dem armen Mädchen alle Hoffnung auf ihren Geliebten abzuschneiden.
Ludewig wütete fürchterlich, und gebrauchte sich einiger Ausdrücke, welche Mutmassungen in mir erneuerten, die schon durch Hannchens Phanrasien zuweilen erregt worden waren. Er atmete nichts als Rache, und nichts als die Furcht seiner schwachen Geliebten zu schaden, konnte ihn bewegen den Ausbruch seines Zorns ein wenig zu mässigen.
Er hatte mehr als einen halben Tag auf diese Art bei uns verweilt, und er ward jetzt durch eine Ordonanz abgefordert. Er wollte sich nicht von Hannchen trennen ohne den Namen ihres Gemahls erhalten zu haben. Ich hatte wenig Hoffnung auf das Leben meiner Tochter zu setzen, warum sollte ich ihr noch diesen armseligen letzten Trost versagen? über dieses waren gewisse dunkele Ideen in meinem Gehirn, gewisse Ahndungen in meiner Seele, die es mir selbst erwünscht machten, meine Tochter als Wiltecks gemahlin zu sehen.
Walter gab ihre hände zusammen. Hannchen triumphirte, sich ganz ihres Ludwigs Eigentum nennen zu können, und hoffte auf längeres Leben. Wilteck, welcher den Zustand der Sachen besser begriff, weinte, dass er das eben erhaltene Glück nicht länger geniessen sollte.
Erst eine zweimal wiederholte Ordre konnte ihn aus den Armen seiner Gattin reissen. Fast mit Gewalt mussten wir ihn entfernen, denn Hannchens Zureden, und die Versicherung die sie ihm gab, sie würde jetzt, da sie seine gemahlin sei, seine Entfernung weit ruhiger als sonst ertragen, taten ganz die entgegengesetzte wirkung. Ach er wusste es, er fühlte es, dass er sie nie wieder sehen würde!
Wir waren nun allein. Hannchen bat mich meinen Platz ganz nahe an ihrem Bette zu nehmen, um sie ganz verstehen zu können, weil sie sich nun einen Mut fassen wollte, mir alles zu sagen was sie mir bisher verborgen habe; aber ehe sie sich noch völlig zum Sprechen geschickt hatte, fiel sie in einen Schlaf der einige Stunden dauerte, und aus welchem sie, wie der Arzt geweissagt hatte, gegen die Nacht zu heftigen Rasereien erwachte. Ihre Unruhe dauerte bis gegen den Morgen; in den Zwischenzeiten, da sie sich ein wenig besann, zog sie mich oft zu sich, und schien mir etwas vertrauen zu wollen, aber sie bewegte nur die Lippen, ihre stimme war mir nicht mehr hörbar.
Ihr Kampf dauerte noch fast den ganzen andern Tag, bis endlich die Lebenskräfte sich völlig aufzehrten, und sie in meinen Armen entschlief.
Ein und vierzigstes Kapitel
Unaufgelösste Rätsel
Man entschuldige das Unvollständige in der Beschreibung der letzterwähnten Scenen! Wenig oder gar nichts von gewissen Dingen sagen, ist oft die treffendste Schilderung. Dieses gilt auch von meinen Empfindungen bei Hannchens Sterbebette, und von meinem Leben die erste Zeit nach ihrem tod. Jener Mahler, der Iphigeniens älteren bei ihrer Hinopferung, in dichte Gewänder verhüllt erscheinen liess, wusste das, was ich fühle, dass älterlicher Schmerz für jeden Pinsel unerreichbar ist.
Ich sass, nachdem schon manche schwarze, melancholische, tränenleere Stunde vorüber geflohen, manche lindernde Zähre verweint war, eines Tages auf dem Zimmer der Verstorbenen, und machte mir ein trauriges fest, aus der Betrachtung ihrer hinterlassenen, zum teil unvollendeten arbeiten, die sie von den künstlichsten Arten sehr schön verfertigte, und einiger wenigen Scripturen, die meistens ernstafte Dinge zum Gegenstand hatten, und noch vor ihrem Aufentalte in dem Wilteckischen haus von ihr verfasst worden waren; ihre Kränklichkeit hatte ihr nach ihrer Rückkunft, wenig Musse zum schreiben gegönnt.
Von ungefähr stiess ich auf eine kleine Kassette, die mir von langer Zeit als das Behältniss von Hannchens liebsten Kostbarkeiten bekannt war. – Vielleicht würde ich es uneröfnet bei Seite gesetzt haben, wenn mich nicht ein darauf befestigter Zettel aufmerksam gemacht hätte. Er war von der Hand der Verstorbenen, und entielt folgendes:
"Liebe Mutter!
Ein geheimes Gefühl sagt mir, dass ich sterben werde; sollte dieses geschehen, und sollten sie dieses Kästchen unter meinen Sachen finden, so bitte ich, so beschwöre ich sie, es uneröfnet zu lassen, und derjenigen person zu geben, die ich ihnen nennen werde.
Ich erwarte gegen das Ende des künftigen Monats, den Besuch der Madam Katin, der Wirtschafterinn der Frau von Wilteck; geben sie ihr dieses kleine Behältniss der geringen Kostbarkeiten die ich besitze; es entält etwas weniges an Geld, einige Juwelen, und andere kostbare Tändeleien, deren Wert sie berechnen können, da ich sie alle von Ihrer Güte habe. Die Frau ist redlich, und wird mit diesen Dingen so verfahren wie ich ihr befohlen habe. Aber – liebe Mutter, ich wünschte eben nicht, dass sie sich mit ihr in weitläuftige Unterredungen einliessen; diese Art Leute ist so geschwätzig, so – ich weiss selbst nicht wie ich sagen soll, wie leicht könnten sie etwas von ihrem Hannchen hören, das sie ihnen noch im tod zuwider machte. Ueberhaupt, da sie nun immer so in mich dringen ein geheimnis von mir zu erfahren, so würde ich doch – vorausgesetzt dass ich eins hätte – es lieber Ihnen selbst – ach ich weiss nicht, was ich schreibe. Ich werde wohl diesen Zettel, so wie die vorhergehenden, wieder abreissen, und einen andern schreiben. Nichts ist mir recht, was ich Ihnen sage, und meine Angst ist unaussprechlich."
Ich weiss nicht wie oft ich dieses Blatt überlas, ehe ich den Inhalt davon recht begreifen konnte. Ich untersuchte das darunter gesetzte Datum, es war der 4. Jenner, als der Tag vor dem Besuche des Obristen, an welchem die