mich gewiss zu überzeugen, dass ich in keinem Punkt etwas versehen habe, der Charlottens Glück beschleunigen oder vergrössern könnte, in alten Documenten wühlte, von welchen mir der Hofrat gesagt hatte, dass sie eigentlich nicht unmittelbar zur Sache gehören, und nur der Nachfrage wegen da wären, stiess ich auf Dinge, die mir ganz neu waren, die mich in Erstaunen setzten. Ich überlas sie von neuem, ich musterte die Besitzer des Guts seit ein paar hundert Jahren, ich untersuchte, verglich, berichtigte, warf Zweifel auf, bekämpfte sie – umsonst, – ich mochte mich quälen wie ich wollte, so fand ich nichts, als dass Charlotte keinen rechtmässigen Anspruch auf das Gut haben könne. Der Vetter, der es ihr vermacht hatte, besass es durch Erbschaft von seinem Vater, aber dieser – Himmel, ich schaudere, wenn ich bedenke, durch was für krumme Wege er zum Besitz desselben gekommen war; in dem Innersten von Schwaben lebte eine Familie, welche gegründete Ansprüche auf das hatte, was ich bisher fälschlich für Charlottens Eigentum hielt. Wie war es möglich, dass ein Besitz, der ehemals unrechtmässig war, durch Verjährung rechtmässig werden könne! kalter Schweiss trat mir vor die Stirne, ich fing die Untersuchung zum zweitenmal an, die Morgenröte fand mich noch bei meiner mühseligen Arbeit. Ich brachte nichts heraus als die schreckliche Wahrheit, die ich lieber für ein in der täuschenden Nacht ausgebrütetes Hirngespinst gehalten haben möchte.
Mein erster gang war zum Hofrat. Ich legte ihm meine traurigen Entdeckungen vor, er – –
Doch lassen sie mich alle diese Dinge lieber nur ganz leicht berühren, sie sind zu schrecklich für mich, als dass ich mich lange bei denselben aufhalten sollte.
Der Hofrat dachte anders wie ich, er setzte mir Gründe entgegen, die seine Meinung einigermassen bewiesen, aber mir doch nicht genug taten: ich arbeitete schläfrig an Charlottens Prozess, arbeitete endlich gar nicht mehr daran, denn immer war mir es, als wenn böse Geister mich davon zurück schreckten, und – die Sache ging verloren. Charlotte war wieder so arm, wie zuvor, war noch ärmer, denn ihr Vormund starb eh er auf die kleinste Art für sie sorgen konnte, und sie war in der traurigen notwendigkeit, entweder der Gnade weitläuftiger Anverwandten zu leben, oder mit mir, den sie ungeachtet des Schadens, den ich ihr getan hatte, immer noch liebte, in Dürftigkeit und Elend zu leben, oder – die Hand eines Mannes anzunehmen, der sie in aller Absicht verdiente und sie glücklich machen konnte.
Ihr Vetter Karl Walter, hatte zu eben der Zeit seinen Prozess gewonnen, als ich Charlottens ihren verlor. Er besass jetzt ein ansehnliches Vermögen, bekam eine von den ersten geistlichen Stellen in der Stadt, wo seine Cousine lebte, war ein Mann von dem besten edelsten Charakter, von einem Aeusserlichen, Peninna mag Zeuge sein, wie es sich ein Mädchen nur wünschen kann, was für eine Wahl zwischen ihm und dem armen, unglücklichen, grillenhaften, weder von person noch Geist liebenswürdigen Samuel Haller!
Walter hatte nie vorher Liebe für seine Cousine gefühlt, sein Herz hieng an einer andern; diese höhnte, verschmähte, beleidigte ihn, liess ihn sehen, dass sie nichts für ihn fühlte; war es denn wohl zu verwundern, wenn er sie verliess, und seine Neigung auf die reizende fehlerlose Charlotte wandte? Er wusste, dass ich sie nicht glücklich machen konnte. Er wandte sich zuerst an mich, um meine Einwilligung zu der Bewerbung um sie zu holen. Mein Herz blutete, aber Charlottens Glück ging vor, sie musste mit einem mann wie Walter glücklich sein. Es gelang mir endlich nach langer Mühe, ihre Bedenklichkeiten zu überwinden; sie riss ihr Herz von mir los, und ward Walters Frau. Ich beredete mich selbst, ich habe am Tage ihrer Hochzeit die höchste Freude gefühlt, deren ein Sterblicher fähig ist, die Freude seine Freunde durch eigene Aufopferung glücklich gemacht zu haben, aber diese Freude war ein schnell vorübergehender Rausch. Ich fühle es jetzt, dass ich ganz elend bin, ich mag nicht Waltern, nicht seine gattin wiedersehen. Ich verlasse diese Gegend, um zu versuchen, ob ich wo anders Ruhe finden kann.
Charlotte hat das ihr zugedachte Gut verloren, es ist in hände gefallen, die es noch mit mehrerem Unrecht besitzen, als sie es besessen haben würde; mein Gewissen lässt es mir nicht zu, es in dem Besitz derjenigen zu lassen, denen ich es gewissermassen in die hände gespielt habe. Ich habe mit Vorwissen Walters und seiner Gattin die Dokumente zusammen genommen, die mir zu meinem Vorhaben nötig sind, und verlasse mein Vaterland, um diejenigen aufzusuchen, welche gerechten Anspruch auf dasjenige haben, was ihnen ehmals entrissen wurde. Ich werde ihnen ohne die mindeste Rücksicht auf meinen Vorteil dienen, und sehen, ob vielleicht dieses Bestreben, nebst der Veränderung der Gegenstände und des Orts, etwas zur Heilung meines verwundeten Herzens beitragen könne.
sechs und zwanzigstes Kapitel
Seltsame Aspekten
Samuels Erzählung lockte unsere Tränen häufig hervor. Ob Peninna allein um ihren Bruder oder auch um ihren Walter weinte, kann ich nicht sagen. Freilich musste sein Andenken durch das, was sie gehört hatte, mächtig erneuert worden sein. Auch Samuel, den ich fast nie weinen sah, vergoss Tränen.
Ich litt für beide, und suchte beide zu trösten; ich, die ich selbst Trosts bedurfte, denn Himmel, wie ward mir zu Mute, wenn