zu verschweigen, sondern zu bedenken, dass er mit einer Mutter spräche.
Mein Herz, sprach er mit zur Erde gesenktem blick, war von jeher weich, und mein Auge nicht blind gegen weibliche Schönheit. Der Oberste wusste dieses durch verschiedene begebenheiten aus den ersten zeiten meines Aufentalts in Berlin. Das Abenteuer beim Spiel, das mich unter die Soldaten brachte, hatte mir die Karten so zuwider gemacht, dass kein Zureden des Obersten mich bewegen konnte diesen meinen ehemaligen Lieblingszeitvertreib wieder hervor zu suchen. Er verlor zu viel bei dieser Entaltsamkeit, als dass er sie nicht auf alle Art hätte zu erschüttern suchen sollen.
Er wusste, dass ich das Schauspiel liebte, wir besuchten es fleissig, er führte mich in die Ankleidezimmer der Schauspielerinnen, und nicht lange, so war ich in den Stricken eines kleinen Mädchens, welches eben erst anfing sich in einigen Nebenrollen zu zeigen, und das also demütig genug war, mit einer so armseligen Eroberung zufrieden zu sein, als ich für die erfahrnern Damen des Teaters gewesen sein würde. So genügsam meine Mariane auch in ihren Forderungen war, so wurden doch durch ihre hülfe, meine kleinen Einkünfte bald aufgezehrt, und ich war entweder genötigt, meine Geliebte, die ich für eine Göttinn hielt, aufzugeben, oder meine Zuflucht zu der alten Quelle meines Glücks, zum Spiele zu nehmen. Dieses war der Punkt, wo mich der Oberste haben wollte. Er führte mich an Orte, wo mein Gesicht noch nicht bekannt war, er redete mir meine Scrupel wegen des falschen Spielens aus, und ich fing gegen etwas bessere Bedingungen als die vorigen, unser gemeinschaftliches Geschäft von neuem an; es brachte genugsamen Gewinn, den Obersten, mich und die kleine Mariane zu befriedigen.
Das Spiel und die Liebe, zu welchen sich auch zuweilen der Trunk gesellte, erhielten mich in so einem Taumel, dass ich wenig zu mir selbst kam; erschienen denn ja einige Stunden des Nachdenkens, so waren sie zu schrecklich, als dass ich sie nicht hätte auf alle Art abzukürzen und zu vermeiden suchen sollen. Ich war nach meiner letzten Verirrung so gut gewesen, der Name falscher Spieler, welcher mir immer in den Ohren ertönte, hatte mir so einen Abscheu gegen diese verderbliche Beschäftigung eingeflösst. Feldners Unterricht, so schlecht er auch war, hatte mir einen Geschmack an der Lektüre beigebracht; ich hatte meine Bücher glücklich gewählt, und in denselben manches gefunden, das mich die Tugend wieder liebgewinnen, und einen festen Fortgang auf ihrem Wege wünschen lehrte, und nun war ich auf einmal, ich wusste selbst nicht wie, in den alten Wirbel hineingeschleudert, und, weil ein Mädchen mit im Spiel war, fester verstrickt als jemals. Was für Stoff zu traurigen Betrachtungen!
Wie es meinen Schwestern ging, darauf achtete ich jetzt wenig, ich sah zwar oft Gesellschaft bei ihnen die mir nicht gefiel, aber Jucunde durfte nur meine beiläufigen Erinnerungen mit der Beteurung beantworten, dass sie nie einen Schritt von der Tugend abgewichen wäre, noch abweichen würde, so war ich zufrieden gestellt, und eilte wieder zu meiner Mariane, oder zum Spieltisch, um daselbst alles, meine Pflicht, meine Schwestern und mich selbst zu vergessen. Zum Glück sollte ich bald aus meinem Rausche erwachen.
Obgleich mein Vater seine Töchter unter der Aufsicht der Robignac sicher zu sein glaubte, ob er gleich dem Obersten in Ansehung ihrer blindlings traute, so war er doch nicht ganz fühllos für ihre Ehre. Die jungen Herren, die unser gemeinschaftlicher Verführer bei ihnen einführte, gefielen ihm nicht, und als der Oberste einst kühn genug war, ihm Anträge im Namen eines alten Domherrn zu tun, der Jucunden auf der Promenade gesehen hatte, und nicht die ehrlichsten Absichten auf sie äusserte, so kam er mit ihm auf eine Art zusammen, welche den gänzlichen Bruch verursachte, und den Obersten veranlasste, Berlin zu verlassen. –
Und nach Hohenweiler zu kommen, schrie ich, um an mir und deiner unglücklichen Schwester seine Rache wegen seiner fehlgeschlagenen Absichten auszulassen!
Drittes Kapitel
Beschluss
Ich hatte Alberten noch nichts umständliches von dem tod seiner Schwester und der traurigen Veranlassung desselben berührt. Wir gerieten jetzt in ein weitläuftiges Gespräch über diesen Gegenstand, welches die Aufmerksamkeit meines Sohns so sehr auf sich zog, und Mitleid und Unwillen bei ihm in so hohem Grad erregte, dass ich ihn mit Mühe auf andere Gegenstände bringen, und ihn, da die Zeit unserer Trennung immer näher heran rückte, zur Vollendung seiner geschichte bereden konnte.
Des Obersten Abreise, fuhr er fort, war in aller Absicht ein Glück für mich. Längst war ich mein wüstes Leben, längst war ich Marianens überdrüssig, und nichts als seine Drohung, dieses und alles vorhergehende, Ihnen und meinem Vater zu entdecken, wenn ich mich nicht gänzlich von ihm leiten liess, konnte mich auf dem Wege erhalten, den ich zu seinem Vorteil gehen musste. – Jetzt da ich wieder mir selbst überlassen war, verliess ich Marianen, verliess ich die Spieltische, und kehrte wieder zu meiner Lektüre und zu meines Vaters haus zurück. Meine Bücher waren freilich noch dieselben, nur dass ich manche ihrer Lehren durch meine eigene Erfahrung bestätigt und eindringender als zuvor gemacht fühlte, aber wie sehr hatte sich alles bei meinen Schwestern geändert! wie in die Augen fallend war es, dass meine Aufsicht ihnen gefehlt, dass sie weit besser der Führung eines schwächen und selbst fehlerhaften Jünglings, als ihrer eigenen, zu überlassen gewesen wären!
Jucunde war auf eine seltsame Art