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; ich hatte das Geld erheben lassen, aber es aus Ursachen, die man erraten kann, gegen einen Schein in fremde Verwahrung gegeben. Ich berief mich hierauf, ich bot mich zur Bürgschaft an, aber man zuckte die Achseln, meinte, der Schein den ich vorzeigte, könne wohl falsch sein; es wär bekannt, dass die Frau Amtmanninn nie einiges persönliches Vermögen besessen habe; ihre Bürgschaft könne auf keine Weise angenommen werden; die Versiegelung der Kasse müsse vor sich gehen, und man verschiebe die Besichtigung derselben nur aus besonderer achtung, bis zu Wiederkunft des Herrn Amtmanns.

Ich verstand nichts von dem was Rechtens war; ich musste endlich schweigen. Man versiegelte, und ich konnte mit Mühe meine und meiner Tochter Habseligkeiten retten, dass uns nicht auch der Zugang zu denselben verschlossen ward. – Beim Abschied band mir noch das Haupt der Deputation besonders ein, ja es nicht zu unternehmen, meinem mann etwas von diesem Vorgange zu schreiben, denn es würde nur dazu dienen, mich verdächtig zu machen, und übrigens ganz vergebens sein, weil man schon sorge getragen habe, dass keiner von meinen Briefen in Herrn Hallers hände kommen könne. Ich fragte, ob nicht mit Zuziehung des Amtsverwesers, den mein Mann zurückgelassen hatte, eine Aenderung in den Sachen gemacht werden könne, aber ich merkte aus den Antworten, dass dieser selbst den grössten teil an dem ganzen Vorgange habe, vielleicht gar der Angeber meines Mannes gewesen sei.

Ich kehrte zu dem Bette meiner Tochter zurück, und fand sie ohnmächtig unter den Händen Julchens und einiger Mägde. Wir brachten sie wieder zu sich selber, sie schlug die Augen auf, und fragte mit ängstlichem Tone, ob die fürchterlichen Leute fort gegangen wären? Ich sprach ihr tröstlich zu; fragte wie sie sich über eine Sache von so geringer Bedeutung, welche schon fast beigelegt wär, so erschrecken und beunruhigen könne? – Aber ihre Antworten zeigten, dass sie nicht ganz bei sich selber war, und die wahre Beschaffenheit der Sache gar nicht begriffen hatte, sondern nur durch den lärmenden Eintritt der Leute, und ihr rauhes Bezeigen, so ausser sich gesetzt worden war, ohne einzusehen was sie wollten.

Sie räumte den ganzen Auftritt mit ihren eigenen Ideen zusammen, schwärmte viel vom Lieutenant, von Römhild, und der Reise nach Amerika, und mischte das alles so seltsam unter einander, dass man unmöglich erraten konnte, was für eine idee ihrer Seele eigentlich die meiste Unruhe machte, und auf welcher Seite man die Kur ihres verwundeten Herzens angreifen müsse.

Sie besann sich erst gegen den Abend völlig; sie erzählte uns den Vorgang des Vormittags, als einen fürchterlichen Traum den sie gehabt hatte, und dass wir sie in dieser Meinung bestärkten, brauchte ich wohl nicht erst zu erwehnen. Sie war so abgemattet, dass sie in einen tiefen Schlaf verfiel, der Arzt nannte dieses eine glückliche Krise, und gebot, allen Lärm, alle überflüssige Gesellschaft von ihr zu entfernen, und sie nicht zu stören, und wenn sie zwölf Stunden an einander schlafen sollte.

Ich beschloss nebst Julchen und einer Wärterinn allein bei ihr zu bleiben; die Nacht kam heran, ich liess die Kleine sich an der einen Seite des Krankenbettes zur Ruhe legen, und setzte mich an die andere, um das Erwachen meiner Tochter abzuwarten.

Eine schrecklichere Nacht als diese, besinne ich mich nicht gehabt zu haben. Die horchende Stille die mich umgab, begünstigte alle traurige Ideen die meine Seele einnahmen. Die Angst um das geliebte Kind, dessen Tod und Leben jetzt auf der Wage lag, war zwar gegenwärtig meinem Herzen der nächste, aber bei weiten nicht mein einiger Kummer; mussten nicht von allen Seiten die empfindlichsten Leiden auf mich zustürmen, wenn ich meine ganze Lage bedachte? – Von unserm gesunkenen Glück, und dem gefährlichen Punkte, auf welchem die Ehre meines Mannes gegenwärtig stand, will ich gar nichts gedenken. Meine Kinder waren es, die mir am meisten am Herzen lagen. War es nicht schrecklich für die Mutter einer so zahlreichen Familie, nicht eins von ihren Lieben in einer glücklichen Lage zu wissen? – Ach und wenn ich an Samuelen dachte, den ich auf so eine unglückliche Art verlieren musste, wenn ichnein es ist unmöglich die Quaalen dieser schrecklichen Nacht lebhaft zu schildern, ohne den alten Schmerz zu erneuern, und mich auf gewisse Art selbst für den gegenwärtigen Augenblick unglücklich zu machen.

Vierzigstes Kapitel

Eine Hochzeit aus dem Stegreife, und ein Todesfall

Die Versiegelung der Kasse unterliess nicht mir viel sorge zu machen. Ich verstand von allen diesen Dingen gar nichts, ich musste fürchten irgend etwas zu versehen, wenn ich nicht einen erfahrnen Mann über die Rolle um Rat fragte, die ich dabei zu spielen hatte. Meine Wahl fiel auf Waltern. Er war zwar ein Geistlicher, aber ein Mann der lange in der grossen Welt gelebt hatte, und sich in alles zu finden wusste. Ich hatte des vorigen Tages einen Augenblick abgestohlen, um ihm die Sache mit kurzen Worten zu schreiben, und ihm aufs dringendste zu bitten herbei zu eilen, und mir mit seinem guten Rate zu helfen.

Walters Ankunft, die ich den folgenden Tag erwartete, war fast der einige tröstende Gedanke, der mir in dieser schwärzesten Nacht meines Lebens, vorschwebte. Ich wusste, er konnte mir wenig wirkliche Hilfe leisten, aber welche Erquickung ist nicht der Rat und Trost eines Freundes, einer so verlassenen person als ich damals war!

Die Morgenröte brach an.