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um sich zu empfehlen. – Gern hätte ich ihm zum Abschied noch etwas bitteres gesagt, aber ich hielt es für besser zu schweigen, und gar nicht beleidigt zu scheinen; im grund wusste ich auch noch zu wenig von der rechten Lage der Sache, um einsehen zu können, wohin ich die meiste Stärke meines Unwillens wenden sollte.

Wir waren nun wieder allein, und ich winkte Julchen das Zimmer zu verlassen, weil ich den gegenwärtigen Augenblick für die schicklichste Zeit hielt, endlich von Hannchen Auskunft über so viel verborgene Dinge zu erhalten.

Sage mir, um Gottes willen, rief ich, nachdem ich sie eine Weile angesehen hatte, wie sie so vor mir sass und die Tränen unter ihren geschlossenen Augenliedern hervordrangen, sage mir, was soll ich aus deinem seltsamen Zustande machen? was ist mit dir, während deines Aufentalts in dem Wilteckischen haus vorgegangen? Dein Hass gegen die meisten, und deine Neigung gegen Einen aus diesem haus ist offenbar. Ich will dir das geständnis ersparen, du liebst den Lieutenant und er dich vielleicht auch, eure leidenschaft wird von seinen Verwandten gemissbilligt, und man sucht euch von einander zu trennen; sprich, ist dieses nicht der Gegenstand deines Kummers? Hannchen antwortete mir mit einem bejahenden Hauptwink, denn sie vermochte vor Tränen nicht zu sprechen.

Aber, bestes Mädchen, fuhr ich fort, bedenke doch, ob dieses eine hinlängliche Ursache ist, dir das Herz abzunagen! bedenke doch, wie viel Dinge in der Zukunft möglich werden, die wir jetzt ganz aufgeben müssen. Lass doch den jungen Menschen einige Jahrlang in der Welt sein Glück versuchen, er kommt ja zurück, und ist er dir denn noch treu sooder zweifelst du an seiner Treue? – oder fürchtest du für die Gefahren, die auf der weiten Reise seinem Leben drohen könnten? Deine Winke bedeuten mich, dass dieses nicht der Grund deiner Unruhe ist, nun so sprich, was ist es denn; entdecke dich doch einer Mutter, die dich so sehr liebt, die Trost und Hoffnung für dich in Ueberfluss hat.

Sie warf sich um meinen Hals, und fuhr fort zu weinen, ich begleitete ihre Tränen mit den meinigen, denn ihr Kummer durchbohrte mein Herz. Endlich riss sie sich von mir los, küsste meine Hand, und bat mich, ihr Frist bis morgen zu geben, da sie sehen wollte, ob sie sich zu einer umständlichen Erzählung ihrer Leiden ermannen könne.

Ich drang nicht weiter in sie, sondern setzte alle meine Hoffnung auf den morgenden Tag, aber er erschien, er verlief mehr als zur Hälfte, und Hannchen blieb stumm. Gegen Abend, da ich mich eben gefasst machte ihr noch einmal ernstlich zuzureden, bat sie mich, doch Julchen rufen zu lassen, und ihr die geschichte des vorigen Tages vollends zu erzählen.

Ich zuckte die Achseln mit einer unwilligen Miene: denkst du mich zu bereden, fragte ich, dass du in deiner jetzigen Verfassung Geschmack an einem Kindermährchen finden könnest? – Gönnen sie mir, antwortete sie, doch nur noch diese kleine Erholung, diesen kleinen Aufschub, ehe ich mich an eine Erzählung wage, vor welcher mir so bange ist, welche alle Wunden meines Herzens wieder aufreissen wird, welche vielleicht – –

Eben trat Juchen herein, und unser Gespräch ward unterbrochen. Ich ward von beiden an die Fortsetzung der geschichte erinnert, und ich fing halb gezwungen an dem Orte an, wo ich des vorigen Tages aufhören musste.

Acht und dreissigstes Kapitel

Fortsetzung des Märchens vom Ritter von

Hohenweiler

Perchta konnte mit Recht hoffen, ihre Gegenwart würde ihrem Gemahl eine Art von Linderung sein; und hätte er auch weiter keinen Vorteil von derselben gehabt, als die Freiheit, seinen Kummer in ihren Schoos auszuschütten, so wär schon dieses genug gewesen. Du weisst es, mein Hannchen, wie süss es ist alle Geheimnisse seines Herzens mit einer person zu teilen, die uns liebt und zu trösten sucht.

Diese Bemerkung war ein wenig zu gesucht. Ritter Franz hatte seiner Frau keine Geheimnisse zu entdekken, und es war offenbar, dass diese Stelle bloss um der Zuhörerin willen da war, ein blick von Hannchen sagte mir, wie gut sie mich verstünde, und ich fuhr fort.

Reutlingen war indessen nicht der Mann, der Geschmack an solchen Ergiessungen des Herzens hatte, sein Charakter war zu rauh und hart, weder Rat noch Trost fand bei ihm Eingang, und erst nach vieler Mühe machte ihm seine Gemahlin begreiflich, dass er sich in seiner gegenwärtigen Verfassung durch nichts retten könnte, als durch Demütigung vor dem Kaiser, und durch Ausführung eines Plans, den sie ihm vorlegte.

Was man auch, sagte sie, an eurem bisherigen Leben mag tadeln können, so ist doch so viel gewiss, dass ihr ein tapferer Mann seid. Der Kaiser weis tapfere Leute zu schätzen, und wenn ihr euch gegen ihn bezeugt, wie ihr es eurem Herrn schuldig seid, und mit Bezeugung einiger Reue wegen des Vergangenen um Kriegsdienste bittet, so wird er nicht ermangeln, euch ein kleines Heer anzuvertrauen, mit welchem ihr eure Tapferkeit beweisen, und euch seine Gnade erwerben könnt. Bedenkt doch, dass im Kriege auch Beute zu machen ist, und dass man durch die Taten gegen einen rechtmässigen Feind, noch über dies Ruhm und Ehre erwirbt, ein Gut, welches euch euer Schwerdt bisher noch nicht hat gewinnen können.

Reutlingen hiess seine Frau von Dingen schweigen, die sie nicht verstünde, sann hin und her,