1788_Naubert_077_42.txt

ich, ohne Rücksicht auf alles andere, auch nur daran dachte, dass ich meinen Sohn, nachdem ich ihn kaum einen Augenblick gesehen, schon wieder bald von mir lassen sollte, dass er eine Reise auf gut Glück tat, deren Ende ich nicht absah, und überhaupt, dass er sich in einer Verfassung befand, in welcher er gar nicht sich selbst hätte überlassen sein sollen. – – Ich hatte von meinem mann Urlaub auf einige Wochen genommen, ich setzte noch einige zu, und wendete sie an, meines Sohns Gesellschaft zu geniessen, undmich zu der Trennung zu bereiten, die mir noch schmerzhafter dünkte, als die erste, da er sich heimlich aus meinen Armen losriss. – Was mochte es doch sein, das mir den Abschied so erschwerte, war es Ahndung, oder –?

Doch ich will mich nicht in Träumereien verlieren. Wichtigere Gegenstände fordern meine Aufmerksamkeit. Nichts also von der Art, wie ich mich von meinen Kindern losriss. Ich eile nach haus zurück, wo neue Auftritte meiner warteten.

Nichts konnte mich über das, was ich verlassen musste, beruhigen, als der Gedanke an meine andern Kinder, zu denen ich eilte. Freilich waren mir Samuel und Peninna, als die ältesten, schon mehr als mir die übrigen sein konnten, der Umgang mit ihnen war in den meisten Fällen, mehr der Umgang einer Freundinn mit ihren Freunden, als einer Mutter mit ihren Kindern; doch auch Johanne wuchs heran, und gab, ungeachtet sie jünger war als Peninna, genug Proben, dass sie durch eine ernstere und gesetztere Gemütsart, mir noch lieber werden würde, als ihre Schwester. Albert, ihr Zwillingsbruder kam ihr hierinnen nicht bei; ein leichtsinnigeres, flatterhafteres geschöpf als er war, habe ich nicht leicht gesehen; er war in jeder Betrachtung jünger als seine Jahre.

So herzlich der Empfang bei meinen Kindern war, so kalt fiel er bei meinem mann aus. Die Relation, die ich ihm von Samuels Entfernung aus seinem vaterland geben konnte, war sehr unvollständig. Was würde er zu der getreuen Erzählung von den begebenheiten mit Walter und Charlotten gesagt haben? – Die Namen Träumer, und Taugenichts, der sein eigen Glück mit Füssen tritt, welche Samuel so schon oft genug bekam, würden noch häufiger gebraucht worden sein, und das Herz seiner armen Mutter vollends ganz zerrissen haben. – Halbe Vertraulichkeit findet selten gute Aufnahme; immer vermisset man die andere Hälfte, die man uns vorentält, und achtet den abgerissenen teil nicht, da man Anspruch auf das Ganze zu haben glaubt. Herr Haller musste es merken, dass er nicht alles erfuhr; indessen, die Zeit, da wir von Herz zu Herz mit einander sprachen, da alle unsere Geheimnisse gemeinschaftlich waren, diese glückliche Zeit war längst vorbei, und ich gebe es einem unparteiischen Richter zu überlegen, ob ich hierbei zu beschuldigen war. Herr Haller war einmal der Mann nicht, der unumschränkte Mitteilung fordern und ertragen konnte. Auch er hatte seine Geheimnisse, Geheimnisse, vor deren Entüllung mir weit banger war als ehemals, da ich sie ihm mit freundschaftlicher Gewalt entriss, und sie, wie ich hoffen will, nicht missbrauchte.

Seit meines Mannes Wiederkunft aus Berlin, hatte alles bei uns ein anderes Ansehen gewonnen. Bei meiner Rückkehr von Traussental fand ich eine seltsame Unordnung in meinem haus. In diesem Zimmer Arbeitsleute, welche beschäftigt waren, das alte Täfelwerk heraus zu reissen, in einem andern, meinen Mann nebst den beiden alten Herren von Wilteck bei der schweren Wahl artiger Tapeten, mit welchen man die entblössten Wände bekleiden wollte. Im hof standen einige Wagen, mit meinem guten alten Hausgeräte bepackt, welche man in die Stadt zu einer Versteigerung schaffen wollte, als ich etwas entrüstet fragte, was dieses bedeuten sollte, so öfnete mein Mann mir einige Zimmer, und hofte mit einem kleinen Lächeln, ich würde durch den Tausch nichts verloren haben. Ich schüttelte den Kopf, und sah es den niedlich lakkirten Möbeln, die ich hier erblickte, an, dass sie mir die Stelle ihrer Vorgänger schlecht ersetzen würden. Die Kinder trugen mir, als unsere ersten Bewillkommungen vorbei waren, eine Menge kostbare Tändeleien entgegen, die ihnen der Papa aus Berlin mitgebracht, und die er ihnen mit Vorsatz nicht eher als in meiner Abwesenheit gegeben hatte, an Hannchens Seite glänzte eine goldene Uhr, und mir brachte mein Mann noch am selbigen Abend einen Wust von modischen Dingen zu meinem Gebrauch, deren Namen ich kaum zu nennen wusste. – Ich freute mich wenig über dieses Geschenk, denn zu dem, dass es aus lauter für mich sehr entbehrlichen Kleinigkeiten bestand, so ward es mir auch nicht mit jener Miene gegeben, die dem Geschenk den eigentlichen Wert gibt. Eine gute Quantität feiner Flachs, die mir mein Mann in vorigen glücklichen zeiten schenkte, oder eine wunderschöne Traube, die er mir als Seltenheit aus unserm Garten brachte, war mir damals lieber. Die liebevollen Gesinnungen des Gebers strahlten damals aus seinen Augen; ich wusste, dass solche Geschenke meines Mannes Vermögen nicht überstiegen; hier aber wusste ich das Gegenteil, und der Geber überreichte mir seine Herrlichkeiten, ohngefehr mit dem Blicke, wie ein Fürst seinem Leibrosse eine gestickte Decke auflegen lässt.

Vieles, alles war mir bei diesen Dingen bedenklich, auch dieses, dass die grosse Veränderung, die ich überall erblickte, recht mit Fleiss auf die Zeit meiner Entfernung verspart worden war. Mein Mann war doch schon eine gute Zeit aus Berlin