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, und jetzt daran arbeitete, ihm seinen Abschied mit Hauptmannsrang auszuwirken. So freundlich wir, nach Meldung unsers Namens eingeladen wurden, in ihr Zimmer zu treten, so schlecht war der Empfang bei unserm Anblicke. Ich war ihr zu jung, zu zierlich gestaltet. Sie konnte nicht begreifen, wie ein Mädchen von meiner Art die Führung eines Hauswesens verstehen könne. Sie hörte nichts von dem an, was wir ihr von meinem Alter, und von meiner langen Uebung in den Geschäften, in welchen sie mich brauchte, vorsagten, und es fehlte nicht viel, dass sie ihre Rede mit Unhöflichkeiten schloss. – Ich habe euch meinen Anzug beschrieben, und ihr werdet euch wundern, dass selbst dieser, selbst der armselige Strohhut, den ich trug, ihrer Kritik nicht entging; eben war sie im Begriff den letzteren noch besonders vorzunehmen, aber ihr junger Gemahl trat ins Zimmer, und wir wurden schnell entlassen.

Eine alte Frau, vermutlich die Kammerfrau der Dame, begleitete uns. Das hätte ich ihnen sagen wollen, mein Kind, sprach sie, dass sie bei uns nicht fortkommen würden. Madam Katarines, welche ehemals Haushälterin bei uns war, und die sie vermutlich bei uns empfohlen hat, war schon zu hübsch für unsern Zustand. Eine Frage nach der wohnung des Herrn Hallers unterbrach die Rede der geschwätzigen Frau, glücklicher Weise konnte sie uns Nachricht geben, und wir entfernten uns.

Recht als ob dieser Tag durch fehlgeschlagene Hoffnung und schlechte Aufnahme ausgezeichnet werden sollte, fanden wir auch bei dem mann, zu dem man uns hinwies, nichts als finstere Gesichter, Es war fast Mittag, ehe wir seine wohnung trafen, welche die plauderhafte Alte, ich weiss nicht aus welchem grund, uns sehr schlecht angewiesen hatte. Mein Vater sagte, die Stadtleute, vornemlich die, welche in grossen Häusern wohnten, hassten die geraden Wege so sehr, dass sie diejenigen, welche sie um Rat fragten, durch tausend Umwege erst dahin führten, wohin sie gedächten. Kein Wunder also, dass wir Herrn Hallers wohnung zehenmal zur Rechten und Linken liegen lassen, ehe wir sie fanden.

Wir wurden eingeführt. Ein alter, dem Anschein nach, fast des Gesichts beraubter Mann, der in einem Armstuhl zurück gelehnt sass, und bei unserm Eintritt ein wenig an einer schwarzen Sammetmütze rückte, die seinen kahlen Scheitel bedeckte, hiess uns näher kommen, um, wie er sprach, uns besser erkennen zu können. Er zog ein Glas heraus und betrachtete mich. Darauf wandte er sich zu meinem Varer. Ein langes Examen erhob sich, von welchem die Konklusion war, nachdem er alles erfahren hatte, was uns anging: er wolle sich zur Ruhe begeben, und nähme keine Sache mehr an; zwar sein Neffe, – aber auch dieser sei bereits mit Geschäften überladen; überdies sei es bald Mittag undEine Bewegung mit der Hand sagte uns, wir möchten uns entfernen.

Mein Vater hatte die Bitte auf der Zunge, ihm wenigstens einen andern Rechtsgelehrten anzuweisen, welcher besser Gesicht, weniger Geschäfte und wenigere Jahre habe, welcher nicht im Begriff sich zur Ruhe zu begeben und nicht in Erwartung einer guten Mahlzeit sei, aber seine Frage ward durch den Eintritt einer person unterbrochen, deren erste Worte zeigten, dass sie komme, den alten Herrn zu der für uns so fatalen Mittagstafel abzuholen. Es war eine alte ehrwürdige Matrone in einem Gewande, das mir die weisse Frau, wie sie auf dem schloss zu B... abgemahlt ist, in den Sinn brachte; um die Aehnlichkeit vollkommen zu machen, trug sie ein grosses Bund Schlüssel, das Zeichen des Hausregiments in den damaligen zeiten, an der Seite.

Sie ward uns gewahr, und eine freundliche Verbeugung gegen uns, kürzte das ab, was sie noch zu dem alten Herrn sagen wollte, der sich jetzt langsam aus seinem stuhl erhob, und bei uns vorbei nach der tür tappte. Wir wollten uns entfernen. Wie? sagte die Matrone, auf welche vielleicht das Alter meines Vaters und seine geistliche Kleidung einen vorteilhaften Eindruck machen mochten, wie? mein Kind, ist das die Zeit seine Gäste zu entlassen? – Keine Gäste, erwiderte der Alte, nur Klienten. – Ei, fuhr die freundliche Frau fort, Gäste oder Klienten, es ist unmöglich, dass sie jetzt von uns gehen. Darf ich bittenmit einem freundlichen blick auf unsdass sie bei uns vorlieb nehmen? Ihre wohnung ist vielleicht weit entlegen, und die Witterung – –

Die Dame hatte Recht. Es war einer von den ersten Frühlingstagen, die sich so oft schön und heiter anfangen und mit Sturm und Regen endigen. Der Himmel hatte sich dicht umzogen, und unsere Herberge war eigentlich nirgends, da wir bei dem Herrn, dessen Haushälterin ich nicht werden wollte, zu wohnen gehofft hatten, und ohne Einladung entlassen worden waren. Ueberdieses waren wir Leute vom land, wussten nichts von langweiligen Weigerungen, und blieben so herzlich gern da, wo man uns einlud, als wir im entgegengesetzten Fall diejenigen, welche uns bewirteten, bei uns aufgenommen haben würden.

Dass die Matrone, welche uns mit so patriarchalischer Gastfreiheit einlud, die Frau vom haus war, werdet ihr erraten, ob ich mir gleich einbilde einige Verwunderung über ihren einfachen Anzug, über das Bund Schlüssel an ihrer Seite, und über die Herablassung, mit welcher sie ihren Gemahl selbst zur Tafel holte, in eurem Auge zu lesen. Freilich müssen die Begriffe, die