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verändert! wie viel Unkraut hatte hier der Feind auf den guten Acker gesäet! Jukunde, jetzt eben vierzehn Jahr alt, hatte in der Zusammensetzung von Vorwitz und übereilten Reden und Handlungen, die man in der Volkssprache Naseweisheit nennt, so zugenommen, dass ich sie nicht mehr kannte. Kein Wunder! Mir, der es nicht an Aufmerksamkeit und guten Willen fehlte dieses in ihr keimende Uebel zu unterdrücken, hatte es schon Mühe genug gemacht hierinnen einigen Fortgang zu haben, wie sehr musste das Mädchen bei der Vernachlässigung der Robignac, die nur immer an ihrem Aeusserlichen künstelte, und das Innere ungebessert liess, verwildert sein.

Amalie wurde durch ihre wenige Schönheit vor der Verzärtelung geschützt. Es ist nur gar zu wahr, dass die meisten Alltagserzieher sich von ihren Augen leiten lassen; dass sie denen, welche etwas Gefälliges in ihrem Aeusserlichen haben, schmeicheln, und die Hässlichen unterdrücken. So war es Amalien gegangen, der beständige Tadel hatte ihr eine gewisse ungeschickte Blödigkeit, einen Eigensinn und Beharrlichkeit auf ihrer Meinung angewöhnt, welchen mütterliche Liebe und Schonung schwerlich aus dem grund zu heben vermochte. Julchen war der Spion des ganzen Hauses geworden, sie erzehlte der Französinn von dem, was sie bei ihrem Vater und bei Wiltecks sah, sie unterrichtete Herrn Haller von allen Handlungen der Robignac und ihrer Schwestern, sie verriet das Gesind, und richtete dadurch mehr Uebel an, als man von so einer kleinen Kreatur hätte erwarten können. Sie machte gleich am ersten Tage ihre Aufwartung bei mir mit einer Erzählung von allem was in meiner Abwesenheit vorgegangen war, die mir nicht sehr gefallen konnte, und die ich, so lehrreich sie mir auch war, ihr doch eben nicht mit besonderer Freundlichkeit belohnte.

Diese Entdeckungen in Ansehung meines Hauswesens und meiner Kinder, die mir so viel Kummer erweckten, waren noch bei weiten nicht die einigen; es folgten andere nach, welche mich belehrten, wie gefährlich es einer Hausregentinn ist, ihr kleines Gebiet zu verlassen, und es der Willkühr ihrer Widersacher Preis zu geben,

Mademoiselle de Robignac hatte das Herz meines Mannes ganz in ihre Gewalt bekommen. Wär sie jung und schön gewesen, so hätte mich dieses so sehr nicht wundern sollen; ich hätte nur an die begebenheiten mit der R... und W..., und an Rosen denken dürfen, aber sie, die nie von einem erträglichen Ansehen konnte gewesen sein, und die jetzt in ihrem dreissigsten wie sie, oder in ihrem fünfzigsten Jahre, wie andere Leute meinten, eher einer braunen hohläugigten Sybille als einer Herzensbezwingerinn ähnlich sah, wie hätte diese Herrn Haller, der doch ehemals ein Kenner der Schönheit zu sein schien, gefallen können!

Gleichwohl war es mehr als zu wahr, dass sie herrschte und ich gehorchen musste, dass ihre übertriebene Schmeichelei eine Hülle war, die sie ihrer Obergewalt anlegte, damit ich nicht gleich von Anfang zu sehr geschreckt, vielleicht einen Sturm wagte, der ihr hätte nachteilig sein können. Das Recht war doch gleichwohl auf meiner Seite, und Herr Haller hatte Stunden, wo er niedergeschlagen, verdrüsslich, und folglich auch verzagt war, so dass er vielleicht, wenn ich die Rolle einer bösen Frau hätte spielen wollen, nachgegeben und mir das Feld überlassen haben würde. Aber wo hätte ich die Kühnheit hiezu hernehmen wollen, ich, die ich nur gewohnt war, mit den Waffen der Sanftmut zu streiten?

Das beste was ich in meiner Lage tun konnte, war mich verstellen; ich hatte es schon einmal erfahren, was man gewinnt, wenn man die Augen zu zeitig über gewisse Dinge auftut, die man sich bemüht uns zu verhüllen. Ich war gegen die Robignac nachsichtsvoll und gefällig, ich hütete mich, dass unsere beiderseitigen Meinungen so wenig als möglich in Collision kamen, ich verbesserte in der Stille was sie verderbt hatte, undwartete auf bessere zeiten.

drei und dreissigstes Kapitel

Mütterliche Leiden

Ich verlebte meine Tage in einer erzwungenen traurigen Ruhe. Mein Vater war tod. Samuel war dahin, und ich wusste selbst nicht auf was für Art ich um ihn gekommen war, denn mein guter Engel behütete mich, dass die Meinung, welche die Robignac zuweilen einzustreuen suchte, er habe sich selbst in den Tod gestürzt, nie Platz in meiner Seele fand. – Himmel, was würde aus mir geworden sein, wenn ich dieses hätte annehmen wollen! – Alberts Briefe wurden immer unerträglicher; von Hannchen und der Frau von Wilteck bekam ich gar keine Nachricht, und was ich von Peninnen hörte, war auch nicht so beschaffen, dass ich dadurch getröstet werden konnte.

Die Sache ging so wie ich gedacht hatte. Charlotte hieng seit Samuels tod mehr an ihrem mann als zuvor; die erste Folge dieser aufkeimenden Liebe war Eifersucht. Herr Walter, gewohnt meine Tochter täglich in tausend verschiedenen ihr vorteilhaften Situationen zu sehen, konnte die Rolle, die er sich zu spielen zwang, nicht so gut behaupten, dass nicht die alte Liebe zuweilen hervorgeblickt hätte. Peninna, die die Eifersucht der einen, und die Gesinnungen des andern nicht verkennen konnte, und die am besten wusste, was ihr eigenes Herz gegen Waltern fühlte, sass halbe Tage auf ihrem Zimmer und weinte. Gern hätte sie sich aus dem haus ihrer Freundinn entfernt, wenn sie andere Zuflucht gewusst hätte; aber wohin sollte sie? Konnte sie sich bei der jetzigen Lage der Sachen nach Hohenweiler wünschen, um meine Sklaverei mit mir zu teilen?

Doch würde dieses vielleicht endlich, als das Klügste,