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hin verfallen war, und auch in den Gegenden, wo man sich allenfalls hätte durcharbeiten können, den Einsturz drohte, so dass Franz, der in diesem Augenblick Leben und Freiheit gegen einander abwog, und diese gegen jenes zu leicht fand, lieber in seinen Kerker zurück kehrte, als sich der Gefahr erschlagen zu werden, die seine treue gemahlin gern mit ihm geteilt hätte, aussetzen wollte.

Noch ein Mittel zu Franzens Rettung war Perchten übrig. Sie wusste, dass ein Gebet an der Stelle, wo Sankt Peter ihr erschienen war, erhört werden würde, denn er, der bisher so treu in seinen Verheissungen erfunden worden war, hatte es ihr zugesagt; sie sehnte sich dahin um für ihren Gemahl zu bitten, aber wie sollte sie dahin gelangen? Der Ausgang aus dem schloss ward ihr auf keine Art verstattet, und der unterirdische Weg an den heiligen Ort war verschüttet.

Doch nahm sie ihr Leben in die Hand, wagte sich in einer Nacht in die verfallene Gruft, und hofte sich durch Schutt und Trümmer endlich durcharbeiten zu können, um ihre fromme Absicht auszuführen; aber so leicht ihr auch der Weg ward, vor welchem ihr mit Recht hätte bange sein können, so schlug ihre Hoffnung doch auf andere Art fehl. Zwar fand sie den gang so gänzlich von Schutt und Steinen geräumt, und die Gewölber so fest, dass sie auf die Gedanken kam, die Kaiserlichen hätten diesen geheimen Ausweg gefunden, und ihn zu ihrer eignen Bequemlichkeit wieder hergestellt, aber sie ward durch die wenigen Beschwerlichkeiten die ihr aufstiessen, nichts gebessert, denn es war ihr unmöglich den Ausgang zu finden, sie irrte die ganze Nacht in den verschlungenen Gängen und Nebenhöhlen umher, und kehrte endlich gegen den Morgen traurig in ihre wohnung zurück. So werden denn, schrie sie mit tränenden Augen, alle meine Bemühungen den Unglücklichen zu retten vereitelt? – ach ich merke es wohl, eine unsichtbare Hand ist hier mit im Spiele, und es bleibt mir nichts mehr übrig, als nach der Pflicht einer treuen gattin das Schicksal desjenigen zu teilen, mit welchem der Himmel mich nun einmal verbunden hat.

Hier war es, wo sie von dem Anführer der Kaiserlichen die erlaubnis erbat, bei ihrem Gemahl im Kerker leben zu dürfen. Man bewunderte ihre Treue, und entliess sie an den Ort, den sie sich selbst gewählt hatte. Die Anbeter ihrer Schönheit waren doch nicht besser daran, wenn sie auch frei war; denn ihre Eingezogenheit entzog sie ihrem Anblicke, sie mochte sich nun auf ihrem einsamen Zimmer oder in dem Kerker ihres Mannes befinden.

Sieben und dreissigstes Kapitel

Ein Intermezzo

So weit war ich in meiner Erzählung gekommen, als der Oberste von Wilteck sich bei mir melden liess. Seit meines Mannes Abreise nach Berlin hatte ich allen Umgang mit dem hochadelichen haus aufgehoben; meine liebe Frau von Wilteck war nicht gegenwärtig, und ihr Gemahl, nebst dem Obristen, waren nie Leute nach meinem Geschmack gewesen. Auch hatten sie in meiner gegenwärtigen Einsamkeit mich nie mit ihren Besuchen beunruhigt, und ich wunderte mich um so vielmehr, dass ich heute einen erhalten sollte.

Der Vorwand, unter welchem der Oberste zu mir kam, war ein Brief von meinem Mann aus Berlin, aber die Ungeduld, mit welcher er strebte ein gewisses Gespräch anzufangen, und die Weitläuftigkeit, mit welcher er sich bei demselben aufhielt, liess mich es bald begreifen, dass das erste nur die Nebenursach seines Kommens war.

Fast ohne alle Veranlassung, ohne allen Eingang, brachte er das Gespräch auf seinen Neffen, den Lieutenant Wilteck, sagte viel zu seinem Lobe, wobei er Hannchen unablässig ansah, und schloss endlich mit der Nachricht, er sei unter dieschen Truppen gegangen, und werde mit denselben nächster Tage sich nach Amerika einschiffen. Schon jetzt hat er den Charakter als Hauptmann, sagte er, und wie hoch kann er sich in den vier oder fünf Jahren bis zu seiner Rückkunft schwingen? er ist in aller Absicht ein hofnungsvoller junger Mensch, der seiner Familie Ehre machen wird, und Amerika ist recht der Ort, wo er etwas versuchen, und sich mit Reichtümern beladen kann, um in seinem vaterland glänzen, und nach der Hand des schönsten und vornehmsten Fräuleins streben zu können.

Ich hörte nicht weiter auf des Menschen albernes grundloses Gewäsch, sondern sah nur Hannchen verstohlen an, welche noch in der Stellung, mit geschlossenen Augen in ihrem Stuhl zurück gelehnt da sass, die sie bei des Obristen Eintritt angenommen hatte. Ihre zunehmende Blässe bezeigte, was der eben gehörte Vortrag für einen Eindruck auf sie machte. Ich ward in dem Augenblicke in der Meinung bestärkt, dass ihre Liebe zu dem jungen Wilteck, und das Missfallen, welches das vornehme Haus an derselben gehabt haben mochte, sie wieder in die arme ihrer Mutter getrieben hatte. Es war ja offenbar, dass der boshafte Obriste seine Neuigkeiten nur darum so ungebeten auskramte, um Hannchen zu kränken, und ihr alle Hoffnung zu der hohen Verbindung abzuschneiden.

Die Mamsell Tochter sind wohl sehr unpass, sagte der Oberste wieder mit einem hämischen blick auf Hannchen, nachdem er noch eine lange Weile ununterbrochen und von mir fast unbemerkt fortgeplaudert hatte. Ja in der Tat, erwiderte ich, indem ich aufstand, ich glaube sie bedarf Ruhe, und es scheint noch nicht, als wenn der einförmige Ton des Gesprächs sie in Schlummer wiegen wollte. Welches ich von Herzen gern glaube, antwortete der abscheuliche Schwätzer mit einem höhnischen Lächeln, indem er gleichfalls aufstand,