ohne ihn aus mir geworden!
Ich folgte seinem Rat in allem, hielt mich kurze Zeit unter Weges auf, und trachtete darnach Kriegsdienste zu bekommen, sie möchten auch sein, wo sie wollten. Ich erfuhr, dass in einem benachbarten Orte Truppen nach Amerika geworben wurden, und ich – – Himmel! unterbrach ich ihn, ich will doch nicht hoffen! – Ja liebe Mutter, sprach er mit tränendem blick, indem er meine Hand an sein Herz drückte; mein Schicksal treibt mich nach Amerika. – In dem Wahn, meinen Gegner getödtet zu haben, glaubte ich, mich nicht zu weit entfernen zu können, Ferdinands schriftliche Nachricht, dass er lebe, überzeugte mich von meiner Uebereilung, aber die Rückkehr ist nunmehr unmöglich.
Er wollte mehr sagen, aber eine Erinnerung von seinen Obern, Albert Haller solle nicht länger verweilen, die Zeit des Urlaubs sei verflossen, unterbrach seine Rede. Ach Gott! sprach Albert, indem er in meiner und Julchens Begleitung das Zimmer verliess, nun müssen wir uns trennen, und ich habe Ihnen noch so viel zu sagen, so viel von meinem Bruder Samuel, den ich – – Samuel? wiederholte ich dem armen Verunglückten? – Samuel lebt, sprach er, ich traf ihn. – Ei! so höre auf zu schwatzen und zu winseln, schrie der rauhe Mann, der Alberten abfordern sollte. Ich musste meine fragen nach Samuelen aufgeben, die Versicherung, dass er lebe, war alles, was mir Albert wiederholen konnte. – Ich warf mich meinem Sohn weinend um den Hals, und drückte ihm eine ziemlich gefüllte Börse in die Hand. Julchen hieng auf der andern Seite an ihm, er beugte sich zu ihr herab, sie zu küssen, und sie gab ihm das kleine Packet mit der für ihn zubereiteten Wäsche unter den Arm, in welches sie, wie sie mir hernach mit grossem jubel berichtete, noch alles gepackt hatte, was sie von ihrer wenigen Baarschaft vorrätig gehabt hatte.
Viertes Kapitel
Samuel bleibt sich immer gleich
Wir standen noch lange an der Tür unsers Hauses, und sahen Alberten nach, ohne zu bedenken, dass es Nacht war, und dass der schwache Schimmer des Mondes uns die Gestalt desjenigen, der sich von uns entfernte, kaum wie einen düstern Schatten zeigte. Auch dieser Schatten war uns lieb; bald verschwand er ganz vor unsern Augen, und wir kehrten traurig mit den Gedanken an die lange Trennung und das zweifelhafte Wiedersehen zurück. – Ich warf mich auf einen Stuhl und weinte, und Julchen schmiegte sich schmeichelnd an meine Seite. – Aber Himmel, fuhr ich auf einmal auf, Samuel, sollte es möglich sein, dass Samuel lebte? Albert hat ihn gesehen, vielleicht nicht weit von hier gesehen? – O Himmel, so werde ich ihn auch sehen, ihn vielleicht bald sehen! Julchen, Julchen, meinst du wohl, dass ich diese Freude ertragen werde?
Diese Nacht und der folgende Tag vergingen, ohne dass ich für etwas anders Gedanken hatte, als für Albert, für Samuel, und für ihre unglücklichen verführten Schwestern, an deren Lage ich nicht ohne Schrecken denken konnte. Das Andenken der Verstorbenen ward beinahe von der sorge für die Lebendigen verschlungen. Hannchens Zimmer ward verschlossen, ihre Kassette blieb unbesichtigt, ungeachtet das wenige, was ich von den darinnen entaltenen Papieren gelesen hatte, hinlänglich war, meine ganze Aufmerksamkeit zu erregen. Die Gegenstände, die meine Seele beschäftigten, waren zu verschieden; kein Wunder, wenn mein Verstand darunter erlegen wär.
Meine Sorgen um die von mir getrennten unglücklichen Kinder war vergebens, mein Herz war des Kummers müde, es schmachtete nach einem Strahl von Freude, ich glaubte denselben in dem Wiedersehen meines auf ewig verlohren geglaubten Sohns Samuel zu erblicken, und die Vorstellung von dieser herrlichen Scene, die, wie ich glaubte, mir nahe bevorstand, behauptete jetzt den ersten Platz unter meinen Gedanken; sie stärkte mich gegen alles, was mich känkte, uud ich konnte nur dieses nicht begreifen, wo Samuel so lange verweilen müsse. Am siebenten Tage erhielt ich einen von seiner Hand überschriebenen Brief, ich erbrach ihn mit Zittern, und las folgendes:
"Nach einer langen Abwesenheit und mancher überstandenen Gefahr, eile ich in Ihre arme, um Ihnen den Wahn von meinem tod zu benehmen, in welchen sie vielleicht durch einige Umstände in meiner geschichte gestürzt worden sein könnten. Da fand ich in einem Städtchen von ihrer Nachbarschaft, meinen Bruder, meinen Albert – Himmel, in einer elenden Rekrutenkleidung, im Begrif aus Verzweiflung, nach Amerika zu gehen. – O Mutter! Mutter! was ist aus ihren Kindern geworden! Albert aufs Aeusserste gebracht; Amalie und Jucunde auf dem Wege des Lasters; Johanne tot; und dieses, wie man sagt, aus Gram über den Verlurst ihrer Ehre; Peninna in dem haus des abscheulichen Regierungsrats Berg, als seine deklarirte Mätresse. O Mutter! wo ist die Wachsamkeit für Ihre Kinder! es ist unmöglich, dass wir alle ohne Ihre Schuld so elend sein können! Nein, ich kann, ich kann Sie nicht sehen! ich möchte mich vergessen, und meinen Mund zu Vorwürfen gegen die öfnen, die mich gebahr, die meinem Herzen noch immer so teuer ist. Sieben Tage bin ich in Ihrer Gegend herumgeschwärmt; der Trieb sie zu sehen und der Entschluss ihren Anblick zu meiden, kämpften lange mit einander; endlich behielt der letzte die Oberhand. Mein Bruder geht nach Amerika, ich will