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ihr euch nach den jetzigen zeiten von einer Stadtdame, von der Frau eines vornehmen Rechtsgelehrten macht, ganz anders sein, aber ich bitte euch, versetzt euch in die damalige Welt! Nicht am Putztische, sondern in der Küche traf man unsere Mütter des Morgens an; nicht im prunkvollen unbequemen Flitterstaat nahmen sie die Stelle der Wirtin bei der Mittagstafel ein, sondern in reinlicher häuslicher Kleidung, welcher man es ansahe, dass sie ihnen nicht hinderlich sein konnte, an jedem Orte ihres kleinen Gebiets selbst gegenwärtig zu sein, alles mit eigenen Augen zu sehen, und vielleicht überall selbst mit Hand anzulegen; man nährte in den damaligen grössten Häusern nicht etwa eine Menge unnützer Bedienten, welche die Frau vom Haufe der kleinsten Mühe überhoben, oder überheben sollten, und die doch das wichtigste oft ungetan liessen, was die Gegenwart der Gebieterin bald geändert haben würde; doch das sind unnötige Ausschweifungen. Zu unserer Mahlzeit! –

Unsere Tischgesellschaft wurde durch einen jungen Mann vermehrt, welchen ich gleich anfangs für das hielt, was er war, für den geschäftvollen Neffen des alten Herrn, der sich zur Ruhe setzen wollte. Ein Mensch von gutem Ansehen, welchen ich, so wie ich ihn damals zum erstenmal sah, mit niemand besser vergleichen kann, als mit meinem Sohn Samuel, auch mochte er damals ungefähr in den Jahren sein, die dieser jetzt hat, nur ist in Samuels Betragen mehr Ernst und gesetztes Wesen, als ich an dem damaligen jungen Herrn Haller rühmen kann, welcher in allem, selbst in seiner nach der damaligen äussersten Mode eingerichteten Kleidung, zeigte, was in seinem Herzen wohnte, Leichtsinn und Eitelkeit. Ich fand kein besonderes Wohlgefallen an ihm, desto mehr aber ward ich von seiner Tante, der ehrwürdigen Madam Haller, eingenommen. Ich sass bei der Mahlzeit an ihrer Seite, und ihre freundlichen Worte, welche sie immer an mich richtete, machten ihr bald mein ganzes Herz zu eigen, ob ich gleich dieselben, ich weiss nicht aus welcher albernen Blödigkeit, immer nur halb beantwortete, vielleicht dass mich die Blicke des gegen mir übersitzenden jungen Herrn, welcher die Fältgen an den Spitzen meines Kopfzeugs zu zählen schien, in einige Verlegenheit setzten.

Nach dem zweiten Glas Wein ging dem alten Herrn der Mund auf. Neffe, sagte er, nachdem er sich dreimal geräuspert hatte, dieser ehrliche Mann hier, welcher Rechtsangelegenheiten halber in die Stadt gekommen ist, braucht deine Hilfe. Die Sache betrifft – – Hier hob ein weitläuftiger Bericht von den Angelegenheiten meines Vaters an, den der alte Herr weit ordentlicher und zweckmässiger vorbrachte, als er ihn von seinem Klienten erhalten hatte, welches mich um so vielmehr Wunder nahm, da ich geglaubt hatte, der alte Herr Haller habe den Vormittag, als er sich alle diese Dinge von meinem Vater erzehlen liess, an nichts dabei gedacht, als an seinen Lehnstuhl, sein blödes Gesicht, und die bevorstehende Mahlzeit.

Sie müssen mir es nicht übel nehmen, beschloss der alte Herr seine Rede, indem er sich zu meinem Vater wandte, wenn ich sie vorhin ein wenig kurz abfertigte. Sie weckten mich aus einem Schlummer, in welchen ich, wenn ich allein bin, oft verfalle. Ich werde alt, undes gibt Stunden, in welchen ich keines Menschen Freund bin. – Zum Beispiel, dachte ich, die Stunde der Erwartung vor der Mittagsmahlzeit! ach wie recht hatte meine alte Baase, Gott habe sie selig, welche mich lehrte, den Himmel alle Morgen zu bitten, dass alles, was ich den Tag über vornehmen wolle, zur guten Stunde geschehen möge. – Mein Vater verbeugte sich auf diese Entschuldigung des alten Herrn, es entstand eine Pause, und der junge Haller füllte das Glas seines Klienten ungeachtet seiner Weigerung, und der darüber gehaltenen Hand, von neuen an.

Ich weiss nicht wer zuerst das Wort wieder aufnahm, genug das Gespräch ward nun allgemeiner. Der Oheim und der Neffe taten noch viele fragen an meinen Vater; er gab ihnen ausführliche Nachricht; Madam Haller schob zu zeiten einige Worte ein; ich schwieg, und als die drei Herren sich nach und nach immer mehr in ihren Händeln vertieften, der alte Herr im Eifer schon ein Glas umgestossen hatte, und meines Vaters stimme sich bei Darlegung seiner Gerechtsamen zum stärksten Kanzelton erhob, gab mir meine Nachbarin einen Wink in der Stille aufzustehen, und die Männer beim Wein ihre Sachen allein ausmachen zu lassen.

Viertes Kapitel

Eine Freundin, wie man sie selten findet

Madam Haller führte mich auf ihr Zimmer. Sie lud mich ein, diesen Nachmittag bei ihr zu bleiben, und ich willigte ein, weil ich glauben konnte, dass ihr ihre Einladung von Herzen ging, und dass sie, wie sie sich ausbrückte, einen einsamen Nachmittag gern mit einer Freundin teilte. Freundin? wiederholte ich, indem ich ihre Hand an meine Brust drückte. Warum nicht? mein Kind, sagte sie, kann keine Freundschaft zwischen Jugend und Alter Statt finden? O das wohl, erwiderte ich, aber welch ein Unterschied zwischen Madam Haller und einem armen einfältigen Landmächen!

Sie küsste mich lächelnd auf die Stirne, und bat mich, mir die Zeit nicht lang werden zu lassen, weil sie mich wegen einiger häuslichen Geschäfte verlassen müsse.

Wie? rief sie, als sie nach einer Viertelstunde wieder kam, und mich an einer Tapete arbeitend fand, die ich eingespannt gesehen, und mich fast ohne daran zu denken, dabei niedergesetzt hatte. Wie? verstehen Sie