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gebessert, und sei glücklich geworden.

Aber sagte Hannchen, diese Römhild, liebe Mutter, sie haben sie doch wohl nur aus eigener Erfindung in die geschichte eingeflochten, nicht wahr sie taten es? und warum haben sie es getan?

Ei, erwiderte ich, wer wird eine Erzählerinn so ausfragen? höre jetzt das Ende meines Märchens. Franz bekam nach der Erscheinung seiner gemahlin gleichsam neues Leben, er brachte seine übrige Lebenszeit friedlich auf seinem schloss zu. Seine Schätze vermehrten sich, er wusste selbst nicht wie, und er wandte sie an den Bezirk um sein Schloss zu bebauen, und so viel arme und Verunglückte als er vermochte, in die neuen Wohnungen aufzunehmen; er ward der Vater dieser Leute; ihren Herrn wollte er sich nie nennen lassen. Dieses war der Ursprung eines artigen Dorfs, welches nach und nach zu dem Städtchen heran wuchs, das wir jetzt Hohenweiler nennen. Die Säule, welche ihm den Namen gab, ist nichts als ein Monument, welches Reutlingen zum Andenken von seinen und Perchtens begebenheiten setzen liess. Sie war zu jenen zeiten noch einmal so hoch als jetzt, und auf ihrer Spitze stand ein Bild des heiligen Petrus, welches die Zeit gänzlich zerstört hat. Wenn ihr dieses alte Denkmaal genau untersucht, so werdet ihr auch auf der einen Seite, Spuren von einem ausgehauenen Bilde eines knieenden geharnischten Mannes, und auf der andern, eine Frau in eben dieser Stellung entdecken können, welche vermutlich Reutlingen und seine gattin vorstellen sollen. Von der Inschrift ist keine Spur mehr zu sehen; sie soll lateinisch gewesen sein, und ungefähr so viel bedeutet haben: In der Hand der Vorsicht, verwandelt sich das Böse in Gutes. Ein Denkspruch den ich so wahr, ach durch lange Erfahrung, so ganz wahr finde, dass ich wollte, ich könnte ihn jedem jungen Herzen einprägen, welches bei dem ersten Unfall gleich geneigt ist zu glauben, Ruhe und Glück sei nun auf ewig dahin, und nichts könne die empfangene Wunde heilen. Mache, liebes Mädchen, sprach ich hier zu Hannchen, indem ich sie umarmte, dass du gesund wirst, so wollen wir einen Spaziergang auf Sankt Peters Stelle tun, und ich will dir noch so viel über die verwitterte Inschrift auf der Säule sagen, dass du mir nicht mehr weinen, sondern lauter Gutes in der, Zukunft sehen sollst.

Neun und dreissigstes Kapitel

Unvermutetes Unglück

Ich glaubte Hannchen mächtig getröstet zu haben, aber sie kam mir niedergeschlagener und zurückhaltender vor als je. Die versprochene Erzählung ihres eigentlichen Anliegens unterblieb gar, und ich, die ich aus ihrer zunehmenden Schwäche sah, wie sehr ich sie schonen müsse, beschloss auch nicht ein Wort mehr von meinem Verlangen ihr geheimnis zu wissen, zu erwehnen, bis sie völlig gesund sei. Ach Gott, diese glückliche Zeit sollte nie kommen! ich sollte es erst nach ihrem tod erfahren, was ihr das Herz zerrissen hatte, ich sollte dahintergebracht werden, mir selbst Vorwürfe zu machen, dass ich vielleicht durch Unvorsichtigkeit, durch einige ohne auf sie gerichtete Absicht gesprochene Worte, mir den Zugang zu ihrem Herzen versperrt, mir ihr Zutrauen und die Möglichkeit geraubt habe, sie zu retten.

Doch wer weiss, ob hier Rettung möglich gewesen wär; der äusserlichen Ursachen ihr Ende zu beschleunigen, kamen zu viel zusammen. Besorgnisse, Gram, Schrecken, vielleicht auch Freude erschütterten ihren schwachen Bau zu heftig, sie musste unterliegen.

Nach der boshaften Erzählung des Obristen, von der amerikanischen Reise seines Neffen, war es in die Augen fallend, wie sehr ihre Kräfte abnahmen. Sie hatte oft seltsame Phantasien, in welchen sie die Namen der Wilteckischen Familie mit denen aus dem Märchen von Ritter Reutlingen wunderlich durch einander mischte. Sie schlief wenig, ass fast gar nichts, und lag die meiste Zeit stumm und mit offenen Augen in ihrem Bette.

An einem der Tage da sie am schlimmsten war, sass ich weinend an ihrem Lager. Julchen welche ich hinausgeschickt hatte einige Kleinigkeiten zu besorgen, kam bleich und zitternd herein, winkte mich auf die Seite, und sagte mit leiser stimme, das Haus sei voller Leute, welche ein sehr verdächtiges Ansehen hätten, und welche mich sprechen wollten. Eben wollte ich hinausgehen, um die Sache zu erforschen, als die Tür mit grossem Ungestüm aufgerissen ward, und der Einnehmer hereintrat, welcher mit seinem tönenden Bass zu schreien anfieng: Madam, hier sind Herren von der Landesregierung, welche die Amtskasse und die etwannigen Effekten des Herrn Gemahls versiegeln wollen. Eine etwas sanftere stimme, erhob sich hierauf. Der Vornehmste von der Deputation trat hervor, bat tausendmal um Verzeihung, versicherte, dass er dieses Geschäft höchst ungern über sich genommen habe, dass aber die hochlöbliche Landesregierung genötigt worden sei, einen Verdacht auf die Amtsverwaltung meines Mannes zu werfen, und dass also

Um Gottes willen, rief ich, meine Herren, bedenken sie, dass sie hier in dem Zimmer einer todtkranken person sind. – Sie bedauerten hierauf abermal unendlich, und versicherten, dass sie das Zimmer sogleich verlassen wollten, wenn ich sie gefälligst begleiten wolle. – Ich empfahl Julchen die sorge für ihre Schwester, welche sich hastig aufgerichtet hatte, und alle diese Dinge mit starren Augen ansah, ich aber folgte meinen ungebetenen Gästen.

Ich habe noch nicht deutlich erwähnt, dass ein Glücksfall mich in den Stand gesetzt hatte, mir augenblicklich aus der Verlegenheit zu helfen, in der ich gegenwärtig war. Das englische los meiner Tante hatte gewonnen, viel gewonnen