern meisterlich. Nie war sie aufgeräumter und liebenswürdiger, als wenn sie Ludwigen zu unterhalten suchte, und nie war ihr Ton ernstafter und ihre Miene nachdenklicher, als wenn sie mit mir von den Bedürfnissen des Kindes und seiner Pflege sprach, bei welcher sie eine wichtige person vorzustellen glaubte.
Diese beiden kleinen Leute lehrten mich wieder lachen, und lockten mir zu anderer Zeit Freudentränen ab. Sie liebten sich unaussprechlich. Ludwig weinte, wenn er seine Spielgesellinn nicht sah, und Julchen dachte an keinen Spaziergang mehr, bat nicht mehr, so wie sie sonst getan hatte, ich möchte sie doch mit Pfarrers Lorchen umgehen lassen, und achtete keine Freude, wenn nur Ludwig zugegen war.
Meine Freude an dem armen Kleinen, war freilich nicht so rein und unvermischt, als wie Julchens, durch wie vielerlei Gedanken an die Vergangenheit und an die Zukunft wurde sie nicht verbittert! und selbst der gegenwärtige Augenblick war in Ansehung seiner nicht an Verdruss und Kummer leer.
Ludwig hiess mein Pate, aber es war mir nicht verborgen, dass ganz Hohenweiler ihn unter seinem wahren Namen kannte. Das neugierige Julchen war in meiner Krankheit über Hannchens Briefe gekommen, sie hatte oft auch etwas von Walters Gesprächen mit mir über diese Dinge gehört, denn wer kann sich allemal für so einer kleinen Lauscherinn hüten, ich hätte sie in Verdacht haben können, dass sie in ihrer Einfalt etwas gegen die Tochter des Pfarrers ausgeplaudert habe, die sie zuweilen in der Kirche sah, aber ich will lieber glauben, dass Madam Katarines, ungeachtet Walters Drohungen, die Verschwiegenheit gegen ihre Frau Muhme gebrochen habe. So viel war einmal gewiss, dass die Rede aus dem Pfarrhause ausgekommen war.
Der Hass der Hohenweilerischen Frauen gegen mich hatte jetzt seinen höchsten Gipfel erreicht, da er mit