gesagt hatte, wider meine Grundsätze sein würde, ferners Unterstützung von einem mann anzunehmen, den ich nicht länger hochschätzen könne, und dass ich also inskünftige von meinem eigenen Fleisse würde leben, und allen den Vorteilen entsagen müssen, die ich bisher mit ihm geteilt hatte.
Herr Katarines sah jetzt, dass er durch seine böse Zunge sein eigenes Glück untergraben hatte. Er bemühte sich, mich zu überzeugen, dass man gar wohl von Personen, deren schlechte denkart uns von aller Dankbarkeit und Hochachtung lossprach, Wohltaten annehmen könne, und als er sah, dass dieses kein Gehör bei mir fand, so strebte er so ängstlich seine ehemaligen Beschuldigungen gegen Sie zurückzunehmen, ward auf einmal ein so geflissentlicher Verteidiger und Lobredner von Ihnen, dass ich ihn in seiner wahren Gestalt erblickte, ihm es entdeckte, dass er entlarvt sei, ihm den Rest dessen, was ich an Gelde besass, zurückliess, um ihn nicht ganz hilflos zu lassen, und mich von ihm trennte.
Sie wissen aus meinen damaligen Briefen, wie das Glück mit mir spielte. Ich hatte genug gelernt, um als Gehülfe eines Rechtsgelehrten mein Unterkommen zu finden. Das Glück schien mich zu suchen, ich bekam Stellen, die mich schnell hätten heben können, man bewunderte meine Kenntnisse bei so jungen Jahren, man war mit meinem Fleiss und meiner Treue zufrieden, aber ich? – Bei dem geringsten Anschein von Ungerechtigkeit oder Bedrückung bebte ich zurück, bei keiner Sache wollte ich eine Feder ansetzen, die ich nicht ganz übersehen konnte, und wo ich nur einen Anschein von Möglichkeit fand, dass irgend ein falscher Schritt getan worden sei, oder der Handel einen zweideutigen Ausgang haben könne. – Man war oft herablassend genug, mir das Uebertriebene meiner Begriffe zu demonstriren, man bequemte sich, um mich nicht zu verlieren, auf eine unglaubliche Art nach meinem Eigensinne, aber ich wollte alles Böse das ich sah, aus dem grund gehoben wissen, liess mich nicht bedeuten, dass dieses unmöglich sei, und verliess jedes Haus, wo man meine Grundsätze zu streng fand, und die Richtigkeit des kleinsten meiner Begriffe von Recht und Unrecht bezweifelte.
Die Welt hätte umgekehrt, gesetz und Richter in eine ganz andere Form gegossen, und die Erde mit einem Geschlecht von lauter tugendhaften Menschen besetzt werden müssen, wenn ich das hätte treffen wollen, was ich suchte. An statt mich durch meine oftmaligen Aenderungen zu verbessern, geriet ich immer in schlimmere hände. Meine Hartnäckigkeit, mit welcher ich das was ich für Recht hielt, zu verfechten pflegte, und die Mühe, die ich mir, ohne meine Schwachheit zu bedenken, gab, denen die ich für Unterdrückte hielt, zu helfen, machte mir mächtige Feinde, und stürzte mich in Verdrüsslichkeiten, die mich nötigten Berlin zu verlassen.
Sie wissen, lieber Vater, dass ich Sie damals besuchte. Sie wollten mich bereden eine Reise nach Hohenweiler zu tun, um mich meinen älteren und meinen Geschwistern zu zeigen, aber was hätte ich da gesollt? Den Anblick meines Vaters scheute ich. In Ansehung meiner Mutter war mein Herz noch nicht ganz von dem Gift gereiniget, den Katarines Lästerungen gegen sie in demselben zurückgelassen hatten. Ich wusste, dass sie edel und gut war, ich trug Bedenken, sie mit der Zumutung zu kränken, ihre Handlungen vor ihrem Sohne zu rechtfertigen, und doch getraute ich mich nicht ohne dieselbe vor ihr zu erscheinen; sie würde es bald gemerkt haben, dass nur mein halbes Herz bei ihr sei. Meine Geschwister konnten bei dem Umgange, den sie mit dem Wilteckischen haus hatten, unmöglich so gut sein, als ich sie wünschte, und ich hatte also nichts, das mich nach Hohenweiler zog.
Sie waren es allein, an dem mein ganzes Herz hieng, und ich rechnete es für mein grösstes Glück, dass ich eine Stelle in der Geburtsstadt meines Vaters fand, die meiner Erwartung einigermassen zu entsprechen schien. So war doch ihre wohnung, mein Vater, dem Orte meines Aufentalts nahe, so konnte ich doch, oder vielmehr so kann ich doch, wenn ich will, sie täglich sehen und mich –"
Fünf und zwanzigstes Kapitel
Etwas aus der Romanenwelt
Wie? unterbrach ich mich hier in meinem Lesen, Samuel, mein armer betrogener Samuel mir so nahe, und ich habe ihn noch nicht in meine arme geschlossen? Dieses sagen, und zu meinem Vater eilen, war eins. O wo ist mein Sohn? rief ich ihm zu, wo ist er, dass ich ihn an mein Herz drücke, und ihn selbst frage, was er wider diejenige hat, welche ihn mehr liebt, als ihr Leben?
Hast du den Brief zu Ende gelesen? fragte mein Vater, ich antwortete, dass ich lieber den Rest seiner geschichte aus seinem mund hören, als mich länger mit dem toten Buchstaben beschäftigen wollte.
Mein Vater zuckte die Achseln. Vielleicht, sagte er, dass der heutige Tag dir diesen Wunsch gewähren kann. Es ist wahr, Samuel lebt in der Nähe, aber er besucht mich selten, und begnügt sich lieber mir zu schreiben, wie du aus dem Briefe schliessen kannst, den du eben gelesen hast. Er ist in aller Absicht ein Grillenfänger.
Wir sprachen noch über diese Dinge, als sich die Tür öfnete, und ein Jüngling hereintrat, den ich, ungeachtet der Veränderung, die etliche Jahre in seinem Ansehen gemacht hatten, augenblicklich für meinen Sohn erkannte. Ja du bist es! du bist es! schrieen