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diese Arbeit? – Ich erschrack über diese Ueberraschung, stand errötend auf, und bat um Verzeihung. Nein, nein, sagte sie, hier keine Verzeihung? Ich nehme ihre Hilfe an. – Und wir setzten uns beide, und nähten eine lange Weile stillschweigend fort.

Es ist bekannt, wie bald sich ein paar weibliche Seelen, auf einem einsamen Zimmer, bei gemeinschaftlicher Arbeit, gegen einander aufschliessen. Die fragen der Madame Haller wurden häufiger, meine Antworten umständlicher als bei der Mahlzeit, und nicht lange, so kannte sie meine ganze Lage so vollkommen als ich selbst. Herr und Madame Katarines, der alte Herr, welcher eine Haushälterin, und die Gemahlin des jungen Fähndrichs, welche keine brauchte, kamen endlich auch an die Reihe, und was das sonderbarste war, so kannte Madam Haller alle diese drei Leute so vollkommen, dass sie mir eine vollständige Biographie von ihnen liefern konnte, die mich angenehm genug unterhielt, ob sie gleich eben nicht die vorteilhafteste war. Die liebe Frau! wenn mir es erlaubt ist, ihr so etwas noch im grab nachzusagen, einen kleinen Hang zur Medisance hatte sie freilich, aber sie war gut, sehr gut, und nahm gewiss nichts unter ihre Kritik, was dieselbe nicht verdiente.

Wir waren noch in diesen Gesprächen begriffen, als der junge Haller mit meinem Vater hereintrat, um sich zu beurlauben. Wir werden, sagte der erste, viel Gänge mit einander zu tun haben. Und du, Hannchen, setzte mein Vater hinzu, wirst dich sogleich empfehlen, um uns begleiten zu können. Hannchen wird bei mir bleiben, und ihrem Vater ein Schlafzimmer bereiten helfen, erwiderte Madam Haller; es wird gut sein, wenn der advokat und die Klienten in einem haus wohnen.

Mein Vater stammelte etwas von unverdienter unbegreiflicher Güte, und mir traten ein paar Tränen in die Augen. O, dachte ich, wie süss ist es dem Unglücklichen, dem Verlassenen, da freundliche Aufnahme zu finden, wo er sie am wenigsten vermutete; wie viel süsser muss es sein, sie dem Unglücklichen gewähren zu können!

Mein Herz war zu voll von dem, was ich fühlte, als dass ich es nicht gegen meine neue Freundin mit allem Feuer, dessen ich fähig war, hätte überströmen lassen sollen. Sie lächelte über den Eifer, mit welchem ich sprach, und – – Doch ich bin bereits zu weitläuftig in Kleinigkeiten gewesen, und muss mich einschränken, wenn ich nicht von allen dem Guten, was mir in diesem haus wiederfuhr, ein eigenes Buch zu schreiben gedenke.

Meines Vaters Aufentalt in der Stadt dauerte länger, als er und ich vermutet hatten. Zwar seine Sachen mit seinen Schuldnern waren bald abgetan. Madam Haller trat ins Mittel; die Summe war ihrem Ausspruch nach nicht gross, sie hatte voriges Jahr gerade so viel aus ihrer Wirtschaftskasse zurück gelegt; sie freute sich, unsere einige Schuldnerin zu sein; sie wollte sich an Hannchen halten, welche ihr schon alles bezahlen sollte, und was der freundlichen trostvollen Worte mehr waren, mit welchen diese grossmütige Seele uns Niedergeschlagene zu trösten suchte. – Gütiger Himmel! Sie wollte sich an mich halten! ich sollte bezahlen! Ich! eine Summe von hundert und fünfzig Talern! War das wohl etwas anders, als eine feine Art, uns das Ganze zu schenken? – Noch jetzt ist mir es unbegreiflich, wie alle Umstände so zusammen treffen mussten, uns eine solche Freundin zu verschaffen. Das Gebet meiner Baase um eine glückliche Stunde kommt mir wieder in den Sinn, und Tränen der Dankbarkeit fallen auf mein Blatt.

So gut und leicht unsere Angelegenheiten in diesem Stück berichtigt wurden, so schwer ging die Sache vor dem geistlichen Gericht. Mein Vater war verklagt, hart verklagt, und dass Herr Katarines der Ankläger sei, ergab sich aus allen Umständen. So in die Augen fallend auch seine Unschuld war, so würde die heilige Gerechtigkeit, welche eben damals eine neue undurchsichtige Binde umgelegt hatte, sie doch schwerlich gesehen gaben, wenn der alte Herr Haller weniger Ansehen, und sein Neffe weniger Wissenschaft und Tätigkeit besessen hätte.

Mein Vater siegte, und man gab ihm nur unter den Fuss, wegen Schwachheit und hohen Alters um völlige Entlassung von seinem amt anzuhalten; ein Vorschlag den er mit Unwillen verwarf. Würde die Welt meine Unschuld glauben, sagte er, wenn ich mich gleichsam von meinem Posten hinweg schleichen, nicht erst zeigen wollte, das man nichts tadelnswürdiges in mir gefunden hat? – Mit Mühe gestand man ihm noch ein halbes Jahr zu, und Herr Katarines musste sich gefallen lassen, noch so lange bloss den Titel als Vikarius zu führen.

Ich zitterte, wenn ich an das Wiederkehren in die wohnung gedachte, aus welcher unser Feind die Ruhe und den stillen Frieden, welche vordem darinnen herrschten, vertrieben hatte. Madam Haller wollte mir überdieses nicht einmal erlauben, meinen Vater dahin zu begleiten, und ich sollte ihn also allein in der Gewalt seiner Verfolger wissen. Man suchte mich zu beruhigen, und mein Vater versprach mir, sich gegen Katarines unwissend zu stellen, was er für teil an dem ihm bereiteten Falle gehabt habe, und auf diese Art, alle Verdrüsslichkeiten zu vermeiden.

Seine Abreise war also beschlossen, aber ehe sie noch erfolgte, entwickelten sich Dinge, zu welchen mein erster Eintritt in das Hallersche Haus den Grund gelegt hatte, und die durch meinen langen Aufentalt in demselben immer mehr zur Reife gekommen waren.

Fünftes Kapitel

Ein Heiratsantrag

Wie