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sie sahen, dass ich noch mehr litt als sie, aber ach, was hätte mich trösten können, als die Nachricht, dass unser Schrecken vergeblich gewesen, dass die ganze Sache ein Irrtum, dass Samuel noch am Leben sei.

Herrn Walters Abgeschickter kam zurück, aber, was er mitbrachte, war nicht Trost, sondern Bestättigung unsers Unglücks. – So sehr er auch seine Abreise beschleunigt hatte, so war er doch viel zu spät gekommen, als dass er sich den längst beerdigten Körper des Verstorbenen noch hätte zeigen lassen können, um auf seinen Anblick einige Gewissheit zu gründen. Indessen trafen alle Umstände zu genau zu, um uns in einigem Zweifel zu lassen. Seine Kleidung, unterschiedliche uns sehr kenntliche Kleinigkeiten, die man ausser dem genannten bei ihm gefunden hatte, und vor allen eine Schreibetafel, in welcher sich unterschiedliche Aufsätze von seiner Hand befanden, rissen uns aus aller Ungewissheit. Mit Mühe und ziemlichen Kosten hatte unser Abgeschickter alle diese Dinge aus den Händen der Obrigkeit des kleinen Orts in die Seinigen gebracht, denn dass der Wert alles dessen, was er bei sich hatte, auf die Aufhebungs- und Begräbnisskosten gegangen war, versteht sich von selbst.

O Himmel, wie ward uns zu Mute, als wir diese traurige Verlassenschaft unsers Geliebten in unsere hände bekamen! Was fühlte Charlotte, als ich ihr die Dose mit ihrem Bilde, das sie ihm beim Abschied geschenkt hatte, überreichte! Herr Walter sah ihren Schmerz, und zürnte nicht mit ihr; er selbst betrauerte meinen Sohn, wie man einen Bruder betrauert haben würde.

Zwei und dreissigstes Kapitel

Das hat der Feind getan

Lange blieb ich zu Traussental, es ward mir schwer, mich von Peninnen und ihren Freunden zu trennen, aber endlich musste ich doch bedenken, dass ich eine Mutter mehrerer Kinder war. Ich bereitete mich zu meiner Rückreise nach Hohenweiler und sann darauf, wie ich gewisse Dinge, die mir noch ausser den Ursachen meines verzehrenden Grams viel Unruhe machten, klüglich einrichten wollte.

Peninna hatte durch den Tod ihres Grossvaters einen Zufluchtsort verlohren, welcher fast der einige war, an welchem sie ausser dem väterlichen haus mit Anstand leben konnte. Mein guter Vater hatte mir zwar seine kleine ländliche wohnung hinterlassen, auch war das grössere Haus, das wir jetzt bewohnen, nebst dem Garten unser, aber wie hätte es sich für ein junges Mädchen geschickt, diese Einsamkeit dem haus ihrer älteren vorzuziehen?

Herr Haller, welcher sich in die beiden Trauerfälle, die mich so gewaltsam erschüttert hatten, mit einer philosophischen Gleichgültigkeit fand, welche man bewundern musste, hatte in seinen letzten Briefen an michEr selbst kam so wenig nach Traussental, als er seinen drei jüngsten Töchtern erlaubte, mich daselbst zu besuchen. – den Gedanken geäussert, Peninna würde nun in das väterliche Haus zurück kehren, aber es war blosser Gedanke nicht Wunsch. Er schien seinen alten Widerwillen gegen Peninnen noch nicht abgelegt zu haben, und machte Bedingungen, unter welchen er ihr erlauben wollte, in Hohenweiler zu leben, die weder ihr noch mir gefallen konnten. Untertänigkeit unter die Hand der Robignac war eine von den vornehmsten, und Peninna fand so wenig Behagen an diesen Aussichten als ich.

Peninna, ein Mädchen über neunzehn Jahr, die schon so lange die Gebieterinn eines Hauses gewesen war, sollte nun erst einer eigensinnigen Französinn, die sie ganz übersehen und nicht anders als verachten konnte, gehorchen lernen? Seltsame Zumutung! – über dieses musste ich bei meiner ältesten Tochter eben das Bedenken haben, wie bei Hannchen. Sie war jung und schön wie diese. Ihr Vater, welcher so sehr wünschte ihrer los zu werden, würde nicht ermangelt haben sie zu nötigen, bei den Gesellschaften in seinem und in dem Wilteckischen haus gegenwärtig zu sein; dass sie gefallen würde und müsste war ausgemacht, und das beste, was hätte erfolgen können, wär gewesen, dass sie an irgend einen von den dasigen Herrn, dem es beliebt hätte ernstafte Absichten auf sie zu haben, verschleudert worden wär.

Peninna sah dieses alles sowohl als ich, und sie brauchte es zum Mittel mich zu bewegen in einen andern Vorschlag zu willigen, welchen sie mit Charlotten ausgedacht hatte. Diese beiden Freundinnen waren sich so unentbehrlich geworden, dass es ihnen schwer ward sich zu trennen. Peninna versicherte mich, dass die Gewohnheit Waltern täglich zu sehen, den Eindruck, den sein Anblick auf sie machte, sehr geschwächt habe, dass sie gegenwärtig nichts für ihn fühle als wahrhafte Schwesterliebe. Charlotte, die jetzt das ganze verhältnis kannte, in welchem ihre Freundinn ehemals mit ihrem mann gestanden hatte, beteuerte, dass sie ganz frei von Eifersucht sei. Herr Walter erklärte sich nie über diesen Punkt, aber sein Betragen gegen Peninnen war so fremd und zurückhaltend, seine Geschäfte so häufig, und sein Herz so redlich, dassich endlich meine Bedenklichkeiten aufgab, meiner Tochter erlaubte bei Walters zu bleiben, ihr noch einige gute Lehren gab, und es über mich nahm, ihr Zurückbleiben bei ihrem Vater zu entschuldigen.

Ich kam wieder zu Hohenweiler an. Ich ward von meinen Kindern mit lauter Freude, von Herrn Haller mit kalter Höflichkeit, und von der Französinn mit den ausschweifendsten Schmeicheleien empfangen. Dinge, welche nicht hinlänglich waren, meine Augen gegen das, was mir missfiel, zu verschliessen.

Nicht Tage, viele Wochen waren nötig, die Unordnungen abzustellen, die sich in meiner Haushaltung eingeschlichen hatten, und meine Töchter, o wie sehr fand ich diese zu ihrem Nachteil