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übergebe ich sie ganz allein, und ich werde, um ihnen die Mühe zu erleichtern, sie von den abgeschmackten Vorurteilen ihrer Mutter abzugewöhnen, und nach dem Sinn ihres Vaters, und dem Ton der grossen Welt zu bilden, nächstens eine Reise nach Berlin tun, auf welcher Sie und meine Töchter mich begleiten sollen.

Dieser Entschluss, welcher wirklich die empfindlichste Seite traf, auf welcher ich angegriffen werden konnte, wurde durch einen Brief bestättigt, welcher an diesem Tage des Kummers aus Berlin eintraf. Er war von dem Hofmeister meines Alberts, und meldete, dass der junge Herr nach verschiedenen Ausschweifungen die er gemacht, und besonders nach einem sehr unglücklichen Spiel, bei welchem er, wie man hernach erfahren, alles bis auf die Kleider verlohren habe, unsichtbar geworden sei, und dass keine Nachforschungen des würdigen Hofmeisters, und des Obersten, welcher jetzt in Berlin war, ihn haben ausfündig machen können.

Julchen, die von ihrer Lieblingsneigung des Ausforschens und Angebens nicht lassen konnte, fand diesen Brief, und brachte mir ihn, und ich, ob ich gleich die Erneuerung ihres Fehlers auf die Art ahndete, wie mir es zukam, konnte dochman verzeihe mir meine Schwachheit, die vielleicht in meiner gegenwärtigen Lage zu entschuldigen war, – mich nicht überwinden ihn ungelesen zu lassen.

Der herrliche Vorteil, den ich von meinem Vorwitz hatte, war die Entdeckung von dem Unglück des armen Alberts, die mein Herz durchbohrte, und alle Funken des mütterlichen Mitleidens wieder in mir anfachte, undach Himmel eine andere, die mir fast eben so schrecklich war: die Hand in diesem unglücklichen Briefe zeigte, dass dieser Hochbelobte Herr Reiner, Alberts Hofmeister, niemand anders war, als der böse Katarines, den das Schicksal recht zum Unglück meines Hauses hatte gebohren werden lassen.

Herr Haller war zu wohl überzeugt, dass, wenn ich die wahre Lage der Sachen wüsste, ich weit mehr Ursache haben würde, ihm Vorwürfe wegen Alberts als er mit Peninnens wegen, zu machen, er schwieg also weislich. Die Abreise nach Berlin wurde beschleunigt, und ichmusste mich von meinen Töchtern trennen, denn keine Bitten, keine Tränen konnten Herrn Haller bewegen, sie bei mir zurück zu lassen.

Einen Trost hatte ich, einen traurigen Trost, der mir, wenn ich nicht so ganz unglücklich gewesen wär, vielleicht eine Quelle der bittersten Sorgen gewesen sein würde: am Tage der Abreise zeigten sich bei Julchen alle Vorboten der Blattern, welche ihre Schwestern schon überstanden hatten; es war unmöglich für sie, ohne Lebensgefahr Hohenweiler zu verlassen, und ich hatte also die Beruhigung, doch eins von meinen Kindern in meinen Armen zu behalten, und gerade das, welches bei seinen noch ganz unreifen Jahren meine mütterliche Zucht und sorge am meisten nötig hatte, und dieselbe durch den besten Erfolg belohnen konnte, da ein weiches noch unverdorbenes Herz meinen Lehren den Eingang erleichtern musste.

Ich umarmte Jukunde und Amalien, ich erinnerte sie an alle meine Lehren, ich beschwor sie, sich durch nichts von dem Wege der Tugend, und der Liebe zu mir abwendig machen zu lassen, und eilte zu dem Lager meiner kleinen Kranken zurück, um daselbst meine übrigen Kinder zu beweinen, die mir teils ganz entrissen waren, teils, meinem Urteil nach, in weit grösserer Gefahr schwebten, als dasjenige, das da vor mir lag, und durch die Wut der schrecklichen Krankheit bald ganz entstellt, und an die Pforten des Todes gebracht ward. Hier konnte doch mütterliche Pflege etwas zu seiner Rettung beitragen, undsollte das schlimmste erfolgen, wie ruhig konnte ich die unschuldige Seele in die arme ihres Schöpfers zurückfliehen sehen!

Vier und dreissigstes Kapitel

Eine Predigt zur Unzeit

Julchen schwebte lange zwischen Tod und Leben, und sollte auch das los auf das letzte fallen, so war doch wenigstens soviel mehr als wahrscheinlich, dass ihre Schönheit, und mit ihr der beste Anspruch eines Mädchens auf zeitliches Glück verloren ging. Sie war klug oder vielmehr, so jung sie auch war, eitel genug, dieses zu fühlen, und ich hatte alle Mühe, als das Schlimmere überstanden, und ihr Leben ausser Gefahr war, sie wegen den Verlust des Geringern zu trösten, und ihre Aufmerksamkeit ganz auf den Dank zu richten, den sie Gott, wegen Rettung des Wichtigern, schuldig war.

Eines Tages, als ich an ihrem Bette sass. und nach einem ernstaften Gespräch über diesen Gegenstand eben anfangen wollte, der armen Kleinen, die des Tagelichts beraubt dalag, und Trost und Unterhaltung bedurfte, eine von den Geschichten zu erzehlen, mit welchen ich meinen Kindern so manche gute Lehre einzuprägen pflegte, und die ich immer, ohne ganz von der Wahrheit abzugehen, auf ihren gegenwärtigen Zustand einzurichten suchte, hörte ich einen Wagen in unsern Hof gefahren kommen; ich eilte aus Fenster um zu sehen, durch wen die Einsamkeit, in welcher ich jetzt lebte, unterbrochen werden sollte.

Ein, dem schlanken Wuchs nach zu urteilen, sehr junges Frauenzimmer mit einem schwarzen Flor über dem Gesicht stieg aus. Mein Herz fing an zu schlagen; ich hörte den behenden Schritt der Kommenden auf der Treppe, er schien mir bekannt zu sein, aber ehe ich noch im stand war, die Mutmassungen, die sich meiner Seele wie dunkle Bilder vorstellten, aus einander zu setzen, ward die tür aufgerissen, und die Fremde lag in meinen Armen. Ihr Kuss, das Feuer, mit welchem sie mich an sich drückte, sagte mir, wer