sie war, wenn mich auch der noch nicht zurückgeschlagene Flor, und eine kleine Aenderung in ihrer Gestalt hätte täuschen können. O Hannchen, O meine Mutter! tönte zu gleicher Zeit aus unserm mund.
Freudentränen, verneute Umarmungen, fragen, unvollendete Antworten, wechselten lange Zeit unter uns ab, bis wir endlich auf das Rufen der kleinen Kranken hörten, die den Namen ihrer Schwester unablässig wiederholte, und wenigstens um eine Umarmung von derjenigen bat, welche sie nicht sehen konnte.
Hannchen hatte sich immer vorzüglich gern mit ihrer kleinen Schwester beschäftigt, und daraus war zwischen beiden eine Liebe erwachsen, die bei dem grossen Unterschied, den die Jahre zwischen ihnen machten, ausserordentlich war, und die durch Hannchens lange Abwesenheit nicht hatte geschwächt werden können. Sie flog in ihre arme.
Julchens trauriger Anblick lockte Hannchen, und die Unmöglichkeit ihre Schwester zu sehen, der Kranken so viele Tränen ab, dass ich endlich genötigt war, diese Scene, welche wenigstens der einen von ihnen hätte schädlich werden können, zu unterbrechen.
Hört auf Kinder, sagte ich, was hilft das Weinen, wir wollen uns doch endlich aus dem Taumel, in dem wir sind, herausreissen, und einander vernünftige Rechenschaft geben, warum wir bisher so wenig von einander hörten, und warum wir uns nun so plötzlich wiedersehen.
Ist dieses ein Vorwurf, meine Mutter? fragte Hannchen, indem sie ihren Flor nun völlig zurück schlug, und mir ein bleiches abgezehrtes Gesicht, und gesunkene, von Weinen getrübte Augen zeigte, welche mich in Schrecken setzten. Himmel, mein Kind, schrie ich, ohne auf ihre Frage zu antworten, wie siehst du aus! Haben Krankheit oder Kummer diese schreckliche Verheerung angerichtet? Bin ich denn so gar verändert? sprach sie mit unterdrückter Bewegung, und trat vor den Spiegel um ihren Kopfputz in Ordnung zu bringen; nicht doch, liebe Mutter, die Beschwerlichkeiten der Reise, die Unordnung meines Anzugs, – o ich werde mich schon wieder erholen, ich werde mich gewiss wieder erholen. – Hannchen, Hannchen sagte ich mit aufgehobenem Finger, hier ist nicht alles richtig, du hast gelitten, viel gelitten, und ein Leiden, das dich in solchem Grade verändern konnte, ein Leiden, das du deiner Mutter verschweigen willst, spricht selbst von was für Beschaffenheit dieses sein mag. Hannchen brach in Tränen aus, und winkte nach Julchens Bette, die sich aufgerichtet hatte, und durch doppelte Anstrengung ihrer Gehörnerven das zu ersetzen suchte, was ihr durch den Mangel des Gesichts entging.
Ich verstand den Wink meiner Tochter, ich hörte auf in sie zu dringen, wir setzten uns zu der Kranken, und fiengen an von andern Dingen zu sprechen. Hannchens Aufentalt bei der Frau von Wilteck, ihr langes Stillschweigen, und ihre einsame unvermutete Rückkehr, war der Gegenstand unserer gespräche, aber die Antworten meiner Tochter waren so ungewiss, so auf Schrauben gestellt, dass ich nicht wusste, was ich denken sollte, und mich unaussprechlich nach einer einsamen Unterredung mit ihr sehnte. – – – Endlich kam der gewünschte Augenblick.
Julchen schlief, ich setzte mich mit Hannchen an ein Fenster, und dachte nun mein Verlangen zu stillen, und eine umständliche Erzehlung ihrer Angelegenheiten zu bekommen; aber Himmel, wie unzulänglich war das was ich erfuhr! anstatt alles, was ihr bisher begegnet war, im Zusammenhange zu hören, musste ich ihr jede Kleinigkeit abfragen, und ihre Antworten waren so kurz, so zerstreut, so furchtsam, dass ich nicht wusste, was ich von ihr denken sollte. Das hauptsächlichste, was ich von ihr erfuhr, war dieses, dass sie nicht so glücklich gewesen zu sein schien, als ich mir geschmeichelt hatte, dass sie bei der Frau von Wilteck sein müsste, und die Art, mit welcher sie von dieser Frau von Wilteck sprach, hätte mich beinahe gar auf die Meinung bringen können, dass Hannchen nicht mehr ganz so gut von ihr dächte, als vordem, sie nannte ihren Namen mit Kaltsinn, und hätte lieber gar vermieden von ihr zu sprechen, wenn es möglich gewesen wär. Die ursache ihrer schnellen Entfernung aus ihrem haus war, wie sie sagte, ein kleiner Zwist zwischen ihr und der Dame, nebst einer Reise, die sie nach der Residenz getan habe, und auf welcher sie Hannchen nicht habe begleiten wollen. Ich fragte, um die ursache ihrer seltsamen Verfassung etwa auf einer andern Seite zu entdecken, ob sie neue Bekanntschaften gemacht, ob sie viel Gesellschaft auf dem schloss gesehen habe? und sie sagte, man hätte sehr einsam gelebt, und sie habe diese ganze Zeit über kein neues Gesicht kennen gelernt. Zwar fiel sie sich selbst ins Wort, ich vergesse Madam Catin, die Wirtschafterinn der gnädigen Frau, eine person von vielen Verdiensten, und die mir sehr viel, vielleicht nur gar zu viel Freundschaft erwiesen hat. Zu viel Freundschaft? wiederholte ich, wie verstehst du das mein Kind? Verzeihen sie, war die Antwort, ich rede wunderlich, ich bin noch so zerstreut, so ermüdet von der Reise, und – und, beste Mutter, sie sollen alles erfahren, geben sie mir nur Zeit, dass ich mich erst ein wenig erhole.
Nun so geh, sagte ich mit einigem Unwillen wegen ihres wunderlichen Bezeigens, geh auf dein Zimmer, lass dich von deinem Mädchen auskleiden, und zu Bette bringen, du kommst mir in der Tat sehr schwach vor; du hast doch Rosen wieder mit zurück gebracht? –