die ich mir oft selbst nicht gestehen mochte, war es meine Absicht, sie durch diesen teil der geschichte besser auszuforschen? Warum sprach ich nicht schonender von der Verführten, die ich ihr darstellte? – Warum machte mich der Anteil, den sie an Römhilds geschichte nahm, nicht aufmerksam? warum kam ich ihrem Geständnisse nicht auf halbem Wege entgegen? O Römhild! Römhild! rief sie noch in ihren letzten Phantasien! Schröcklich tönten mir diese Worte noch immer in den Ohren, ich nahm sie als einen Beweis an, dass ich mit meiner damaligen Erzehlung alles verderbt hatte, und nannte mich die Mörderin meiner unglücklichen Tochter. Dachte ich denn an die Frau von Wilteck, welcher ich meinen liebsten Schatz so unvorsichtig überliess, fiel mir Rose ein, welche fürwahr eine schlechte Gesellschaft für ein unschuldiges Mädchen war, so öfnete sich mir ein neues Feld von Vorwürfen, und ich glaubte unter den schreckensvollen Vorstellungen, die ich mir machte, zu erliegen.
Ich vermute, dass ich eine lange Zeit ohne Besonnenheit zugebracht habe; was mich endlich erweckte, war ein Geräusch an der Tür, und Julchens klagende stimme, welche mich überall suchte, mich endlich in diesem Zimmer vermutete, und sich vergebens bemühte, es zu öfnen. –
Ich fasste meine Kräfte zusammen, ihr zu antworten, und schlich endlich an die Tür, sie einzulassen. Ach Himmel, liebe Mutter, schrie die Kleine, wie bin ich ihrentwegen in sorge gewesen! Gottlob, dass ich sie endlich gefunden habe, aber wie bleich sie sind! wie sie zittern! Ach sie sind krank, sehr krank! Gott was soll ich anfangen?
Ich hatte mich auf einen Stuhl zunächst der Tür gesetzt, ich hielt Julchens hände fest in den meinigen, sah sie mit strömenden Augen an, und bestrebte mich vergeblich zu sprechen.
Ich muss sie zu Bette führen, rief Julchen, und bemühte sich, mich zum Aufstehen zu bringen, die Dame, welche mit ihnen zu sprechen wünscht, muss sich gefallen lassen zu warten, oder wiederzukommen. Eine Dame? wiederholte ich, wo ist sie? ich werde sie sehen müssen. Wer mag sie sein?
Ich habe sie in den untern Saal treten lassen, antwortete meine Tochter, ich kenne sie nicht, es ist eine dicke Frau, mit einem hochroten Gesicht. Ihre Kleidung ist fast in dem Geschmack der Demoiselle Robignac, sehr bunt und jugendlich.
Ich liess mich in mein Zimmer führen, trank ein Glas wasser, und liess die person, die Julchen eine Dame nennte, eintreten.
Verzeihen Sie, Madam, sprach ich, indem ich mich ein wenig von meinem Sitz erhob, eine kleine Unpässlichkeit – –
Ich bedaure, sagte die andere, meine Geschäfte treiben mich eigentlich nicht zu Ihnen, Madam, sondern zu Mamsell Haller, ihrer Tochter.
Ich habe viel Töchter, Madam, wollten sie die Güte haben, sich deutlicher zu erklären.
Das junge Frauenzimmer, mit welchem ich zu sprechen wünschte, lernte ich im Wilteckschen haus unter dem Namen Hannchen kennen.
Im Wilteckschen haus? schrie ich, und fühlte, dass ich bleich ward, ist ihr Name nicht Katin?
Sie kennen mich? fragte die Frau mit einer Miene, aus welcher ich nicht wusste, was ich machen sollte, und unter was für einem Charakter hat es Mamsell Hannchen beliebt, mich mit ihnen bekannt zu machen.
Sie – Sie hat nie mit mir von Ihnen gesprochen.
sonderbar! So sollten meine Züge sich also so wenig verändert haben, dass ich Ihnen noch von alten zeiten her bekannt sein könnte? sie warf einen blick in den Spiegel, und ich heftete meine Augen mit mehrerer Aufmerksamkeit auf ihr Gesicht.
Zwar, fuhr sie fort, unter dem Namen Katin möchte ich ihnen doch wohl nicht von jenen zeiten kenntlich sein können.
Aber wohl unter dem Namen Katarines, rief ich, indem ich sie auf einmal für diese Frau erkannte, deren ich im Anfange meiner geschichte gedacht habe. O Weib! Weib! willst du nimmer aufhören mich zu verfolgen? soll ich so spät noch Proben deiner feindseligen Gesinnungen erfahren?
Sie reden da eine sonderbare Sprache, Madam, erwiderte die Katarines, und erhob sich gravitätisch von ihrem Stuhl. Sie werden sich erinnern, dass ich mit Mamsell Hannchen sprechen wollte; in welchem Zimmer kann ich sie finden?
Suche sie unter den toten, abscheuliche Verführerinn, rief ich, sie hat den Verlust ihrer Tugend, den sie dir zu danken hat, nicht überleben können. Mein Gott, Madam, erwiderte die Frau, begreifen sie sich doch, sie sind nicht bei sich selbst! Ist Mamsell Hannchen tot, je nun, wir sind alle sterblich, und ich weiss nicht, wie ich dazu komme Vorwürfe darüber zu hören?
fragen Sie ihr Gewissen, schrie ich, und dann entschuldigen sie sich. Aber tot, Mamsell Haller wirklich tot, wiederholte sie, und sollte so gar nichts an mich hinterlassen haben? ich habe ein Pfand von ihr in Händen.
Ja wohl, rief ich, ein teures kostbares Pfand, das ich keine Stunde länger in deinen Händen lassen will. Ich fordere den Sohn meiner Tochter zurück; er ist nunmehr der meinige, und niemand soll mir ihn entreissen.
Ich sehe, Madam, sprach die andere, und setzte sich wieder, ich sehe, sie wissen alles, lassen sie uns vernünftig mit einander sprechen. Nichts mehr von beleidigenden Vorwürfen, wenn ich bitten darf, sie sind auf tausenderlei