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erwählt worden sein, wenn sich nicht gelegenheit zu einem andern Schritte gezeigt hätte, den sie, in der Hoffnung, ich würde ihn billigen, so voreilig tat, wie schon bei mehreren geschehen war, und der mir mehr sorge machte, als ihr Aufentalt in meinem haus oder ihr Verharren in dem Walterschen getan haben würde.

An einem Tage, der zu mehreren Kränkungen für mich bestimmt war, erhielt ich folgenden Brief in Gegenwart meines Mannes, den ich hersetzen will, um euch urteilen zu lassen, ob er von der Beschaffenheit war, vor die Augen eures Vaters zu kommen; ich wollte ihn uneröfnet zu mir stecken, aber die hämische Frage der Robignac, ob ich dem Vater die Nachricht von seiner Tochter, und meinen Kindern, die Freude etwas von ihrer Schwester zu hören, so lang vorentalten könne, bewegte Herrn Haller, sich desselben zu bemächtigen, und folgendes daraus zu lesen.

"Liebe Mutter!

Sie wissen meine Verfassung in meinem gegenwärtigen Aufentalte. Walter und ich dürfen nicht länger in einem haus bleiben; zu sichtbar ist es, dass wir unsere Liebe beide nur schlecht überwunden haben; Charlotte sieht dieses sowohl als wir beide, und es war fest bei mir beschlossen, diesen Tag nach Hohenweiler abzureisen und das Haus wieder zu sehen, in welchen wenigstens Ihre Blicke mir freundlich und mit Schonung begegnet sein würden. Der Strenge meines Vaters würde ich kindliche Unterwerfung, und der herrschaft der Robignac Mut und Entschlossenheit entgegengesetzt haben, aber glücklicher Weise zeigt sich ein anderer Ausweg, der mich dieser schweren Proben überhebt. hören Sie wie sonderbar!

Diesen Morgen, da ich schon reisefertig war, und sich nur noch einige Schwürigkeiten wegen der Art meiner Ueberkunft nach Hohenweiler unversehens hervortaten, liess sich eine durchreisende Dame, die sich Frau von Berg nannte, bei mir ansagen. Ich besann mich in der Verwirrung, in welcher ich war, nicht gleich auf die Regierungsrätinn Gabriele, und erstaunte nicht wenig, als ich sie in mein Zimmer treten sah. – Aber Himmel, wie verändert an Seel und Körper; bleich, abgezehrt, verfallen, traurig, und dabei doch so sanft und freundschaftlich als ich sie nie gesehen habe. O Peninna, sagte sie, nachdem sie mir einiges von ihrer gegenwärtigen Verfassung entdeckt hatte, möchte es dir gefallen bei mir zu leben! an deiner Seite würde ich mich wieder erholen. Komm, teile mein Glück mit mir, ich will dir Freundinn, Schwester und alles sein, ich will dir die Leiden versüssen, die ich dir vielleicht ehedem unschuldigerweise machte. –

Ich musste mich eilig entschliessen; es war mir unmöglich ihre Einwilligung erst einzuholen. Ich ergab mich auf ihr Bitten, und ich schliesse diesen Brief, nachdem ich noch um ihren Segen gebeten habe, um mich auf den Wagen zu setzen, der mich nebst der lieben Regierungsrätinn ins Pyrmonter Bad, wohin Gabriele ihrer Gesundheit wegen reisen muss, bringen wird. Bald bald sollen Sie wieder hören von Ihrer

Peninna.

N. S.

Der Regierungsrat vereinigte sich mit den Bitten seiner gemahlin, er war so dringend als sie, und wer konnte ihnen widerstehen!"

Dieser Brief hatte schon an sich Stoff genug für mich zur Traurigkeit und Sorgen; denn was für ein Aufentalt war das Haus des Regierungsrats für meine Tochter? aber alles schwermütige Nachdenken, das mir diese neue Begebenheit machen konnte, musste jetzt verschoben werden, um den gegenwärtigen Sturm auszuhalten, welcher sich nach Lesung des briefes über mich erhob.

Dass Herr Haller durch den Inhalt desselben aufgebracht wurde, und seinen Zorn nicht auf die sanftmütigste Art äusserte, lässt sich denken, aber man erspare mir die Mühe sein Betragen und seine Worte umständlich anzuführen, welche dadurch noch widerwärtiger gemacht wurden, dass er die achtung, die er mir wenigstens in Gegenwart der Kinder schuldig war, so ganz vergass, sich nicht scheute mir vor ihren Ohren Vorwürfe zu machen.

Peninnens Aufentalt im Walterschen haus wurde nach den Winken, die sie im Anfang ihres briefes gab, auf die gehässigste Art ausgelegt. Ihr Entschluss im haus des Regierungsrats zu leben, bekam noch widrigere Namen, und die Rolle, die ich bei der Sache spielte, oder gespielt haben sollte, meine Nachsicht, der Widerwille den ich, wie man mir Schuld gab, meinen Kindern gegen ihren Vater einflösste – – o Himmel, ich erröte vor dem Bilde, das man von mir machte, Die Eloquenz Herrn Hallers und der Französinn machte, dass ich wirklich gefehlt zu haben glaubte, wenigstens war doch das wahr, dass alle Sorgfalt, die ich auf die Erziehung meiner Kinder gewandt, bisher lauter traurige Früchte gebracht hatte, und ist man nicht immer geneigt, alles, auch oft seine eigenen Handlungen, nach dem Erfolg, nicht nach der Absicht zu beurteilen? – Ich schwieg, und konnte nichts zu meiner Verteidigung sagen. Peninnens Handlungen in ein gefälligeres Licht zu setzen, machte ich einige Versuche, aber ohne sonderlichen Nutzen. – Die Französinn ahndete die Art, mit welcher ihrer in Peninnens Brief gedacht war, mit grossem Geschrei. Herr Haller ward in Führung seiner Sache eben so laut, ich war überstimmt, und konnte nichts tun, als mein Urteil mit Gelassenheit anhören, welches dieses war, dass es nötig sein würde, meine Kinder gänzlich von mir zu nehmen, damit ich den Gift des Widerwillens gegen ihren Vater nicht auch in ihre Herzen ausstreuen möchte.

Ihnen, schloss mein Mann, indem er sich zu der Robignac wandte, ihnen, Mademoiselle,