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zum Beispiel sagen, eins ihrer Kinder verlieren sollten? – Sie meinen Peninnen? erwiderte ich. Wenn sie fortfährt ihrem Gram nachzuhängen, so weiss ich, dass ich sie verlieren werde, und eben darum will ich die Ursachen ihres gränzenlosen Kummers, die Mittel wissen ihn zu heilen. – Ich rede nicht von Peninnen, erwiderte er, aber wie wenn Sie erführen, dass irgend eine traurige Nachricht das Leben Ihres Vaters abgekürzt, dass vielleicht ihr SohnDass Albert, unterbrach ich ihn, vielleicht seine lächerliche Drohung, Kriegsdienste zu nehmen erfüllt habe, und nun für seine Torheit leiden müsse? – Haben Sie nur einen Sohn? fragte Walter. Wie wenn nun Ihr Samuel – –

Der Name Samuel, erschütterte mein Innerstes, es war nicht mehr Zeit mich zu schonen, ich musste alles wissen; Herr Walter brauchte alle Klugheit, den Streich zu mildern, den er meiner Ruhe versetzen musste, aber war wohl Milderung bei einer solchen Nachricht möglich?

Es war nur allzugewiss, dass plötzlicher Schrecken, das schwache Alter meines Vaters übermocht, und ihn vor der Zeit ins Grab gestreckt hatte. Man fand in der Laube, wo ihn Charlotte und Peninna ohne Empfindung angetroffen hatten, ein Zeitungsblatt, welches aufgehoben, und weil man nicht mutmassen konnte, dass es eine Beziehung auf den schrecklichen Zufall habe, beiseit gelegt wurde. Man brauchte alle Mittel den unglücklichen Greis ins Leben zurückzurufen, er fing an sich zu erholen. Sprache und Verstand, welche wie Peninna mir damals schrieb, gänzlich dahin zu sein schienen, kehrten eine Stunde vor seinem tod zurück.

Er nannte Samuels Namen, er bestrebte sich den Umstehenden noch mehr zu sagen, aber vergebens; seine Reden waren, auch dem ganz nahe zu seinem mund geneigten Ohre, nicht mehr verständlich. Er strengte sich heftiger an. Einige gebrochene Worte machten Herrn Waltern auf das in der Laube gefundene Zeitungsblatt aufmerksam; es wurde herbei geholt; der Sterbende liess es sich reichen, man richtete ihn in die Höhe, er schien mit den Augen, und mit den schon fast erstorbenen Händen eine Stelle zu suchen, die ihm wichtig sein musste, aber die Kräfte verliessen ihn, und er sank ohnmächtig zurück. Man hielt den ganzen Einfall mit dem Zeitungsblatte für Phantasie, man beschäftigte sich, den Kranken zu sich selbst zu bringen, er erwachte nur, um von neuen die nämliche idee zu äussern, und durch Zeichen und gebrochene Worte zu bitten, man möchte lesen.

Charlotte las, und stiess endlich auf einen Artickel, der sie, ehe sie ihn ganz zu Ende gebracht, leblos auf den Boden streckte; so lautete er:

"Riedgau am Harz. Vergangenen Dienstag den 23. May hat man in hiesiger Hohlberger Wehr den Körper eines jungen schönen Mannes von zwei bis drei und zwanzig Jahren gefunden, den man, ungeachtet er nur einige Stunden im wasser gelegen zu haben schien, vergebens strebte, wieder zu beleben. Er war von bräunlicher Gesichtsfarbe und dunkeln Haar. Seine Kleidung, ein hellgrüner Reitrock mit schmalen Golde, und ein ziemlich kostbarer Hirschfänger mit den Buchstaben S. H. lassen mutmassen, dass er von gutem stand ist. In seinen Taschen hat man, nebst einem grünseidenen Beutel mit fünf Louisdors und einiger Münze, eine emaillirte Dose gefunden, auf deren Deckel das Bild einer Dame mit den Buchstaben C. W. befindlich ist. Sollte sich jemand von den Angehörigen. u.s.w."

Man kam der ohnmächtigen Charlotte, man kam Peninnen, die sich fast in ähnlichem Zustand befand, zu Hilfe; Herr Walter las die schreckliche Stelle noch einmal, und ward völlig überzeugt, dass der Gefundene niemand anders als mein unglücklicher Sohn sein könne. Tiefe Traurigkeit breitete sich über die ganze kleine Gesellschaft aus. Der Sterbende, aus dessen gebrochenen Augen einige Tränen quollen, fasste Charlotten und Peninnen, die weinend bei seinem Bette standen, bei der Hand, schien noch einige tröstende Worte sprechen zu wollen, und verschied.

Hier war es, wo ich erschien. Auf Walters Gutachten, verschwieg man mir alles, was meinen Sohn betraf, weil er noch immer hofte, auf genauere Untersuchung, von der Falschheit der schrecklichen Nachricht überzeugt zu werden. Gern hätte er die Reise nach Riedgau selbst übernommen, wenn er es hätte wagen wollen, Charlotten, Peninnen und mich in unserer Traurigkeit allein zu lassen, und mich vielleicht der Gefahr auszusetzen, durch eine unvorbereitete Benachrichtigung von der Sache, ein ähnliches Schicksal mit meinem Vater zu erfahren. Der edle Mann, warum war er doch nicht mein Sohn geworden, hätte wohl ein Kind zärtlichere Sorgfalt für seine Mutter tragen können, als er für mich!

Herr Walter hatte einen Menschen, auf dessen Treue er sich verlassen konnte, nach Riedgau geschickt, er war voller Hoffnung, dass uns dieser bessere Nachricht mitbringen werde als wir vermuteten, und brauchte diese Vorstellung, mich in dem Schmerz, in welchem ich stumm und fast leblos vor ihm sass, ein wenig aufzurichten. Es gelang ihm schlecht! Wer, der das Herz einer Mutter gegen ein geliebtes Kind kennt, wagt es auszusprechen, wie mir in diesen Augenblicken, an die ich nie ohne Schauer denken werde, zu mute war? – Peninna und Charlotte schienen einen Trost darinnen zu finden, dass ich den ganzen Umfang ihrer Leiden wusste, und dass sie frei von demjenigen mit mir sprechen durften, was ihr einiger Gedanke war. Sie unternahmen es so gar, mich zu trösten, da