, hat er, seit dem Ermahnungsbriefe bei seinem Abschiede, gar nicht geschrieben.
Wir hatten gute Zeit zu sprechen, denn mein Vater schien in einem so tiefen Nachdenken begraben zu sein, dass er uns kaum hörte. Fraget mich nicht, fing er endlich mit einem tiefen Seufzer an. Samuel bleibt sich immer gleich, die Verdrüsslichkeiten, in welche ihn sein, im grund nicht tadelnswürdiger Charakter schon in seinen Kinderjahren stürzte, gehen jetzt, da er sich in einer grösseren Sphäre befindet, ins Grosse; er bringt sich um sein Glück, und ich sehe nicht, wie ihm endlich zu helfen sein wird. – Da leset diesen Brief, er wird euch Nachricht von seinem gegenwärtigen Zustand, und auch vielleicht einiges Licht über vergangene Dinge geben, die euch so wie mir, lange unerklärlich geblieben sind. Nun, sagte ich, indem ich zitternd den Brief nahm, und ihn von einander faltete, das Unerklärlichste war mir wohl der Widerwille, den sein Vater von jeher gegen ihn bezeigte, und den ich unmöglich allein auf die Rechnung seines, Herrn Hallern so widerwärtigen Namens, und auf das Ungefällige schieben kann, das sein Betragen in seines Vaters Augen immer hatte. – Dieses ist es eben, fuhr mein Vater fort, wovon du einige Winke in diesem Briefe finden wirst.
Ich liess Peninnen bei ihrem Grossvater, nahm den Brief und entfernte mich. Was ich fand war folgendes.
"Lieber Vater!
Ich muss, ich muss mein Herz vor Ihnen ausschütten sollte es auch schriftlich sein, da es mir mündlich unmöglich ist. Je länger ich in der Welt lebe, je mehr finde ich, dass ich nicht in dieselbe gehöre! O dass ich einen Winkel auf dieser Erde kennte, den ich mein eigen nennen dürfte, und in welchem ich nebst Ihnen, meiner Mutter und denen von meinen Geschwistern, die noch nicht verdorben sind, mit Ausschliessung aller übrigen menschlichen Gesellschaft leben könnte, oder dass mir die Zuflucht in einem Kloster nicht verschlossen wäre, welches mir, man sage auch was man wolle, doch der einige Ort zu sein dünkt, wo ein Mensch mit strengen Begriffen von Recht und Unrecht ruhig und ohne Anstoss leben kann. Kränken Sie mich nicht, mein Vater, mit solchen Aeusserungen wie bei unserer letzten Unterredung! Sie haben recht, Sie waren es, der mir diese strengen Grundsätze einflösste, aber die volle Stärke derselben, welche mich, ich fühle es, unglücklich macht, habe ich mir selbst, habe ich dem seltsamen Etwas zu danken, das in mir ist, und das mich zu tiefern Nachforschen treibt, als die Gegenstände, die um mich sind, vertragen können. Freilich sind diejenigen glücklicher, die nur mit ihrem Blicke auf der Oberfläche bleiben, und die Dinge nehmen, wie sie sich ihren Augen darstellen.
Wohin mich auch der Dämon, der mir alles mein Glück verbittert oder mir es unter den Händen vernichtet, einst führen mag, so beteure ich hier vor Himmel und Erde, dass Sie unschuldig an meinem Unglück sind. Ich kann Ihnen dieses nicht besser beweisen, als wenn ich Sie auf vergangene Dinge zurück führe. Es ist wahr, Sie lehrten mich frühzeitig das Gute und das Böse kennen, lehrten mich die Tugend so heiss, so innig lieben, als je ein schwärmerischer Jüngling das hohe seraphische Ideal von einem Mädchen liebte, das er nie in der Würklichkeit erblicken wird. Auch erregten Sie meinen lebhaftesten Abschen gegen das Laster, aber immer sagten Sie mir, ich müsste die volle Strenge gegen das Böse nur auf meine eigenen Handlungen anwenden, mich nie zum Richter anderer aufwerfen, nein, vielmehr für die Fehltritte anderer immer Nachsicht, Entschuldigung und schonendes Mitleid übrig haben. Dass ich der Prediger dererjenigen werden sollte, die die Vorsicht einige Stufen über mich gesetzt hat, dass ich es wagen sollte meinen eigenen Vater zu recht zu weisen, und mir dadurch seine Liebe vielleicht auf ewig zu rauben, dieses lehrten Sie mich nicht, und doch tat ich es. Ich war noch nicht dreizehn Jahr, als mir der Zufall, oder vielmehr einige dienstfertige Freunde, welche die Kinder so gern mit den Fehlern ihrer älteren unterhalten, alle die heimlichen Gänge entdeckten, auf welchen der, dessen Namen ich nicht zu nennen wage, sich, meiner Mutter, und uns allen den Untergang zubereitete. Ein anderer Knabe meines Alters würde dieses in den Wind geschlagen, oder sich wenigstens nicht für verbunden gehalten haben, eine handelnde person dabei vorzustellen. Ich hatte den unsinnigen Einfall, den Irrenden nicht allein schriftlich, sondern auch einmal mündlich auf eine Art an seine Pflicht zu erinnern, die sich freilich besser für Sie als für mich, der ich in seinen Augen noch ein Kind war, geschickt haben würde. Ich weiss, wie mir meine unzeitigen Ermahnungen, besonders die mündliche bekam. Man liess es nicht genug sein, mich für meine Kühnheit auf eine Art zu züchtigen, wie ich sie vielleicht verdiente, sondern man bürdete mir Unschuldigen auch in der Folge Dinge auf, die ich verabscheute und die mich eben so strafwürdig gemacht haben würden, als der war, den ich zu bessern wünschte.
Meine Mutter kam hinter die Verirrungen meines Vaters; so viel ich weiss, war er es selbst, der ihr dieselben entdeckte, und doch bekam ich, so oft ich ihn unter vier Augen sah, von ihm den Namen eines Ausspähers der väterlichen Handlungen, eines Verräters, eines Störers des häuslichen Friedens. Dass ich gewisse Dinge wusste