Ich trat ans Fenster um den herrlichen Anblick zu geniessen. Ein ofner Wagen, den ich in der Ferne über die beschneite Gegend fliegen sah, erregte meine Aufmerksamkeit; er kam näher; ich konnte Waltern erkennen. Ich schlich zu dem Bette meiner Tochter, sie schlief noch immer, und ihre ruhige heitere Miene verkündigte, dass ihr wohl war. Ich empfahl sie der Wärterinn und eilte hinaus, um Anstalt zu machen, dass mein ankommender Freund, durch den Hirtenhof hereinführe, damit kein Geräusch die Schlafende wecken möchte.
Walters Empfang, seine fragen, meine Erzählungen, und seine Ratschläge gehören nicht hieher; wichtigere Gegenstände drängen sich herbei, meine Feder zu beschäftigen. Einige Stunden verflossen ohne dass wir es merkten, mein Freund verstand das geheimnis mich aufzurichten, und mir die Dinge die mich bekümmerten, aus einem bessern Lichte zu zeigen; er zeichnete mir den Weg vor, den ich zu gehen habe, um mich aus dem Labyrinte in dem ich war, heraus zu finden. Mein Herz ward ruhiger, und es fehlte nichts mich wieder einige Freude schmecken zu lassen, als bei Hannchens Erwachen einige Spuren der Besserung, einige Hoffnung für sie zum Leben zu sehen. Schon zu lang war ich von ihr entfernt gewesen. Der Schall von der Feldmusik einiger durchmarschierenden Regimenter, hatte mich zittern gemacht, sie möchte auf eine ungestüme Art geweckt worden sein, doch die Fenster ihres Gemachs gingen auf eine andere Seite, ich beruhigte mich und kehrte, als ich schon auf dem Wege war zu ihr zu eilen, noch einmal um, noch einige Punkte unserer Angelegenheiten mit Waltern zu berichtigen. Wir verwickelten uns von neuen in unsere Ueberlegungen, und ich musste mich endlich mit Gewalt von ihm losreissen. Hiervon hernach, sagte ich, lassen sie uns zu meiner Tochter eilen, eine ungewöhnliche Angst reisst mich zu ihr hin. –
Ich hatte nebst Waltern bereits das Zimmer verlassen, und näherte mich dem Gemach wo meine Tochter lag, als uns die Wärterinn mit einem verstörten Gesicht entgegenstürzte, und uns bat, eilend zu der Kranken zu kommen, weil sie einen Besuch erhalten habe, welcher dem Anschein nach, einen gefährlichen Eindruck auf ihr Gemüt mache. – Meine Tochter ist also erwacht? fragte ich hastig. Ja Madam, erwiderte sie, ich war ein wenig eingeschlummert, Mamsell Julchen mochte durch die Feldmusik in ein anderes Zimmer gelockt worden sein, und indessen ist vielleicht die Kranke erwacht. Ich weiss nichts weiter, als dass ich durch einen lauten Schrei ermuntert wurde, und dass ich, als ich die Augen aufschlug, einen jungen Herrn in Uniform vor ihrem Bette auf den Knieen liegen sah. Ich eilte herbei, und ich muss gestehen, dass ich nie einen wunderlichern Zustand gesehen habe. Die Kranke lachte und weinte in einem Aten, drückte den jungen Offizier bald an ihre Brust, und stiess ihn bald mit Ungestüm von sich. Der Fremde schien eben so wenig ganz seines Verstandes mächtig zu sein, und als ich ihn von ihr reissen wollte, bekam mir der Versuch so übel, dass ich lief um sie, Madam, herbei zu rufen, weil ich in der Tat nicht weiss was hier zu tun ist.
Es war hier keine Zeit zu verlieren, wir eilten in das Zimmer. Hannchen lag ohnmächtig in den Armen eines jungen Mannes, seine Tränen strömten auf ihr Gesicht, und seine Ausrufungen, bestättigten das was man vermuten kann, dass er derjenige war, welcher nächst mir den meisten Anteil an der Kranken nehmen musste.
O Wilteck! schrie ich, indem ich die Kranke seinen Armen entriss, was haben sie gemacht! Sie sind der Mörder meiner Tochter! – Was er antwortete, wie Hannchen wieder zu sich selbst gebracht ward, und was vielleicht noch eine lange Zeit hernach vorging, dessen kann ich mich nicht deutlich erinnern; ich war zu betäubt, um mir ganz bewusst zu sein, was um mich herum vorging.
Die Kranke war jetzt völlig wieder bei sich selbst, sie sprach schwach und kaum hörbar, aber vernünftig und zusammenhängend. Sie liess des Lieutenants Hand nicht aus der ihrigen, nannte ihn ihren lieben Ludwig, und beteuerte, auch der Tod solle sie nicht von ihm trennen. Der Lieutenant war in einer halben Raserei. Seine Geliebte fast sterbend wieder zu finden, das hatte er nicht erwartet. Er war herbei geeilt um ihr bei dem Durchmarsch seines Regiments einen kurzen Besuch zu machen; und sollte sie nun zum letztenmale umarmen. Denn so sehr uns auch Hannchens scheinbare Ruhe, ihre muntern Augen und das sanfte Rot auf ihren Wangen anfangs täuschten, so sagte uns doch der blick des Arztes was wir nach einer so unzeiligen, ausserordentlichen Erschütterung zu hoffen hatten.
Hannchen, die den tiefsten Schmerz in unser aller Augen, und vornehmlich in den Augen ihres Geliebten las, versicherte uns, sie werde nun nicht sterben, da sie ihres Wiltecks gemahlin sei.
Meine gemahlin? rief der Lieutenant, ja du sollst es werden, und wenn alle Welt uns von einander reissen wollte.
Und du nimmst mich dann mit nach Amerika? sprach die lächelnde Kranke. Nach Amerika? fragte er, bestes Mädchen, was sind das für seltsame Vorstellungen die du dir machst?
Die Erklärungen welche wir einander hierauf gaben, zeigten, dass die Erzählung des Obersten, welche vielleicht etwas beigetragen hatte, Hannchen in den traurigen Zustand zu versetzen, in welchem sie sich jetzt befand, nichts als ein Märchen gewesen war, welches man ersonnen hatte,