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Zeitung von Wiltecks Reise nach Amerika, einen so nachteiligen Eindruck auf das Gemüt des armen Mädchens machte. nachher war sie zu schwach gewesen, so viel schreiben zu können. – Meine Gedanken drehten sich in einem Wirbel herum, ich dachte mir alle auf diesen Tag folgende Scenen, dachte mir ihr ängstliches Bestreben in ihren letzten Stunden, mir etwas zu entdecken, das sie auf dem Herzen hatte, und ihre Bitte, nicht in das Innere ihres Geheimnisses zu dringen, war meinen Gedanken nach aufgehoben. Das Schloss des Kästchens war zersprengt, ehe ich selbst dar an dachte, und alles was es entielt, lag offen vor meinen Augen.

Ich griff hastig nach einigen Papieren, welche oben auf lagen, ich las einige Zeilen, die mich in Erstaunen setzten; ich wollte weiter gehen, aber ein Geräusch an der Tür machte mich aufmerksam.

Sie ward geöfnet; Julchen trat herein, und führte an ihrer Hand einen jungen Menschen im leinenen Kittel, mit einem hut, der mit einer Kokarde geziert war. Er sah mich eine Weile schüchtern an, warf sich dann mir zu Füssen, und schrie mit einer von Schluchzen unterbrochenen stimme: Mutter! Mutter! kennen sie ihren verlohrnen Sohn, ihren Albert nicht mehr?

Zweites Bändchen

Erstes Kapitel

Vom verlohrnen Sohne

Albert? wiederholte ich mit zusammengeschlagenen vor die Stirn gefaltenen Händen. – Alberts Gesicht war auf meinen Schoos gesunken, seine Tränen badeten meine Knie, und er hob erst nach einer lange Weile, die durch ein düsteres Stillschweigen ausgefüllt wurde, ein paar hole von Weinen getrübte Augen nach mir auf, um mein Mitleid zu erflehen. Der Schmerz, der meine ganze Seele durchdrang, machte mich stumm. Julchen nahm mein Stillschweigen für Härte auf, sie warf sich auf der andern Seite vor mir nieder, sie wollte für ihren Bruder bitten, die Worte gebrachen ihr, aber ihr Weinen und Schluchzen war beredter als ihre Zunge. Ich schloss beide in meine arme; meine Tränen vermischten sich mit den ihrigen, und meine zwischen beiden gleichgeteilten Liebkosungen, sagten ihnen, dass der wiederkehrende Albert und seine unschuldige Schwester, die mich nie gröblich beleidigte, jetzt gleichen Anteil an meinem Herzen hatten.

Getröstet erhoben sich beide, ich liess sie an meine Seite setzen, und nun begann jene verwirrte Art von Unterhaltung unter uns, welche alle unvermutete Scenen des Wiedersehens, alle Auftritte, wo Schmerz und Freude so wunderlich durch einander gemischt ist wie hier, unter sich gemein haben. – – Albert war mit einem Rekrutentransport durch Hohenweiler gekommen, die Gunst seines Hauptmanns, hatte ihm einen ganzen Tag freigegeben, sich mit seiner Mutter zu letzen, aberdieser Tag war schon zur Hälfte verflossen, und wir hatten noch nichts getan, als einander abgebrochene Stücke von unserm bisherigen Ergehen geliefert, vergangene Vergehungen und gegenwärtiges Unglück beweint, und über den armseligen Zustand des geliebten Alberts und die baldige Trennung von ihm getrauert.

Alle Vorräte des Hauses wurden geplündert, um seinem Mangel abzuhelfen. Julchen trug alles hervor, was sie vermochte, und wir hätten vielleicht nach und nach genug zusammen gebracht, um dem Rekruten Albert einen Packwagen zu seinen Habseligkeiten nötig zu machen. Er bat um nichts als um ein wenig Geld, und etwas Wäsche, und erbot sich, indessen wir bemüht waren, das letzte nach seinem gegenwärtigen Zustande einzurichten, der ihm weder Spitzen noch Nesseltuch erlaubte, uns die Erzehlung seiner begebenheiten so vollständig zu geben, als es die wenige Zeit die uns noch übrig war, zuliess.

Wenn es erlaubt wär, fing er an, dass sich der, welcher seine Mutter auf tausendfache Art betrübte, einer immer zärtlichen nie geschwächten Liebe gegen sie rühmen dürfte, so glaube ich, würde ich es tun können. Verführung war es, was mich von meiner Pflicht ableitete, – doch ich tue besser, ich überlasse meine Entschuldigung derjenigen, die keinen Zorn, nur Mitleiden gegen ihren armen Albert fühlt.

Die Art, auf welche ich aus ihren Armen gerissen wurde, kennen sie; mein Vater wollte mich in der grossen Welt erziehen, wie er sich ausdrückte, des Glückkes würdig machen lassen, das er mir einst in derselben verschaffen könne. – Sie drückten mich beim Abschied an ihre Brust, und stiessen mich halb zornig zurück, als sie sahen, dass meine Tränen über unsere Trennung nicht so häufig flossen, als sie sollten. Ich gestehe es, die Freude, Hohenweiler zu verlassen, das meinem feurigen Temperament langweilig zu werden begunte, und in die Welt zu kommen, verdrängte den Kummer, ihren Anblick inskünftige entbehren zu müssen, ein wenig. Man hatte in dem Wilteckischen haus mein Gehirn mit Bildern erfüllt, zu welchen ich keine Originale in unserm Städtchen fand, und mein Herz nach Freuden schmachten gelehrt, die ich nirgends als in der Welt kennen lernen konnte.

Sie wissen aus meinen Briefen, mit was für Entzükken ich die neue Sphäre, in welche man mich in Berlin einführte, begrüsste, wie geitzig ich die Vergnügungen in mich trank, die sich mir darboten. Es ist mir unmöglich meinen Vater für so verblendet zu halten, dass er die Laufbahn, die man mir vorzeichnete, gebilligt oder nur gewusst haben könne, ich glaube nicht, dass derjenige, welcher das Vergnügen liebt, sich Gehülfen in dem Bestreben seine Reichtümer zu verschwenden wünschen könne.

Der Oberste Wilteck, der meinen Vater regierte wie er wollte, und ihn mit sehenden Augen betrog, war es, der mich zum Mittel brauchen wollte, neue Quellen