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wohl ich der Frau vom haus gefiel, dieses war mir auf den ersten Augenblick merklich, und ich kann nicht leugnen, dass ihr gütiges Betragen die Hoffnung in mir erweckte, sie würde mich die Stelle als Wirtschaftsgehilfinn, um derentwillen ich in die Stadt gekommen war, in ihrem haus finden lassen; aber dass mich mein Schicksal zu weit glänzendern Aussichten berechtigte, dass ich auf noch eine person einen tiefen Eindruck gemacht hatte, dieses wurde ich in der Einfalt meines Herzens nicht ehe gewahr, bis mir meine Wohltäterinn selbst hierüber die Augen öfnete.

Hannchen, sagte sie eines Tages in ihrem gewöhnlichen mütterlichen Tone zu mir, wir sind dir vielen Dank schuldig; du hast aus unserm Neffen einen vernünftigen und ordentlichen Menschen gemacht. Ich, Madam? fragte ich, ich erinnere mich nicht, seit ich die Ehre habe in ihrem haus zu sein, zehen Worte mit ihm gewechselt zu haben. Kann wohl sein, erwiderte sie, aber seine Aenderung, seit du bei uns bist, ist zu auffallend, als dass man sie jemand andern als dir zuschreiben könnte. O Hannchen, hättest du ihn vordem gekannt! er war auf keinem guten Wege! Wiewohl, es ist nicht schicklich dir Böses von dem zu sagen, den ich dir so gern beliebt machen wollte. Er liebt dich, er hat es mir gestanden, und ich bin zu froh, dass er nach tausend Ausschweifungen seine Augen endlich einmal auf eine person geworfen hat, die ihn, wie ich hoffe, nicht verschmähen wird, und auf die er mit Ehren denken kann, auf ein Mädchen, das tugendhaft und schön genug ist, ein Herz, wie das seinige, fest zu halten, und es zu bessern.

Sie scherzen, Madam, unterbrach ich sie halb ausser mir vor Erstaunen, sie bedenken nicht! – Ich habe hier nichts zu bedenken, sagte sie; auf den ersten blick ward ich von dir eingenommen, ein kurzer Umgang mit dir lehrte mich, dass ich mir auf Zeitlebens keine bessere Gesellschafterinn wünschen könne als dich; ob du mir weniger als Nichte gefallen wirst, ist kaum Fragens wert. – Aber, Madam, meine Armut; und sollten sie diese auch übersehen, wird Herr Haller, – Du meinst meinen Mann? fiel sie mir ins Wort, dafür sei unbesorgt, mein Wille ist der seinige. Eine etwas wichtigere Einwendung würde es sein, ob auf die Beständigkeit meines Neffen viel Hoffnung zu setzen wär, auf ihn, der so lange von einer Schönheit zur andern hüpfte, und in der ganzen Stadt als ein ausgemachter Flattergeist bekannt ist, aber solltest du ihn nicht bessern können, so wird es keine auf der Welt.

Es würde zu weitläuftig sein, meine Kinder, euch unser ganzes Gespräch mitzuteilen; hört lieber, welches meine Empfindungen dabei waren. – Lasst mich offenherzig sein: welch Mädchen fühlt nicht einige Freude über eine Eroberung, über einen Antrag von solcher Art; und dann die Aussicht auf ein ruhiges sorgenfreies Leben, auf den ungetrennten Umgang mit meiner lieben Madam Haller, eine solche Aussicht für mich, die nichts als Dunkelheit in der Zukunft vor sich hatte! – Dass also die Sache überhaupt mir schmeichelte, ist gewiss, übrigens aber fühlte ich nicht die geringste Neigung für Herrn Haller, so ein hübscher Mann er in manchen Augen auch sein mochte. Auch war die Beschreibung von seinem Charakter, die mir meine Wohltäterinn machte, und die ich, seit ich in der Stadt war, hier und da hatte bestättigen hören, nichts weniger als reizend für mich, die ich mir in meinen jüngern Jahren ein ganz anderes Bild von meinem künftigen Gatten entworfen hatte. Gütiger Himmel, welch ein Bild! Welch ein Inbegriff aller sichtbaren und unsichtbaren Vollkommenheiten! und wie fest mein Herz an denselben hieng! Gewiss, es war nötig, wie Madam Katarines sagte, den Dreissigen nahe zu sein, um ein schönes Ideal aufzugeben, es um Herrn Hallers willen aufzugeben, entweder ganz an seiner Existenz zu zweifeln, oder wenigstens mich zu überzeugen, dass es für mich nicht vorhanden sei.

Doch ward mir es schwer dieses zu tun; ich bat um Bedenkzeit, beredete es mit meinem Vater, er stellte mir unsere traurige Lage, und die Möglichkeit vor, den, den mir das Schicksal zu meinem Gatten bestimmt zu haben schien, zu bessern unddie Sache war so gut als geschlossen.

Herr Haller bekam erlaubnis, sich an mich zu wenden, und er entdeckte mir seine Neigung mit so viel Wärme, strebte so unablässig, sich mir gefällig zu machen, zeigte sich die ganze Zeit unsers Brautstandes auf so vielfachen vorteilhaften Seiten, dass sich meine ganze Meinung von ihm änderte, dass ich endlich so für ihn eingenommen ward, als er für mich. Oft suchte ich in der Einsamkeit das oberwehnte aufgegebene Ideal meines künftigen Gatten in meinem Gedächtniss auf, verglich es mit meinem nunmehrigen Bräutigam, warf bald diesen bald jenen Zug meines schönen Bildes hinweg, tat dagegen andere hinzu, bis ich mir endlich einbildete, Herr Haller sei demselben fast ganz gleich, und ich habe in ihm alles gefunden, was sich ehemals meine Phantasie träumte; eine Täuschung, welche zwar nicht lange dauerte, die mich aber für den gegenwärtigen Augenblick unaussprechlich glücklich machte. Alles was mir seine eigene Tante von ihm gesagt hatte, alles, was mir das Gerüchte von ihm zuflüsterte, sobald es bekannt ward, dass ich mit ihm versprochen sei, alles wurde in den Wind geschlagen, ich