Bei Rosens Namen fing sie wieder an zu weinen, sie sagte, Rose habe sie verlassen, und als ich mehr hievon wissen wollte, erzählte sie mir zum erstenmal, seit ich sie wieder gesehen hatte, auf eine vernünftige und zusammenhängende Art, wie dieses Mädchen sich von ihr getrennt habe; eine Erzählung, die mich lebhaft einsehen liess, dass nicht allemal auf die Beständigkeit gebesserter Sünder zu rechnen sei. Rose, die ich darum aus meinem haus entfernt hatte, um sie der Verführung zu entreissen, hatte, wie es schien, überall Verführer gefunden, oder vielmehr, sie hatte den ärgsten Verführer in ihrem Herzen mit sich genommen; sie war wieder auf die alten bösen Wege geraten, von welchen ich sie gerettet hatte, und ich geriet über diese Vereitelung meiner guten Absichten, und über den Irrtum, in welchem ich so lange zu Rosens Vorteil gelebt hatte, in einen solchen Eifer, dass ich eine von meinen längsten und schärfsten Predigten begann, die ich über die Verirruugen vom Pfade der Tugend zu halten pflegte.
Ich sprach mit mehrerm Ernst und Strenge als jemals, denn es war hier die Rede von einer rückfälligen Sünderinn, nicht von einer unschuldig Verführten. Ich vergass ganz, dass ich nicht Rosen, sondern das arme Hannchen vor mir hatte, welche meine Rede mit so heissen Tränen begleitete, als wenn sie die Verbrecherinn gewesen wär, welcher sie galt. Ich konnte die unschuldige Seele nicht weinen sehen, ich erkannte meinen Fehler, und brach ab. Geh, sagte ich zu dem guten Mädchen, geh frommes schuldloses geschöpf. Diese Tränen, die du über die Vergehungen einer andern vergiessest, müssen dir immer in Gedanken bleiben, und dich lehren, wie bitter eigene Verbrechen zu beweinen sein müssen. O Gott, erhalte dieses Herz doch immer so weich und rein wie es jetzt ist! Der blosse Gedanke, es könne dereinst verderbt werden, wär im stand mich vor der Zeit in die Grube zu bringen.
Fünf und dreissigstes Kapitel
Beweise, dass die erfahrenste Matrone nicht klug
genug für ein junges Mädchen ist
Ich konnte vor Unruhe über die begebenheiten des vorigen Tages und über Hannchens seltsame Gemütsfassung, kaum die Morgenröte erwarten, ich eilte in das Zimmer meiner Tochter, um zu sehen, ob sich heute ein Anschein zu meiner Beruhigung zeigte, aber ich fand sie nicht nur so unruhig wie gestern, sondern wirklich krank, sie hatte nicht geschlafen, ihre Augen waren trüb und geschwollen, und ihr Gesicht glühte von einer schrecklichen Fieberhitze. – Sie besserte sich gegen den Nachmittag, so dass sie aufstehen konnte, aber irgend etwas vernünftiges, zur Sache dienendes mit ihr zu reden, ihr den Grund ihrer sonderbaren Verfassung abzufragen, daran war nicht zu denken; der Arzt sagte, ich müsse sie jetzt auf alle Art schonen, sie schien einen Gemütskummer zu haben, der sich nur durch Freundlichkeit und Nachsicht, nicht durch ernste Untersuchungen erforschen liess.
Mir war gleich erstes Tages der junge Fähndrich v. Wilteck eingefallen, welcher ehemals einen Eindruck auf das Herz des Mädchens gemacht zu haben schien, und der vielleicht auch jetzt der Grund ihrer Unruhe sein konnte. Um zu erfahren, ob ich mich irrte, nannte ich seinen Namen in ihrer Gegenwart einigemal als von ohngefehr, und ich merkte, dass ihre Wangen allzeit bei seiner Erwähnung stärker glühten. Ein andermal fragte ich sie, als wir allein waren, ob sie ihn während ihres Aufentalts bei seiner Mutter gesehen habe? Sie konnte kaum eine Bejahung meiner Frage zitternd hervorbringen, und als ich mehr von ihm zu hören wünschte, so wusste sie in der Bestürzung weiter nichts zu sagen, als dass er jetzt Lieutenant sei.
Ihre Verwirrung hiebei war so gross, dass ich nichts weiter zu wissen brauchte. Die Sache war klar; sie liebte ihn noch, und wenn weiter nichts als dieses die ursache ihrer Unruhe war, so konnte ich ja noch wohl hoffen, sie zu trösten. Ein kleiner Lieutenant von neugeschaffenem oder gar keinem Adel, war ja wohl keine Partie, die zu hoch für die Tochter eines reichen Amtmanns war. Jetzt war nicht die Zeit mit ihr von solchen Dingen zu reden; ich bemühte mich nur, ihr im allgemeinen Mut einzusprechen, welches mir um so viel leichter zu tun ward, da ich selbst wieder Mut bekam, und die schrecklichen Dinge, die mir zuweilen von dem Gemütskummer des Mädchens einfielen, aus dem Sinne schlug.
Julchen war jetzt völlig wieder hergestellt, sie hatte nichts durch die Blattern verlohren, als die Schönheit und Farbe ihrer Haut, ein Fehler, welcher sich, da sie noch sehr jung war, auch wohl wieder verbessern konnte; ich hütete mich indessen wohl, ihr dieses zu sagen, weil ich hofte, auf die übertriebene Vorstellung, die sie von ihrer Hässlichkeit hatte, viel gutes zu bauen. Hannchen war noch immer sehr schwach, sie brachte die meisten Vormittage im Bette zu, und konnte nur des Nachmittags ein wenig aufstehen; doch fehlte es diesen Stunden, die ich mit meinen beiden Töchtern in gesellschaftlicher Ruhe zubrachte, nicht an Annehmlichkeiten. Zwar unsere gespräche waren nicht allemal heiter und fröhlich, denn wie viel trauriges war mir in Hannchens Abwesenheit begegnet, das ich ihr doch alles, ob wohl mit einiger Schonung mitteilen musste, aber es gab doch auch wieder Stunden, da das Andenken an unsere Verstorbenen weniger schmerzhaft, die sorge für die Abwesenden und Verirrten nicht so nagend, und die Aussicht in die Zukunft freier und unbewölkter war. Ob