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den sie nicht lieben konnte, den sie verabscheuen musste, eines Mannes, der zwar eine Neigung für sie fühlte, die er Liebe nannte, die er aber auf so widrige Art äusserte, dass sie ihr zur Quaal gereichte. Ein Weib war in seinen Augen ein geschöpf niederer Gattung, das keine achtung verdiente, und was ist Liebe ohne achtung? ein Hirngespinnst, das sich kaum denken lässt. – Man musste so gut sein wie Perchta, um die Begegnung geduldig zu ertragen, die sie täglich erfuhr. Doch hätte ihr Herz, das ächt und empfindungsvoll war, den traurigen freudenleeren Zustand gewiss nicht lange ertragen können, wenn sie nicht mitten in ihrem Elend eine Quelle des Vergnügens entdeckt hätte, welche ihr das Leben wieder lieb machte, und sie den Stand, in welchen sie ihr Schicksal gesetzt hatte, segnen liess.

Täglich sah sie vor ihren Augen Schauspiele der Grausamkeiten aufführen, die ihr Herz durchbohrten, täglich kam Franz von Menschenblute bespritzt, auf sein Schloss zurück, täglich wurden in die Gefängnisse des Schlosses neue Gefangene gebracht, die man, wenn sie sich nicht lösen konnten, entweder ermordete, oder in ihren Kerkern verschmachten liess. Oft hatte Perchta ihre bittende stimme zum Besten dieser Unglücklichen erhoben, aber man hatte ihre Worte nicht geachtet, sie wohl gar wegen ihrer Weichherzigkeit verspottet und bedrohet. Sie war klug genug endlich zu schweigen, da sie sah, dass ihre Mühe vergebens war, und diese Aenderung in ihrer Aufführung machte, dass man glaubte, sie gewöhne sich nach und nach an die Sitte des Schlosses, und würde vielleicht endlich noch so weit kommen, die erhabenen Gesinnungen ihres Gemahls zu erreichen, eine Mutmassung, welche sie nicht bestritt, und die sie sehr in Franzens Meinung erhob.

Franz ward gefälliger gegen seine gemahlin; sie stellte sich habsüchtig, und er bereicherte sie mit den Schätzen der Unterdrückten, sie gab vor, ein Vergnügen an den angefüllten Gefängnissen zu haben, und er machte sie zur Kerkermeisterinn seiner Gefangenen. Welche herrliche gelegenheit zum Wohltnn für Perchten! Sie wandte ihre Schätze auf schlaue Art an, die Unglücklichen loszukaufen, liess es denen, die sie aus dieser oder jener ursache länger im Kerker behalten musste, an keiner Erquickung fehlen, schafte die grausame Behandlung der Gefangenen unter dem Vorwande ganz ab, dass dieselbe nur dazu diene, die Einkünfte ihres Herrn zu schmälern, weil mancher durch dieselbe sein Leben einbüssen müsse, dessen Loskaufung dem Schatze noch ein Grosses hätte einbringen können. Da man anfieng viel Zutrauen in sie zu setzen, so ward es ihr endlich auch leicht, manchen heimlich loszulassen, und ihm die Summe, die sie auf seine Ranzion gerechnet haben würde, als Wegzehrung mitzugeben.

Ritter Franz merkte nicht, was für einen Handel seine gemahlin trieb, er beschenkte sie immer von neuem, und fragte denn wohl zuweilen nach dem Anwachs ihrer Schätze, aber Perchta, welche jetzt sich schon eine Freiheit bei ihrem Gemahl nehmen konnte, affektirte dann entweder den Eigensinn der Geizigen, die aus Furcht, man möchte sie für reich halten, niemanden zeigen, was sie in ihrem Kasten verschliessen, oder sie wandte vor, ihre Reichtümer vergraben zu haben, oder sie hatte irgend einem Kloster eine reiche Schenkung gelobt, welche ihren Vorrat geschmälert hatte. Franz, der die Schenkung an Klöster für ein sehr verdienstliches Werk hielt, und es gern sah, wenn Perchta die Büssung für seine Sünden über sich nahm, tadelte diesen Vorwand so wenig als die andern, und so kam die edle Frau immer glücklich durch, ohne das Vermögen und die gelegenheit Unglückliche zu retten, welches beides allein von Franzens Zufriedenheit mit ihr abhieng, einzubüssen.

Eines Tages ward ein alter ehrwürdiger Mann eingebracht, den man bloss darum gefangen genommen, und geschworen hatte, ihn übler zu halten, als alle andere, weil er die Hoffnung seiner Räuber hintergangen, und unter dem täuschenden Schein eines ziemlich guten Kleides, nichts als einige Kupfermünze bei sich gehabt hatte. Perchta bat Franzen diesen betrügerischen Alten ganz ihrer Willkühr zu überlassen, und ferner nicht nach ihm zu fragen. Die Bitte ward auf eine Art vorgebracht, welche wenig Gutes für den Gefangenen vermuten liess, und der Ritter gewährte sie also ohne Bedenken.

Aber Perchta tat, wie sie gewohnt war. Die Nacht war nicht sobald eingebrochen, so ging sie in den Kerker des Alten, sprach freundlich mit ihm, labte ihn mit Speise und Wein, schenkte ihm viel Gold und Silber, und liess ihn durch einen unterirdischen gang aus dem Kerker, nachdem sie ihre gewöhnliche Bitte an ihn getan hatte, mit welcher sie alle ihre Freigelassenen abfertigte, er möchte doch jedermann warnen, sich nicht in den Bezirk dieses gefährlichen Schlosses zu wagen, auch möchte er nicht vergessen, bei Gott und seinen Heiligen für sie zu bitten, dass ihr die Sünde ihres Gemahls nicht zugerechnet, er bekehrt, und wo möglich von weitern Versündigungen abgehalten werden möge.

Sie stand noch mit holder Geberde vor dem Alten, und flehte mit kreuzweis auf die Brust gelegten Händen um die Gewährung ihrer Bitte, da dünkte es ihr, als sähe sie wie das Gesicht desselben sich verklärte, sein Gewand anfienge zu schimmern, und seine ganze Gestalt in Lichtglanz zerflösse. – Ich bin Sankt Peter, der Schutzheilige der Gefangenen, tönte ihr eine äterische stimme zu, ich hörte, was du für die Meinen tatest, ich kam herab, die Wahrheit des Gerüchts zu prüfen, ich habe dich rein und lauter erfunden, wie die Engel