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Art in meiner Gewalt, und ich bin nicht gewohnt Beleidigungen unvergolten zu lassen.

In deiner Gewalt? rief ich. Ist nicht meine arme Tochter tot? ist sie nicht zu hoch für deine Verfolgungen? Und mein Enkel, wirst du mir ihm wohl vorentalten dürfen.

Vielleicht doch wohl, sagte sie, aber nein, nein, sie sollen ihn haben, mir ist nichts damit gedient, fremder Leute Kinder zu ernähren.

Unwürdige! schrie ich.

Und, fuhr sie fort, was das erste anbelangt, so wird es Mamsell Hannchen, tröste sie Gott, wenn sie zu trösten ist, freilich nun gleichviel sein, was die Welt von ihr spricht; aber ob ihre Mutter viel Ehre davon haben wird, wenn der ganze Vorgang bekannt wird. –

Meine Tochter ist als vermählte Frau von Wilteck gestorben, unterbrach ich sie.

Ja so! sprach sie mit höhnischem Lächeln, nun ich gratuliere von Herzen zu der so schleunig geschlossenen Verbindung, und werde nicht ermangeln, es auszubringen, dass bereits ein Sohn und Erbe vorhanden ist, dem es aber doch vielleicht einmal schwer werden möchte, die Rechtmässigkeit seiner Geburt zu beweisen.

Wo wollen sie hin? rief ich, und suchte sie zurück zu halten.

Ich will noch, erwiderte sie, zu meiner Muhme, der Frau Pfarrerin hier in diesem Städtchen gehen; ich weiss, sie hört auch gern etwas neues, die Geschichten von der verstorbenen Frau Lieutenantinn von Wilteck, und von dem kleinen Junker Ludwig, werden ihr willkommen sein, und sie wird vermutlich bald erscheinen, ihren Glückwunsch zu den erfreulichen begebenheiten abzustatten.

Der Name meiner alten Feindinn und Lästererinn, erweckte alle meine Besorgnisse, undsollte man denken dass ich so schwach war, mich zu einer Art von Bündniss mit der niederträchtigen Katarines herabzulassen? Einige Geschenke erkauften ihre Verschwiegenheit, wir wurden einig, dass der kleine Ludwig unter dem Namen meines Paten zu Hohenweiler eingeführt werden sollte, und das Weib versprach zur Zugabe, mein christliches Gemüt, dass ich mich dieses elterlosen Kindes so mütterlich annähm, gegen die Pfarrerinn und jedermann zu rühmen; ein Versprechen, dass ich ihr mit der äussersten Verachtung zurück gab.

Madam Katarines war jetzt nicht mehr so empfindlich, meine Geschenke hatten sie gefälliger gemacht; sie überhörte jedes unwillige Wort, das mir etwa entfuhr, und war auf einmal so ganz für mich eingenommen, dass sie nicht wusste, wie sie sich von mir trennen sollte. Wir hatten lange unsere Geschäfte mit einander abgetan, und noch konnte ich sie nicht los werden. Sie wollte sich in eine umständliche Erzehlung von Hannchens trauriger geschichte einlassen, und als ich merkte, wie wenig dieselbe der Wahrheit treu, und zum Vorteil der armen Verstorbenen sein würde, und ihr Stillschweigen über diesen Punkt auflegte, so kam sie auf ihre eigene geschichte, und erzehlte mir sehr umständlich, wie übel sie mit Herrn Katarines gelebt, wie sie ihn wegen seiner Untreu angeklagt, wie er darüber vom amt gekommen und von ihr geschieden worden, und wie sie seit der Zeit als Wirtschafterinn in vielen adelichen Häusern gelebt, und wie sie doch noch immer so viel übrig behalten, ihrem Feinde, so nennte sie ihren Mann, Gutes zu tun. – Ich aber konnte das seltsame Gemisch von Bosheit und heuchlerischer Tugend, woraus alle ihre Reden bestanden, nicht länger aushalten. Ich sagte, dass ich der Ruhe sehr nötig habe, und fragte, wo sie zu übernachten gedächte.

Bei meiner Muhme der Frau Pfarrerinn, erwiderte sie mit schleppendem Ton. – Ich verstand sie vollkommen, klingelte und befahl ein Zimmer in meinem haus für sie zurecht zu machen. Sie bewunderte meine unvergleichliche Güte, wie sie sich ausdrückte, lobte Julchen, welche eben eintrat, in den übertriebensten Ausdrücken, und bat sie sich zur Schlafgesellin aus.

Aber ich fürchtete den Hauch dieser giftigen Schlange. Julchen schlief diese Nacht in meinem Zimmer, und ich liess sie nicht aus den Augen, bis Madam Katarines des andern Tages abgereisst war.

Siebentes Kapitel

Ein elektrischer Schlag

Die heftigen Gemütsbewegungen, die ich des vorigen Tages erfahren hatte, griffen meine Gesundheit an, ich war einige Wochen bettlägerig. Ein schleichendes Fieber verzehrte meine Lebenskräfte, eine gänzliche Gleichgültigkeit gegen alles nahm meine Seele ein. Herr Walter besuchte mich in dieser Zeit sehr fleissig, er sprach mit mir von den verwickelten Angelegenheiten meines Mannes, aber ich konnte wenig dazu sagen, und musste alles seiner Besorgung überlassen. Er suchte die empfindlichsten Seiten meines Herzens zu berühren, er brachte mir meine abwesende Kinder in den Sinn, ich blieb gleichgültig; er rief Julchen an mein Bette, sie weinte und fragte ob ich sie nicht mehr liebte, ich küsste sie, und gab Waltern einen heimlichen Wink sie zu entfernen. "Nur dann würde ich glücklich sein," sagte ich, als wir allein waren, "wenn alle meine Kinder so ruhten, wie Hannchen ruht, und ich könnte mich an ihre Seite legen und sterben."

Ein ganz neuer noch nie gesehener Gegenstand war nötig, um mich dergestalt zu erschüttern, dass Gefühl und Liebe zum Leben wieder in mir erwachten.

Ich erwachte eines Tages gegen den Abend aus dem matten Schlummer, in welchem ich jetzt immer zu liegen pflegte. Herr Walter sass neben meinem Bette und hielt mit Julchen ein leises flüsterndes Gespräch. Es schien noch ein Drittes gegenwärtig zu sein, mit welchem sie sich beschäftigten. Ich schlug den Vorhang zurück, und erblickte auf Walters Knien einen kleinen etwa andertalbjährigen Knaben, der