ihm folgen. Was verliere ich denn auch endlich in Europa? schwache weitaussehende Hofnungen? Hirngespinste von wiederkehrender Ruhe? Nein, ich kann unter diesem Himmel nicht ruhig werden. – Meine Anschläge sind zwar zum teil geglückt, ich hätte vielleicht einige Aussichten auf Glück – – aber nein; meine Eltern, meine Geschwister sind unglücklich, sind mit Schande überhäuft; ich muss fliehen, muss alle diese Dinge zu vergessen suchen, ihr Anblick würde mir jedes Glück verbittern. Ach dass mein einiger bester Freund, mein Vater in Traussental, nicht mehr ist! bei ihm könnte ich Rat und Trost finden. Leben Sie wohl, unglückliche Mutter, sorgen Sie wenigstens für Julchen und verzeihen Sie
Ihrem Sohn Samuel."
Ja wohl unglücklich, schrie ich, unglücklich ohne Rettung! O Samuel ist es nicht zu hart, mir alle mein Elend so vor die Augen zu mahlen, mich die Urheberinn desselben zu nennen? – – Ich bin unschuldig, Gott weis, ich bin unschuldig.
Ich weinte lange – – und fuhr endlich über den Gedanken an Peninnen auf. Peninna! schrie ich, in dem haus des abscheulichen Regierungsrats? – warum abscheulich? ich kenne ihn auf keiner schlechten Seite. – Und sie seine erklärte Buhlerinn? – o Peninna, Peninna, sollte dieses wahr sein, der Gram würde mich bald in die Grube bringen! – Ich war neben meinem Stuhl auf die Knie gesunken, Tränen badeten meine gefaltene hände, ich jammerte und flehte zu Gott für meine arme Kinder! Ich musterte sie alle in meinen Gedanken, und schnell fiel Hannchens Name wie ein Stein auf mein Herz, Gott, schrie ich, sollte es wahr sein, was Samuel von ihr sagt? – Mutmassungen von dieser schrecklichen Sache hatte ich schon, und der Anfang jenes briefes, den ich in ihrem Schmuckkästgen fand! – Ich muss Gewissheit haben, ich muss, und sollte mir es das Leben kosten.
Ich eilte in das Zimmer der Verstorbenen, ich schloss die Tür hinter mir zu. Alles was das geheimnisvolle Kästgen entielt, breitete sich vor mir aus, ich ergriff das Blatt, das ich schon einmal zu lesen anfieng, hielt es einige Zeit in der Hand, ohne den Mut zu haben, es anzublicken, und fand, als ich mich gefasst hatte, folgendes.
Fünftes Kapitel
An Madame Katin
Werte Freundinn, mit welcher Empfindung nenne ich Ihren Namen! sie sind die einige, mit welcher ich vertraulich reden kann, die einige Teilnehmerinn meines Geheimnisses! Zwar ich betrat Hohenweiler mit der Hoffnung mich meiner Mutter entdecken zu können, welches in aller Absicht besser für mich wär; aber Himmel, wo soll ich Mut zu dem schrecklichen Geständnisse hernehmen? – Nein, ich wage es nicht! – Wie Sie mir oft wiederholten: ihre Grundsätze sind zu streng, sie würde mich hassen, mich verachten, und wie könnte ich den Hass, die Verachtung einer solchen Mutter ertragen? einer Mutter, die mich so sehr liebt, so grosse Meinungen von meiner Tugend hat! – Noch heute habe ich auf dem Punkte gestanden, mich ihr zu Füssen zu werfen, und ihr alles zu offenbaren, aber wenn ich denn an das strenge Gericht denke, das sie über Rosen hielt, als ich ihr ihre geschichte erzehlte, wenn ich mir den Eifer, mit welchem sie sprach, als ob sie die Verbrecherinn, von welcher die Rede war, vor sich hätte; wenn ich mir ihre letzten Worte ins Gedächeniss zurückrufe! "Hannchen, sagte sie, du weinst über fremde Vergehungen; denke wie schwer eigene Verbrechen zu beweinen sein müssen! O Gott, fuhr sie mit gegen Himmel gefalteten Händen fort, erhalte ihr Herz immer so schuldlos und so rein, wie es jetzt ist; der blosse Gedanke, es könne einst verderbt werden, wär im stand mich ins Grab zu strecken!" – Ich weiss nicht genau ob ihre Worte so waren, der Sinn derselben ist es, aber mich dünkt, es lautete alles viel ernster und strenger als ich sagen kann! Wo soll ich bei solchen Aeusserungen Mut hernehmen mich ihr zu vertrauen?
Liebe Madam, ich bin in sehr grosser Angst, mein Fehltritt reut mich so innig, so schmerzlich, dass ich wünschte, ihn mit dem Verlust meines Lebens austilgen zu können, auch sorge ich, meine Mutter möchte aller meiner Behutsamkeit ungeachtet, es dennoch erfahren und mich hassen, und darum bitte ich sie, wenn ich nun tot bin, denn ich werde wohl sterben, meiner Mutter doch nichts davon zu sagen, wie sehr sie sich in ihrer vermeinten Tugendheldinn, in ihrem Hannchen irrte; ein spöttisches lachen über mich selbst fährt mir heraus, da ich dieses schreibe; niemand kann mich so sehr verachten, als ich mich selbst verachte, selbst mein Ludwig nicht, welcher doch, wie ich gewiss weiss, diejenige, die ihm zu Liebe den Weg der Tugend verliess, nicht einen Augenblick mehr seiner achtung würdigen wird; ach, und ich liebe ihn so sehr!
Ich habe mich unterbrochen; ich wollte Ihnen vorhin noch sagen, dass Sie um ihrer Selbstwillen, mit meiner Mutter nicht von meinen Vergehungen reden sollen, denn bedenken sie nur, wenn sie nun weiter fragte: Wer hat mein Hannchen verführt, so könnten ihnen doch wohl alle die Gelegenheiten einfallen, die sie mir gaben, Ludwigen zu sehen, alle die gespräche, mit welchen sie meine Liebe nährten, alle die seltsamen Dinge, mit welchen sie meine Begriffe von