Leute. – Herr Walter war in diesem Stücke klüger, er kam selten nach Traussental, es war auch recht gut, denn man merkte es allemal Peninnen an, wenn er da gewesen war; ich fand sie denn immer stiller und trauriger als gewöhnlich. Dass das Mädchen ihn doch so gar nicht vergessen konnte! Woher mochte doch diese seltsame Beständigkeit in einem so leichtsinnigen Herzen kommen, wie Peninnens Herz war?
Die Unterhaltungen der beiden Freundinnen von Samuel konnten nicht anders als sehr trocken sein, weil sie bloss von alten Vorgängen handeln mussten, denn in diesen zwei Jahren hatten wir nicht öfter als zweimal, und nur sehr kurze unbedeutende Nachricht von ihm gehabt; eine Sache, die mir viel Kummer machte. Mit Freuden hätte ich alle Briefe, die mir in diesen zwei Jahren Monsieur Albert aus Berlin geschrieben hatte, für eine einige Zeile von meinem armen Samuel hingegeben.
Mein armer Samuel, sage ich? hätte ich nicht vielmehr Alberten bedauren sollen? – O in wie schlechten Händen befand sich der arme! Der Oberste, Herr von Wilteck, und mein Mann, brachten mir jedesmal, wenn sie von ihren Excursionen nach Berlin zurück kamen, die Nachricht mit: man könne keinen artigern, hofnungsvollern Jüngling sehen, als meinen Albert, aber ich habe nichts mehr nötig, als einen einigen Brief von ihm herzusetzen, um das Gegenteil zu erweisen; versteht sich, keinen von den ersten, denn in diesen herrschte noch der Ton der Treuherzigkeit und Unschuld, den ich liebe, sondern einen, der in die Zeit fiel, von welcher ich jetzt schreibe, und der um so viel mehr einen Platz in dieser Gegend verdient, weil es nötig ist, dass man etwas von der Lage wisse, in welcher Albert sich gegenwärtig befand.
"Liebe Mutter!
Weiss der Henker, wo ich immer den Mut hernehme, mich wieder an Sie zu wenden, und wenn Sie mich gleich noch zehnmal unfreundlicher abgewiesen hätten als das letztemal. Ich soll aufhören zu sein was ich bin, soll wieder werden was ich ehemals war, oder mich nicht unterstehen Ihnen zu schreiben? Liebe Mutter, wie soll ich mir das auslegen? Sie allein tadeln mich, und hundert Lober habe ich auf meiner Seite. Wem soll ich beipflichten? Der Herr Oberste, Herr von Wilteck, mein Hofmeister, selbst mein Vater ist mit mir zufrieden. Meine Studien, die Ihnen so schlecht, so superficiell vorkommen, sind nach jener ihrem Urteil hinlänglich für einen jungen Menschen von Vermögen, und Männer müssen das doch besser verstehen, als eine Dame. Meine Vergnügungen, die Sie zeitverderbend, wohl gar sündlich nennen, findet man hier sehr mässig und eingeschränkt. Sie sollten sehen, wie andere von meinem Alter leben. Meine Aufführung ist nach dem allgemeinen Urteile, ordentlich und angenehm, und selbst das, was sie Flüche und ungezogene Reden nennen, gefällt entweder, oder wird als alltäglich kaum bemerkt; was ist es denn nun, wenn ich einmal sage oder schreibe – – doch nein, ich habe meinen Brief noch mit keiner unheiligen Redensart entweiht, und ich wills auch noch nicht tun, damit Sie sehen, wie sehr ich Sie liebe. Ja führwahr, Sie haben Recht; wenn ich bei Ihnen wär, so würde es anders sein, Sie würden aus mir machen können, was Sie wollten. Wenn ich nun so, was ich geschrieben habe, wieder überlese, so dünkt michs, ich würde nicht das Herz haben, so mit Ihnen zu reden wie ich schreibe, wie ich schreiben muss, wenn mein Brief den Augen gefallen soll, vor die er kommt. Herr Reiner, mein Hofmeister, nennt den Ton, wie ich ihn anfangs in meinen Briefen brauchte, Knabenton, und fragt mich, wenn ich ein klein wenig bedenklich über einen Ausdruck bin, ob ich mich vor der Rute der Mama fürchte? Der verwünschte lange dürre Kerl mit seiner dünnen Nase und der alten Haarhaube, die ihm dicht auf der Nasenwurzel sitzt, eben kommt er herein, und ich muss meinen Brief verstecken, weil ich Ihnen etwas zu sagen habe, das er nicht sehen darf.
Ich bin in erschrecklichem Geldmangel. Sollten Sie mich weniger lieben, als andere Mütter ihre Söhne? Hier nimmt ein jeder von meinen Freunden seine Zuflucht in solchen Fällen zur Mutter, und wie ich täglich sehe, nicht vergebens. Es gibt hier der Ausgaben so viel; Herr Reiner, der Oberste, und die andern, haben mich meistens selbst auf den Weg gebracht, wo ich so viel vertun muss, und nun lassen Sie mich in der Not stecken; ist das nicht unvernünftig? Zwar neulich habe ich im Faro, das ich recht gut spiele, fünf Louisdors gewonnen, aber die sind auch wieder zum Teufel – hätt' ich bald gesagt, verzeihen Sie ja beste Mutter; – Helfen Sie meinem Mangel ab, wenn es auch nur mit einer Wenigkeit, nur mit zehn Louisdors ist, und ich werde zeitlebens sein, Ihr gehorsamer Sohn, Albert.
N. S.
Einer von meinen Freunden riet mir, ich sollte drohen, wenn ich keine Geldhilfe bekäme, so wollte ich unter die Soldaten gehen, aber dieses dünkt mich doch zu kühn, gegen so eine Mutter, wie Sie. Wahr ist freilich, ich bin für meine siebzehn Jahre lang und gut gewachsen, und der Himmel weiss, was ich im Notfall tun werde."
Der Bube! wie würde ich diesen abscheulichen Brief doch beantwortet