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Hannchen eben diese Linderung fühlte, weiss ich nicht; sie war immer zu still und in sich selbst gekehrt, als dass man sie ganz richtig hätte beurteilen können, aber sie schien zuweilen doch wenigstens ruhig, und ich nützte denn diese Augenblicke immer, ihr entweder mit entfernten Hoffnungen zu schmeicheln, die ich für die wirksamsten hielt, oder sie auf eine unschuldige Art zu zerstreuen.

Julchen bat mich eines Tages, als wir so ruhig beisammen sassen, doch die geschichte zu erzählen, welche ich an dem Tage, da Hannchen uns durch ihre Erscheinung so sehr überraschte, eben anfangen wollte, und ich, die schon lange auf diese Aufforderung gewartet hatte, weil ich gesonnen war, unterschiedliches einfliessen zu lassen, das auch Hannchen heilsam sein konnte, fing folgendermassen an.

sechs und dreissigstes Kapitel

Ein altes Weibermärchen

Ich entsinne mich, meine Kinder, dass wir beim ersten Eintritt in das Haus, das wir jetzt bewohnen, unsern neuen Aufentalt nichts weniger als reizend fanden; es ist wahr, die Gewohnheit und manches Gute, das wir an diesem Orte genossen, hat uns mit unserer wohnung zufrieden gemacht, aber es dünkt mich doch, als wenn einige von uns noch jetzt sich nicht ganz mit diesen hochgewölbten schallenden Sälen, diesen schmalen finstern Gängen, und diesen tiefen düstern Zimmern, die kein modischer Aufputz ganz aufzuheikern vermag, aussöhnen könnten. Julchen getraut sich nicht anders, als an der Hand ihrer Mutter oder Schwester die schmale finstere Treppe hinab in den Garten zu steigen, im Keller sehen die Mägde des Nachts Lichter, das Merkmaal vergrabener Schätze, brennen, und ihr wisst wohl, dass wir das hier gewöhnliche Abendläuten bloss darum haben einstellen müssen, weil der Glöckner allemal, wenn er auf den Turm ging, durch eine lange Gestalt geschreckt zu werden vorgab, welche er für den Geist eines alten Ritters von Hohenweiler hielt, der in dieser Gegend umgehen soll. Ihr wisst, was ich von solchen Torheiten halte, indessen liess ich mir doch neulich die Sage von diesen Dingen in unserm Orte umständlich erzählen, und ich fand einige Funken von Weisheit darinnen, die mich bewegten, sie im Gedächtniss zu behalten, um sie euch einmal mitzuteilen; ihr seid klug genug, Weisheit und Torheit zu unterscheiden, das erste zu eurem Nutzen anzuwenden, und das andere zu verlachen.

Die Meinung, die wir von Anfang von diesem haus hatten, dass es eins von jenen in der Vorzeit so berühmten Raubschlössern gewesen sei, war wie mein Märchen berichtet nicht ungegründet, denn der uralte Besitzer desselben, Franz von Reutlingen genannt, machte es zu seinem beständigen Aufentalt, und da er so wie viele andere des damaligen Adels nach der Redensart jener zeiten, von Stegreife lebte, das ist, das Land durchstrich um mit anderer Leuten Hab und Gut seine Schätze zu vermehren, so konnte man seine wohnung, die der Zufluchtsort seiner Mitgenossen, und der Schauplatz tausendfacher Ungerechtigkeiten war, mit Recht ein Raubnest und eine Mörderhöhle nennen.

Damals war die Gegend rund um her noch nicht bebauet, das Schloss, auf dessen Zimmer er Tag und Nacht auf die Vorüberreisenden lauren liess, stand noch ganz einsam, und selbst die Stelle, wo jene erhabene Säule an der Nordseite dieser Gegend steht, die dem ganzen Orte den Namen Hohenweiler gab, war damals noch leer, sie ward erst in der Folge zum Denkmaal einer der merkwürdigsten begebenheiten aus Ritter Franzens Leben gesetzt. – Ich leugne es nicht, wenn mir es etwa in der Dämmerung einmal einfiel, einen teil des Märchens für Wahrheit zu halten, dass ich mit einem geheimen Schauer vor diesem bejahrten Monument vorüberging, und Gedanken in mir entstehen fühlte, die ihr erraten werdet, wenn euch die geschichte so bekannt sein wird als mir.

Franz von Reutlingen, von Jugend auf an ein rauhes wüstes Leben gewöhnt, das er unter die Geschäfte seines blutgierigen Schwerdts, und unter die Ausleerung voller Becher teilte, von welchen er selten nüchtern aufstand, fühlte wenig von jenen sanftern Empfindungen, die der Menschheit zur Ehre gereichen. Liebe und Freundschaft waren ihm fremde noch niegehörte Namen, denn wer wollte die Verbindung raubsüchtiger Bösewichter zu gemeinschaftlichen Untaten, Freundschaft, oder das unedle flüchtige Wohlgefallen solcher Leute, an weiblicher Schönheit Liebe nennen?

Unter dem Raube, den man täglich in Franzens Schloss zu gemeinschaftlicher Teilung einführte, befanden sich auch oft junge schöne Mädchen, die Töchter der Benachbarten, die man entweder, wenn sie einem von der ehrsamen Gesellschaft gefielen, beibehielt, oder von ihren älteren durch grosse Summen auslösen liess. Noch keine von so vielen eingebrachten Schönen hatte Franzens Herz rühren, oder nur einen seiner Blicke an sich ziehen können; das Unglück hatte diesen traurigen Vorzug einem fräulein aufbehalten, die die schönste und beste von allen ihren Gespielen, und also gewiss am wenigsten geneigt war, Franzens Anträge gutwillig anzunehmen. Sie hiess Perchta, und da sie die Tochter des berühmten Hans von Steegen war, so sah Ritter Franz wohl ein, dass er ehrerbietiger mit ihr als mit andern verfahren, und sie bei ihrem Vater, der ein reicher, angesehener, und ehrlicher Ritter war, geziemend zur Ehe fordern müsse.

Die geschichte erwehnt nicht, was Hansen von Steegen, der sonst einen unüberwindlichen Abscheu gegen den raubsüchtigen Adel seiner zeiten geäussert hatte, bewog, seine Tochter Franzen ohne Weigerung zuzusagen, aber, so viel ist gewiss, dass er es tat, und dass die arme Perchta nach der Sitte jener zeiten einwilligen musste.

Sie ward also die Frau eines Mannes,