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ich und Peninna einmütig, als wir ihm entgegen flogen, und ihn an unsere Brust drückten. Verwunderungsvolle Ausrufungen von seiner Seite, und Tränen und Liebkosungen von der unsrigen, wechselten lange ab. fragen, was er wider mich habe, und hinlängliche Rechtfertigung wegen einiger kleinen Flecken, die der boshafte Katarines meinem Charakter anzuhängen gesucht hatte, folgten darauf. Es war sonderbar, dass dieser Samuel der Sittenrichter seines ganzen Hauses sein musste, und dass der bessere teil desselben sich so willig seinem Urteil unterwarf. Redlichkeit und unbescholtene Tugend muss doch etwas göttliches an sich haben, weil man sich ihre Aussprüche so gern gefallen lässt, sich so emsig um ihren Beifall bewirbt, und sich so sehr scheut, vor dem Besitzer derselben, und wär er noch so weit unter uns, in einem falschen Lichte zu erscheinen.

Da ich, Samuels Mutter, so geneigt gewesen war, ihn zum Richter meiner Handlungen zu dulden, so konnte sich Peninna seinem Urteil noch weniger entziehen. Er war mit ihrer Aufführung nicht so leicht auszusöhnen, als ich und mein Vater, und es würde vielleicht ein noch strengeres Gericht über sie gehegt worden sein, wenn nicht einige Umstände in dem letzten teil ihrer geschichte gewesen wären, die ihn zum Mitleid bewogen, und ihn lebhaft an seine eigene erinnert hätten.

Er nahm an, dass sie mir und Peninnen bereits völlig bekannt sei, und gebrauchte sich einiger Ausdrükke, die uns in Verwunderung setzten, weil sie zeigten, dass einige Personen, die an dem Schicksal seiner Schwester teil hatten, ihm nicht so fremd waren, als wir dachten. Er merkte unser Erstaunen, und versprach uns den Rest seiner begebenheiten etwas umständlicher zu geben, als wir ihn in dem Verfolg seines Briefes gefunden haben würden. Es war Abend, wir setzten uns in eine Laube des Gartens, und Samuel fing folgendermassen an.

So ist Ihnen dann, beste Mutter, noch nichts von dem bekannt, was mich gegenwärtig unglücklich macht, Sie wissen noch nicht, dass derjenige, der schon so oft gegen seinen eigenen Vorteil handelte, jetzt seinem Glück und seiner Ruhe einen tödtlichen Streich versetzt hat? Ich habe mir selbst das Liebste geraubt, das ich auf der Welt hatte, und was das sonderbarste ist, so bitter ich auch die Folgen desjenigen fühle, was ich tat, so kann ich doch keine meiner Handlungen bereuen, und nur selten dämmert der Gedanke in mir auf, dass ich geirrt haben könnte; ein Gedanke, welchen bessere überlegung sogleich vernichtet.

Die Stelle, die ich in der Geburtsstadt meines Vaters fand, entsprach meinen Wünschen noch mehr als je eine die ich besessen hatte. – Die Güte meines Grossvaters hatte mich in den Stand gesetzt, alle die Wege zu gehen, auf welchen ein junger Mensch den Zutritt vor den Richterstühlen, und die erlaubnis erhält, die Sache der Bedrängten zu führen. Dieses meinen Wünschen, und ich darf auch wohl sagen meinen Kräften, so angemessene Geschäft, zu Anfang unter der Aufsicht eines ältern Rechtsgelehrten zu treiben, war der Rat meines Grossvaters, und sein Vorspruch brachte mich bald in das Haus eines Mannes, der edel und gut wie er, der es wert war, sein Freund zu sein. Ich war so glücklich, alles das, was er mir unter die hände gab, gut zu Ende zu bringen, und sein Vertrauen zu mir wuchs dadurch so sehr, dass er mich mit einem Auftrage beehrte, der nicht allein meinem Stolze, sondern noch einem Gefühl schmeichelte, das meinem Herzen teurer, ihm tiefer eingewebt war, als jedes andere.

Der alte Hofrat Hermann hatte ein junges Frauenzimmer in seinem haus, die schon lange mein Auge auf sich gezogen hatte. Ungeachtet meiner Strenge, war ich doch nie so töricht gewesen, die Liebe zu verdammen, und hätte ich es auch gleich getan, so glaube ich doch, die Reize von Hermanns schöner Mündel würden wider meinen Willen Zugang zu meinem Herzen gefunden haben. Charlotte Walterdoch Sie kennen sie, und können also selbst urteilen, was so ein Mädchen für einen Eindruck auf mein Herz machen musste.

Peninna und ich sahen uns bei Charlottens Namen bedeutungsvoll an, und Samuel fuhr fort.

Nie hat wohl ein Jüngling einen strengern Begriff von weiblicher Tugend gehabt als ich. Der Aufentalt in grossen Städten hatte mich schon längst in der Meinung bestärkt, dass ich an ein schönes Ideal glaubte, das ich nie realisirt sehen würde. Charlotte überzeugte mich, dass ich bei dieser letzteren Meinung geirrt hatte. So schön als Sie ihre person gesehen haben, so schön ist ihre Seele, und immer war ihre Aufführung, so streng, so untadelhaft, dassdass selbst ich, keinen Flecken daran finden konnte. Kein Leichtsinn, keine Eitelkeit, keine Koketterie, keine veränderliche Laune, nichts von allen den Fehlern fand sich an ihr, die die meisten Mädchen klein nennen, oder sie wohl gar für eine Monche halten, die ihre Vorzüge in ein vorteilhaftes Licht setzt. fand ich etwas an Charlotten zu tadeln, so war es ihre Munterkeit, ihr aufgeräumtes Wesen, welches aber zu oft dazu diente auch mich aufzuheitern, und meine schwarzen Grillen, die ich selbst hassen musste, zu verjagen, als dass ich es im Ernst aus ihrem Charakter hätte wegwünschen mögen.

Man lebte auf einen sehr artigen und ungezwungenen Fuss in des Hofrats haus, Charlotte und ich sahen uns täglich, undes kam bald dahin, dass der ernste stille Jüngling eben den Eindruck auf das