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Recht und Unrecht erschütterten; wenn ihnen nun dieses einfiel, und sie würden rot, was würde denn meine Mutter denken? Auch von Rosen müssen sie nicht viel sagen; sie wissen wohl, wie viel Nachsicht sie auch gegen sie hatten; wir waren doch einmal ihrer Aufsicht anvertraut, sie hätten über uns wachen, und uns nicht gelegenheit zum Bösen geben sollen. – Nun ich weis es, sie meinten es gut, sie dachten mich glücklich zu machen, sie verführten mich nicht aus Eigennutz, wie mir Rose einmal sagte, als sie gegen mich über sie klagte. Sie behauptete, die Frau von Wilteck habe ihnen hundert Louisdor geboten, wenn sie machen könnten, dass Ludwig mich verachtete und nicht mehr an mich dächte, und sie hätten geglaubt, ihren Lohn nicht besser verdienen zu können, als wenn sie mich lasterhaft machten. Ach! Rose war zwar ein leichtsinniges sittenloses Ding, deren Gesellschaft mir nicht allemal zuträglich war, aber sie hatte doch auch Stunden, wo sie vernünftig redete; sie warnte mich vor Ihnen und vor der Frau von Wilteck, und ich entschloss mich zu fliehen, damit sie mich nicht endlich so tief ins Verderben stürzen möchten, dass ich Lust und Kraft zur Besserung verlör. Die abscheuliche Frau von Wilteck! Wenn ich noch an die Worte denke, die sie den Tag vor meiner Abreise zu mir sagte! – Hannchen, sprach sie, ich weiss wie du und Ludwig einander lieben, ich bin nicht so grausam euch zu trennen. Die gemahlin eines Herrn von Wilteck kannst du nun freilich nicht werden, aber es gibt andere Verbindungen, welche die Liebe eben so dauerhaft macht, als die gesetz ein rechtmässiges Ehebündniss. –

So sprach sie; nun glaube ich zwar, dass sie meiner spottete, denn niemand strebte mehr darnach, mich von Ludwigen zu entfernen, als sie, aber wär es denn ein Wunder gewesen, wenn die Vorstellung, nie von meinem Geliebten getrennt zu werden, mich in alle ihre Vorschläge hätte willigen lassen? – Mein guter Engel hat mich zur Flucht angetrieben, und so unglücklich ich auch hier bin, so möchte ich mich doch nicht wieder in das Wiltecksche Haus zurück wünschen.

Noch eine Bitte, meine liebe Madam Katin, die wichtigste die ich auf dem Herzen habe: Nehmen sie, ich bitte sie um Gottes Willen, nehmen sie sich meines kleinen Ludwigs an, ich habe ihn ihren Händen vertraut, er allein war es, der mir meine Flucht schwer machte, aber mit mir nehmen konnte ich ihn freilich nicht. O Katin, wenn noch ein Funke von Erbarmen in ihnen ist, so sein sie diesem armen verlassenen kind eine Mutter; ach seine eigene wird ihn bald verlassen müssen, der Gram auch um ihn, nagt an meinem Leben, und ich muss sterben. Zuweilen denke ich doch, es wär um des Kindes willen besser, ich entdeckte meiner Mutter alles; sie würde sich doch seiner erbarmen, wenn sie auch mich verstossen sollte. Aber nein, ich will kein Mistrauen in Sie, meine einige Freundinn, setzen, auch soll Ihnen die sorge für den armen Kleinen erleichtert werden. Was sein Vater für ihn tut, das wissen sie, und damit auch ich meine Schuldigkeit nicht versäume, so nehmen sie hier mein ganzes Vermögen, alles was ich an Geld und Kostbarkeiten habe, nehmen sie es, und wenden es an, wie sie wollen, nur sorgen sie, sorgen sie mütterlich für mein Kind; es wird einmal Rechenschaft von Ihnen gefordert werden, bedenken sie dieses, und lassen sie mich nicht vergeblich flehen. Aber ich wollte sie auf den Knien für meinen kleinen Ludwig bitten, wenn ich bei ihnen wär. Himmel, wenn ich bei Ihnen wär! was das für ein Gedanke ist! bei Ihnen und bei ihm! wenn ich ihn nur noch einmal, nur noch ein einigesmal sehen sollte, ehe ich sterbe! Ach mein Herz wird von tausend Wünschen, tausend Bekümmernissen, tausend tausendfacher Angst zerrissen, und ich muss sterben!!! Geschrieben an meinem achtzehenten Geburtstage.

Johanna Haller.

Sechstes Kapitel

Ein Gespräch zwischen zwei Matronen

Man stelle sich den Eindruck vor, den dieser Brief auf mich machte! O Hannchen, wie war dir es möglich, mich so zu verkennen! Wie konntest du Härte und Verstossung von einer Mutter fürchten, welche nur Mitleid für dich fühlte! So rief ich, als ich zu Ende gelesen hatte, und streckte meine arme nach dem traurenden Schatten der armen Dulderin aus, welchen ich vor mir schweben zu sehen glaubte. Bittere, bittere Tränen folgten meinen Ausrufungen, Tränen von Reue und quälenden Vorwürfen ausgepresst. Ach womit musste ich ihr Zutrauen verscherzt haben? ohne Zweifel lag die Schuld an mir, dass sie es nicht wagte zu sprechen! Meine Aeusserungen gegen das Laster, waren zu streng, ich hielt es für Pflicht die Nachsicht und das Mitleid, das ich gegen die Irrenden fühlte, in meinen Busen zu verschliessen, und äusserlich nur Richterinn zu sein. Rosens verneute Vergehungen brachten mich auf, das Urteil, das ich über sie fällte, musste die schüchterne Seele abschrecken, die in der Bitterkeit ihrer Reue keinen Unterschied zwischen einer verführten Unschuldigen, und einer rückfälligen Sünderin sah. Und dann das Märchen, damit ich sie, ich weiss auch nicht warum, in ihren letzten Tagen unterhielt! Warum musste ich die geschichte von einem gefallenen Mädchen mit einflechten? – War es, bei den wunderlichen Mutmassungen von Hannchens Traurigkeit,