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ohne die Begleitung des Obristen an einen von den Schauplätzen meines bisherigen Glücks. Man nahm mich mit einigem Kaltsinn auf, weigerte sich aber doch nicht, mich Anteil am Spiel nehmen zu lassen, wie ich in meiner Einfalt, die sich scheute einen Schritt ohne Begünstigung meines bisherigen Führers zu tun, gefürchtet hatte.

Der Oberste war gegenwärtig, tat ganz freundlich gegen mich, doch glaubte ich hintennach, ein verdächtiges Augenspiel zwischen ihm und den andern Anwesenden bemerkt zu haben. Meine Louisdor hatten mir beinahe die dreifache Summe die ich zu Anfang besass eingebracht. Mein Eifer verdoppelte sich, so wie mein Glück, und ich würde ziemlich bereichert nach haus gegangen sein, wenn man mich nicht mitten in meinem Laufe aufgehalten hätte. – Man fand mein ausserordentliches Glück sonderbar, man flüsterte heimlich, dass nur meine Jugend, und mein offener blick mich vor bösem Verdacht schützen könne. Ich antwortete nach meinem besten Wissen, dass ich alle Regeln des Spiels in acht nähme, und es zufrieden sein wollte, dass man mich genau beobachtete und mich wegen dessen, was man verdächtig fand, zur Rechenschaft ziehen möge.

Man schwieg, und die nächste Partie war noch nicht halb zu Ende, als man mich auf einem Kunstgriffe ertappte, den man betrügerisch nannte, und die Worte falscher Spieler, und junger Bösewicht von allen Seiten ertönten. Ich erstaunte, ich verteidigte mich, ich berief mich auf den Obersten und nannte ihn in diesem Stücke meinen Lehrer, aber dieses diente nur dazu, das Geschrei wider mich zu vermehren. Der Oberste, zufrieden mit dem Gewinn den er von den Betrügereien anderer zog, pflegte allezeit sehr ehrlich zu spielen, und sein guter Ruf in diesem Stück war entschieden. Man nannte mich einen Undankbaren, einen Verläumder; man liess mich die übelste Begegnung erfahren, raubte mir zur Vergütung des gegenwärtigen und des ehemaligen Schadens, alles was ich besass, drohte mir, mich bei der Obrigkeit anzugeben, und sties mich fast nackend zum haus hinaus.

Diese Begegnung zeigte in was für hände ich geraten war, ich war zu einfältig es einzusehen, und irgend ein Mittel zu wissen, wie ich mir helfen, meine Unschuld dartun, und meine Feinde wegen ihres eigenmächtigen Verfahrens zur Rechenschaft ziehen könnte. Ich floh, und glaubte mich überall von der Hand der Gerechtigkeit verfolgt. Ich scheute mich nach haus zu Herrn Reiner zurück zu kehren, und entschloss mich, das Mittel zu ergreifen, dass ich Ihnen mit solcher Freiheit in einem meiner Briefe, als meine letzte Zuflucht angedeutet hatte, wenn ich keine Geldhülfe bekäme.

Der Himmel weis es, nicht Trotz, sondern Verzweiflung war es, was mich antrieb die Musquete zu nehmen! Wo sollte ich hin? zu meiner beleidigten Mutter? zu dem Vater, dessen Härte ich kannte wenn er zürnte? Zu dem abscheulichen Obersten, der mich in die schimpflichste Verlegenheit gestürzt hatte, ohne sich in derselben meiner anzunehmen? oder zu Herrn Reiner, der eine Kreatur des Obersten war?

Ich war gut gewachsen, war erst siebzehn Jahr, und es ward mir nicht schwer, Dienste zu bekommen. Der Oberste und Herr Reiner mochten nicht vermutet haben, dass ich diesen Schritt tun würde. Vermutlich hatte man geglaubt, ich würde zurückkehren, würde mein gehabtes Unglück durch eine Lüge bei meinem Hofmeister zu bemänteln suchen, und der Oberste hätte denn Musse gehabt seinen Frieden mit mir zu machen, und mir Bedingungen zu einem künftigen Einverständnis vorzuschlagen, wie ich sie in der Folge von ihm hören musste.

Dass man wegen meiner Verschwindung besorgt war, zeigten alle Zeitungsblätter, die meinen Namen nannten, und meine person so eigentlich beschrieben, dass man mich kennen musste; aber man hatte so wenig Lust mich unentgeldlich auszuliefern, als ich, einen Stand zu verlassen, welcher anfieng mir besser als mein bisheriges wüstes Leben zu gefallen. Es ward mir leicht den Dienst zu lernen, meine Gestalt fand Beifall, und meine durch die letzte Demütigung etwas gemilderte Gemütsart, ermangelte nicht mir meine Obern günstig zu machen, man begegnete mir wohl, und ich glaubte mich glücklich.

Herr Reiner hatte meinen Vater von meinem Verluste benachrichtigt, und ich weis nicht, ob ich es allein auf meine Rechnung schreiben soll, dass er, ehe ich mich es versah, in Berlin erschien. Der Zufall wollte es, dass ich im Tor die Wache hatte, als er ankam. Ich sah ihn und meine Schwestern Jucunde und Amalie, ich sah noch eine Dame, die ich wegen der niedergelassenen Kappe nicht erkennen konnte. Ich vermutete meine Mutter unter dieser Hülle; mein Herz fing an stärker zu schlagen und meine Augen gingen über. Ich fürchtete, meine Bewegung möchte mich verraten, und suchte mich so viel möglich zu verbergen; aber ich musste doch entdeckt worden sein, denn der Mittag war noch nicht heran gekommen, als ich vorgefordert, und mir angekündigt wurde, ich habe meine Entlassung. Mein Vater sei angekommen, er verlange mich zu sich, und man sei nach den Schritten die er getan habe nicht gesonnen mich ihm vorzuentalten. Ungern willigte ich ein. Ich zitterte vor dem erzürnten Angesicht meines Vaters und vor Ihren gerechten Verweisen. Ich liebte meinen Stand, und es würde mir vielleicht gelungen sein, in demselben zu bleiben, wenn sich nicht der Oberste eingefunden, und mit seinen Vorstellungen durchgedrungen hätte.

Er nahm wieder die Larve des zärtlichen besorgten Freundes vor, wusste seine Vergehungen gegen mich zu beschönigen, nützte meinen Wahn wegen Ihrer Anwesenheit, sagte mir