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haben, wenn nicht eben zu der Zeit Dinge vorgefallen wären, die meine Aufmerksamkeit auf wichtigere Gegenstände zogen, als auf einen ungeratenen Sohn? Ich gab den Brief Herrn Haller. Albert war ja sein Schooskind; ich durfte nicht besorgen ihn zu sehr wider ihn aufzubringen. Hatte er ihn doch selbst auf den schönen Weg gebracht, auf welchem er sich unglücklich machte. Möchte er doch mit ihm zürnen, ihn bestrafen, ihn seinem Schicksal überlassen, er konnte hier schwerlich mehr tun, als seine Frechheit verdiente.

Ein und dreissigstes Kapitel

Traurige Scenen

Ein Brief von meiner Peninna riss meine Gedanken plötzlich von dem gegenstand meines Unwillens los, und erfüllte mein Herz mit einer Empfindung, die dasselbe auf einer noch empfindlichern Seite angriff. Himmel, ich sollte ein Gut verlieren, das mir, nebst meinen Kindern das Liebste auf der Welt war, dass ich nach der gemeinen Rechnung zwar lang besessen hatte, aber ach, das mir dennoch viel zu früh für mein Glück entrissen wurde. "Eilen Sie mir zu Hilfe, mir zum Troste herbei," schrieb meine Tochter mit zitternder Hand; "Ihr Vater und der meinige! – ach Gott, wir werden ihn verlieren! Diesen Morgen fand ich ihn in einer Art von Ohnmacht, in der grossen Laube im Garten. Charlotte, welche diese Nacht bei mir geschlafen hatte, und ich, brachten ihn nach vielen vergeblichen Bemühungen, wieder zu einiger Empfindung, aber Sprache und Bewusstsein sind dahin. Der Arzt, der eben ankommt, spricht, er sei vom Schlage getroffen, und es sei keine Hoffnungach ich kann die schrecklichen Worte nicht ausschreiben. – Nach Herr Waltern hat Charlotte schon geschickt; ich wende mich zu Ihnen, ach, es ist, als müsste ich überall Hilfe suchen, alles zu Rettung meines teuren Vaters aufrufen. Eilen Sie, eilen Sie zu Ihrer trostlosen

Peninna."

Meine Empfindungen waren den Empfindungen meiner Tochter gleich, nur dass sie sich auf eine weniger stürmische Art äusserten. Ich machte eilige Anstalt zu meiner Abreise, und hörte wenig auf das Zureden meines Mannes, und der spruchreichen Robignac. – Dass mein Vater sehr alt war, dass ich ein grösseres Glück genossen hatte, als andere Kinder, welche ihre älteren oft in den frühesten Jahren verlieren, dass wir endlich alle sterben müssen, und was der trostvollen Gemeinsprüche mehr waren, das wusste ich lange. Ich warf mich in meinen Wagen, und war froh, ruhig weinen zu können, ohne dass sich jemand die Mühe gab, mich mit solchem Troste zu quälen.

Ich reisste ab, ich kam an, meine Pferde waren geflogen, ich hatte kaum zwei Dritteil der gewöhnlichen Zeit auf dem Wege zugebracht, und doch kam ich zu spät. Mein Vater, ach Gott, mein ewig teurer Vater, war eben verschieden. Was für eine Empfindung, den kalt und entseelt vor mir liegen zu sehen, an dem mein ganzes Herz hieng! Dieses ehrwürdige Gesicht, diese wie zum sanften Schlaf geschlossenen Augen, dieser wie zum leisen Sprechen ein wenig geöfnete Mund! – Nein, schrie ich, indem ich auf ihn zustürzte, nein, er ist nicht tod! – Hat man ihm eine Ader geschlagen? hat manich konnte nichts mehr sprechen; ich sank in einen Zustand, in welchem ich selbst Aderlass und Hilfe der ärzte nötig hatte.

Wie ich wieder zu mir selbst gebracht wurde, wie meine Empfindungen anfiengen ruhiger zu werden, wie ich nach und nach die Rolle einer vernünftigen Matrone, die der Jugend ein gutes Beispiel geben muss, wieder annahm, das will ich nicht umständlich beschreiben, so wenig als ich mich dabei aufhalten kann, was wir vier, dem Anschein nach fast auf gleiche Art Gekränkte, alles taten uns gegenseitig zu trösten. Herr Walter und seine Frau zeigten sich bei dieser gelegenheit auf einer Seite, die mein ganzes Herz für sie einnahm. Ich handelte wie eine Frau von meinen Jahren in einer solchen Lage handeln muss, undPeninna war untröstlich.

Es vergingen Wochen, und ihr Schmerz blieb immer sich selbst gleich, ihr entfielen in der tiefen Betrübniss, in welcher sie war, Worte, die mir rätselhaft schienen, und die mich Dinge ahnden liessen, welche man mir verschwieg. Charlotte war bettlägrig, und ich konnte nicht begreifen, wie sie an dem tod eines Mannes, den sie erst seit kurzer Zeit kennen gelernt hatte, so gewaltsam erschüttert werden konnte. Der jähe Tod dieses ewig teuren Vaters war mir von Anfang bedenklich vorgekommen, ich hatte Mutmassungen, dass hier geheime Ursachen zum grund lagen die ich nicht erraten konnte, und die man sich mir zu entdecken fürchtete, ich musste Licht haben, und ich nahm mir vor, Waltern einmal ernstlich zu befragen.

Unsere Unterredung war lang, und die Antworten des jungen Mannes fielen sehr geschraubt aus. Haben Sie vergessen, rief ich endlich, dass Sie mit einer Frau sprechen, welche gelernt hat Unglück zu ertragen? Lassen Sie mich alles wissen! Ungewissheit ist weit quälender für mich, und mein Schicksal kann dadurch nicht härter werden, dass ich von allem benachrichtigt werde. Mein Vater ist tot, meine Peninna schmachtet ihr Leben im langsamen Gram dahin, lassen Sie die Ursachen hiervon sein welche sie wollen, unmöglich können sie so beschaffen sein, dass mein Leiden dadurch erschwert wird. – Glauben Sie das, vortrefliche Frau? sagte WalterWie wenn Sie zu dem, was Sie bereits verloren haben, noch mehr, ich will