das Wort, dass ich unmöglich auf ihn zürnen konnte.
Mit Peninnens Betragen war ich sehr zufrieden. Ich
hatte gefürchtet, sie würde jenes geschwätzige übertriebene muntere Wesen annehmen, unter welchem manche Frauenzimmer ihre gekränkte Empfindlichkeit zu verbergen suchen, und ich hätte ihr gram sein können, wenn sie diese alberne Rolle gespielt hätte, die das, was sie verhüllen soll, so öffentlich zur Schau legt; aber ich hatte doch immer noch die Freude, dieses so irrige, in vielen Stücken so sehr fehlerhafte Mädchen, auf einer bessern Seite zu sehen, als ich ihr selbst zugetraut hätte.
Sie war freundlich, gefällig und unbefangen in
ihrem Betragen; sie nahm einigen teil an dem Gespräch, aber sie drängte sich nicht hervor; das wenige, was sie sprach, war gut, und ihr ganzes Wesen zeigte, dass sie hier keinen Anspruch auf Bewunderung, nicht einmal auf Bemerkung mache. Charlotte, die nichts von ihren ehemaligen Verhältnissen mit Waltern zu wissen schien, fand Peninnen interessant für sich, sie wandte sich immer an sie mit ihren Reden, sie zeigte in jedem ihrer Worte, dass ihr Herz sich zu ihr hinneigte, dass sie sich so eine Freundinn wünschen möchte, aber Peninna, die sich vermutlich erinnerte, dass ich ihr diesen Morgen sagte, zwischen ihr und den Frauen ihrer ehemaligen Liebhaber könne kein Umgang statt finden, und die diese Sentenz auf den gegenwärtigen Fall anwenden mochte, blieb zurückhaltend, und erwiderte Charlottens zuvorkommendes Wesen bloss mit der guterzigen Freundlichkeit, die ein kunstloses Landmädchen jedem Freunden zu erweisen pflegt; sie war zu ehrlich, gegen Charlotten, die sie bei allen ihren Vorzügen unmöglich lieben konnte, Empfindungen zu heucheln, die ihrem Herzen fremd waren. Eine andere an ihrer Stelle würde geglaubt haben, ihre Sachen vortreflich zu machen, wenn sie die Nebenbuhlerinn, die sie hasste, mit Liebkosungen überschüttet hätte, sie würde gedacht haben, ihrem ungetreuen Liebhaber durch ein solches Betragen zu beweisen, wie wenig sie seiner neuen Geliebten den Besitz seines Herzens missgönnte, und – sie hätte ihm durch alles ihr Bestreben nur das Gegenteil anschaulich gemacht. O Mädchens, Mädchens, lernt doch der natur und euren wahren Empfindungen so treu als möglich handeln, wenn ihr immer, auch in euren nachteiligsten Lagen, einen Anspruch auf achtung behaupten wollet.
Endlich ging dieser Besuch zu Ende, welcher, so wohl mir auch Walter und seine Charlotte gefielen, mir doch endlich anfieng lästig zu werden, und dessen ich überhaupt gern überhoben gewesen wäre. Peninna ward stiller; ich merkte es ihr an, dass sie ihre peinliche Anstrengung nicht lange mehr aushalten könne, und ich war froh, als man aufstand und sich empfahl.
Wie ist dir, meine Peninna? fragte ich, als ich von der Begleitung meiner Besuche zurückkam, und sie in ihren Stuhl zurückgelehnt sitzen fand. Sie streckte ihre Hand nach mir aus, ihre blauen Augen schlossen sich, und sie sank empfindungslos in meine arme.
Armes, armes Mädchen, wie schwer musstest du für die Torheit büssen, mit einem Herzen zu spielen, das dir lieber war als du selbst glaubtest. Walter war nun für dich dahin, auf ewig dahin, und dieses darum, weil du einige Stunden lang geglaubt hattest, du könntest alles wagen, ohne seinen Verlust zu fürchten.
Mein Mann war so wenig bei Walters Besuch, als bei dem darauf folgenden Auftritte gegenwärtig gewesen, aber als er kam, als er den ganzen Vorgang erfuhr, als er aus den eigenen Reden der trostlosen Peninna merkte, dass sie sich selbst den Verlust des Mannes, den sie liebte, zuzuschreiben habe, da brach er mit seinem gewöhnlichen Ungestüm wider sie los, und seine Härte, zusammengenommen mit ihren eigenen Empfindungen, versetzten sie wieder in den Zustand, welcher sie bei der ersten Mutmassung von Walters verscherzter Liebe dem tod nahe gebracht hatte.
Das Herz ihres Vaters erweichte sich nicht bei der Gefahr, in der er sie sah, es erweichte sich nicht, da sie, nachdem sie gerettet war, sich zum erstenmal wieder zu seinen Füssen warf, und seine Verzeihung wegen desjenigen erflehen wollte, wofür sie selbst am meisten gelitten hatte, und das einige Mittel ihr Ruhe zu schaffen, war, dass ich Herrn Haller bat, mir zu erlauben, die Tochter, die er ganz verworfen zu haben schien, zu ihrem Grossvater zu bringen, welcher bei seinem zunehmenden Alter die zärtliche Pflege weiblicher hände anfieng nötig zu haben, und von dem ich wusste, er würde seine immer vorzüglich geliebte Enkelinn mit offenen Armen aufnehmen. Herzlich gern willigte mein Mann ein, und wir reisten ab.
Vier und zwanzigstes Kapitel
Ein ewig langer Brief von dem lieben Samuel
Nicht allein der Wunsch, ein geliebtes Kind in die arme meines Vaters zu liefern, sondern auch Verlangen, bei ihm Nachricht von einem andern eben so geliebten, zu erhalten, trieb mich nach Traussental, wo mein Vater lebte.
Ich hatte ihm nicht sobald von allem, was bisher bei uns vorgegangen war, Nachricht gegeben, und Peninna hatte nach einigen ziemlich ernsten Vermahnungen des ehrwürdigen Greises, nicht so bald wieder ihren Frieden mit ihm gemacht, als wir beide fast aus einem mund fragten, was Samuel machte. Peninna klagte, dass sie so lange nichts von ihrem geliebten Bruder gehört, und ich, dass ich nie befriedigende Nachricht auf meine schriftliche Nachfragen nach ihm erhalten habe. Seine Briefe an mich, sagte ich, sind immer so kurz so allgemein in ihrem Inhalte, und mir, sprach Peninna